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01. Dezember 2016

Monica Müller und der Ernstfall Familie

Die Journalistin und zweifache Mutter weiss, wie man trotz kleiner Kinder entspannt den Alltag meistert. In der neuen Kolumne «1, 2 oder 3?» schildert sie, wie Charme und Humor helfen, die Kurve zu kriegen. Zumindest meistens.

Alltagssituationen werden zum Balanceakt
Viele Alltagssituationen werden zum Balanceakt.

Das Glück, sagt Monica Müller, lauere im Kleinen. Wenn ihre Jungs die Köpfe zusammenstecken und kichern, das Badezimmer unter Wasser setzen, sich kreischend durch die Wohnung jagen, denkt sie: «Die beiden sind das Lustigste, Herzigste und Originellste, das es gibt.» Im nächsten Moment passiert ein Sturz, oder es gibt Streit – «und sie sind nichts mehr von alledem». Monica Müller (42) ist in Zürich aufgewachsen, hat englische Literatur und Philosophie studiert und greift in schlaflosen Nächten am liebsten zu Romanen. «Tagsüber komme ich kaum zum Lesen», sagt sie.

Als Journalistin arbeitet die Mutter von Emilio (6) und Carlo (16 Monate) mit einem 70-Prozent-Pensum beim Migros-Magazin. Aus diesem Leben voller Glücksmomente und Herausforderungen berichtet sie ab heute wöchentlich in ihrer Kolumne «1, 2 oder 3?». Müllers Alltag ist durchgetaktet. Im Ernstfall schaffen sie und ihr Mann es, um 7.30 Uhr aufzustehen und um 7.50 Uhr das Haus zu verlassen – mit den Kindern. «Die Schuhe werden im Lift gebunden», sagt sie und lacht. Abläufe optimieren, das kann sie gut.

Der Witz des schwierigen Moments
Ihre Jungs haben Temperament. «Jeder Tag mit ihnen ist wie ein Hollywoodfilm», sagt sie: Drama hier, Freudentränen da. Zum Glück sind sie entspannte Leute, sie und ihr Mann Sandro (47), der mit einem 80-Prozent-Pensum als Marketingmanager arbeitet und die Kinder an einem Tag pro Woche betreut. Dennoch, Stress kennen auch die Müllers: zu wenig Schlaf, ein krankes Kind, Druck im Job. Was dann hilft, ist Humor. «Es steckt viel Witz in schwierigen Momenten», sagt Müller, «das will ich in meiner Kolumne vermitteln.» Auf Stress könne man verschieden reagieren, am besten spielerisch.

Doch auch Müller schafft die Charmedefensive nicht immer, sie erhofft sich auch von anderen Eltern Tipps. «Man kann einander so gut unterstützen», findet die Kolumnistin. Sie versteht es nicht, wenn Eltern sich gegenseitig kleinmachen. Was sie etwa nervt, ist die Frage «Was, der Kleine schläft noch nicht durch?» Lieber hört sie: «Ich weiss, wo du gerade drinsteckst» – sie, die Mutter von zwei «legendären Schlechtschläfern».

Neben Ehrlichkeit wünscht sich Müller mehr Herz. Sie ist oft mit den Kindern unterwegs, im Wald, auf dem Spielplatz oder nach der Kita im Tram: abends, zur Stosszeit. «Alle sind dann müde», sagt sie, «auch die Kinder, die schon mal quengeln.» Es würde helfen, wenn einen dann nicht auch noch fünf Augenpaare anstarrten. Ihre charmante Reaktion: Den Zuschauern Guetsli anbieten, die der Kleine in der Kita gebacken hat.


«WIE DIE KINDER MEIN LEBEN VERÄNDERN»

Die Kinder halten Monica Müller in Bewegung
Die Kinder halten Monica Müller in Bewegung ...

Die Erfahrungen von Kolumnistin Monica Müller:

Kinder takten den Alltag neu

«Gut, der Radius schrumpft, wenn man ein kleines Kind hat, und das Leben wird ein wenig langsamer. Dafür öffnet sich eine komplett neue Welt. Mit Emilio hatte ich manchmal eine halbe Stunde zu Fuss in die Kita – allein brauche ich für die Strecke fünf Minuten. Eine Zeit lang wollte er unterwegs jede Schnecke retten. Das war in seiner <Yakari>-Phase. Dann wieder fand er Bagger, Autos und andere Transportmittel rasend spannend. Mit der Zeit habe ich selber jeden Lastwagen und jede Strassenputzmaschine wahrgenommen und mich über besondere Exemplare gefreut.»

Kinder verändern Eltern und Eltern die Kinder

«Durch die Mutterrolle bin ich klarer und bestimmter geworden – das haben auch meine Arbeitskollegen bemerkt. Spüren die Kinder eine Wischiwaschi-Haltung, hat man schon verloren. Meine Art zu kommunizieren, prägt auch meine Kinder: So besuchte ich einmal eine Weiterbildung, in der ich es darum ging, die Gefühle bei der Arbeit klar zu benennen, statt sie über Ironie oder Sarkasmus einfliessen zu lassen. Beruflich hat der Kurs wenig bewirkt. Aber aus Emilios Kita kam die Rückmeldung, er rede plötzlich die ganze Zeit über seine Gefühle. Auch zu Hause stellten wir fest, dass er gelernt hatte, seine Emotionen einzuordnen. Wir hörten ständig Sätze wie <Das macht mich jetzt traurig und hässig zugleich.>»

Kinder sind in Restaurants eine Challenge

«Im Sommer ist alles einfach und entspannt. Wenn wir unterwegs sind, breiten wir irgendwo im Freien eine Picknickdecke aus und essen auf dem Boden. Genau wie ich früher, lieben es meine Buben, rumzudreckeln. Wenn zu Hause in der Badewanne Sand und Essensreste aus Ohren und Bauchnabeln rieseln, weiss ich: Sie hatten Spass. Im Winter ist alles komplizierter. Ein Restaurantbesuch mit beiden Jungs kann eine rechte Challenge sein, besonders wenn der Kleine zuerst sein Essen auf den Boden wirft, dann im Lokal rumtappt und alle kennenlernen will.»

Kinder vernetzen Eltern

«Ich erlebe viele schöne Begegnungen mit anderen Eltern. Kürzlich hat mir ein Vater gesagt, man könne ein Kind, das nicht in den Buggy gesteckt werden will, ganz leicht beruhigen, wenn man seinen Hinterkopf sanft berührt. Das war ein hilfreicher Tipp. Auf der anderen Seite geht einigen Vätern und Müttern das Sichern der eigenen Brut über alles. Sie sind so sehr aufs eigene Kind fokussiert, dass sie sich anderen gegenüber rücksichtlos verhalten. Oft schwingt auch im Subtext die Frage mit <Was, du hast das grad nicht so im Griff?>. Sie stärken sich, indem sie andere kleinmachen. Schade. Eltern könnten sich gegenseitig super unterstützen.»

Kinder fordern Arbeitgeber heraus

«Von vielen Arbeitgebern würde ich mir mehr Flexibilität und mehr Vertrauen wünschen, weniger fixe Präsenzzeiten und weniger Kurzsichtigkeit. Denn: Es ist erwiesen, dass der Mensch höchstens sechs Stunden am Tag wirklich produktiv sein kann. Die meisten Väter würden gerne Teilzeit arbeiten, können aber nicht. Viele Eltern würde ein Homeoffice-Tag hie und da entlasten – aber die wenigsten haben diese Freiheit. Mitarbeiter sind motivierter, wenn sie dabei unterstützt werden, Job und Familie unter einen Hut zu bringen – sie werden es mit viel Einsatz und Loyalität danken. Elternsein ist eine Schule in Effizienz. Arbeitgebern ist das zu wenig bewusst.»

Kinder spiegeln Rollenbilder

«Dass ich berufstätig bin, ist für meine Kinder selbstverständlich. Kürzlich hat Emilio <Globi im Märchenland> angeschaut, in dem es um <verkehrte Welt> geht. Das Baby sitzt Pfeife rauchend auf dem Sofa und liest die Zeitung, der Grossvater spielt am Boden mit der Brio-Bahn, die Mutter hackt Holz und der Vater steht am Herd – bei Letzterem fand Emilio: < Das ist doch völlig normal.> Das gefällt mir.»

ALLTAG MIT KINDERN
Die «1, 2 oder 3?»-Kolumnen von Monica Müller

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: René Ruis

Illustrationen: Lisa Rock