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14. September 2015

Mohammed-Karikaturist Kurt Westergaard

Der dänische Karikaturist Kurt Westergaard wurde weltweit bekannt, als er 2005 Mohammed mit einer Bombe als Turban zeichnete. Der fünffache Grossvater über den Kampf der Kulturen und den Islam. Personen, Typen oder Haltungen: Rechts lesen Sie, was Karikaturen angreifen.

Karikaturist Westergaard
Karikaturist Kurt Westergaard (Bild: Jens Nordgaard/Larsen/EPA/Keystone).

Kurt Westergaard, was dachten Sie, als Sie Anfang Jahr von den Anschlägen auf das Pariser Satiremagazin «Charlie Hebdo» hörten?

Ich war erschrocken, aber auch sehr wütend. Wütend sein hilft beim Verarbeiten. Das habe ich nach dem Anschlag auf mich vor fünf Jahren gelernt. Die Wut hat mich vor einem Trauma bewahrt. Gleichzeitig sorge ich mich sehr, wie sich solche Anschläge auf die Integration auswirken. Dänemark ist ein Wohlfahrtsstaat und hat viel in Immigranten, deren Ausbildung und Kinder investiert.

Wie wirken sich die Anschläge aus?

Wir sind ein sehr tolerantes Land, das auf dem Christentum basiert. Das sage ich, obwohl ich Atheist bin, ein protestantischer Atheist sozusagen. Wir haben noch immer Frieden. Nur müssen wir ein Aber anfügen. Viele Journalisten und Karikaturisten sind beunruhigt und haben nach den Anschlägen in Paris und Kopenhagen Angst, wenn sie heikle Themen beleuchten.

Wo waren Sie, als Mitte Februar 2015 ein Attentat auf Teilnehmer einer Veranstaltung mit dem Karikaturisten Lars Vliks in einem Kopenhagener Kulturcafé verübt wurde?

In meinem Haus in der Nähe von Aarhus nördlich von Kopenhagen. Ich kenne Lars Vliks sehr gut, er ist ein starker Mann. Ich mache mir um ihn keine Sorgen. Wie ich wird auch er vom dänischen Geheimdienst bewacht. Lars wird sich nun wohl genauso wie ich noch mehr Sorgen über die Zukunft unserer Gesellschaft machen.

Sie überlebten nach der Publikation Ihrer Mohammed-Karikaturen mehrere Anschläge. Haben Sie je bereut, die Karikaturen gemacht zu haben?

Nein. Sie waren nötig. Wir mussten uns früher oder später mit den beiden Kulturen auseinandersetzen – hier die dänische Demokratie, dort Immigranten mit einer alten Religion. Wir können nicht einfach aufgeben. Und ich bin sicher, dass es auch in Zukunft nicht möglich sein wird, kreative Intellektuelle in ihrer Arbeit zu stoppen. Am Ende wird die Demokratie siegen. Das heisst nicht, dass die Muslime ihre Religion aufgeben sollen. Aber sie sollen anerkennen, dass dieses Land, wie die meisten europäischen Länder, auf demokratischen Werten basiert. Ich hoffe, dass dies verstanden wird.

Weshalb haben Sie damals den Propheten Mohammed mit einer Bombe als Turban dargestellt?

Im Persischen gibt es ein geflügeltes Wort, das sinngemäss bedeutet: Wenn jemand eine Orange im Turban hat, ist er glücklich. Statt einer Orange zeichnete ich eine Bombe. Ich wollte damit zeigen, dass die Terroristen ein altes Buch, den Koran, missbrauchen. Ich weiss nicht, ob ich damit tatsächlich den Propheten zeichnete. Mir ging es vielmehr darum, einen Mann darzustellen, der Teile der Religion missbraucht. Die Muslime interpretieren diese Karikatur als Mohammed. Ich bin mir da nicht so sicher.

Der verstorbene Ex-Präsident des Schweizerischen Rats der Religionen, der Muslim Hisham Maizar, sagte dem Migros-Magazin in einem Interview, dass Mohammed-Karikaturen kontraproduktiv seien, weil sie derart starke negative Gefühle bei Muslimen auslösten.

In einer friedlichen Demokratie gibt es immer Karikaturisten und Satiriker, die skeptisch sind gegenüber machtgierigen Politikern, Priestern, der Bürokratie und auch gegenüber Religionen. Dafür muss es Platz haben. Vielleicht hilft diese Anekdote über Satire und Macht: Pablo Picasso malte 1937 «Guernica», das an den deutsch-italienischen Luftangriff auf die baskische Stadt erinnert. 1940 traf Picasso einen deutschen Luftwaffenoffizier. Dieser fragte, ob er «Guernica» gemacht habe. Picasso antwortete: «Nein, Sie.»

Ist Ihre Karikatur nicht trotzdem zu viel der Provokation?

Nein. Die Reaktion aus islamischen Kreisen zeigt, dass ihre Religion sich mitten im Kampf zur Freiheit befindet. Wissen Sie, ich habe keine Angst. Ich bin Mitte Juli 80 Jahre alt geworden. Mir kann man nicht mehr viel wegnehmen. Aber ich bin traurig wegen meiner Berufskollegen, die aus Angst nicht mehr zeichnen.

Tatsächlich: Heute müssen westliche Karikaturisten ihr Leben riskieren, wenn sie ­sehr kritisch zeichnen.

Das kann man so sagen. 2010 schlug ein Somalier mit der Axt mein Fenster ein und versuchte, mich mit einem Messer anzugreifen. Ich konnte mit einer Enkelin im letzten Moment flüchten. 2008 wurde ein mögliches Mordkomplott gegen mich vom dänischen Polizeigeheimdienst vereitelt. Wir rund zehn dänischen Karikaturisten sind wirklich sehr gut geschützt und in sicheren Häusern. Nach den Anschlägen auf mich musste ich das Haus jeden Monat wechseln. Von Zeit zu Zeit fuhr ich deshalb auch ein anderes Fahrzeug.

Und heute fühlen Sie sich wirklich sicher?

Ja, beim dänischen Geheimdienst arbeiten sehr professionelle Leute. Ich führe ein fast normales Leben.

Wie sieht das heute aus?

Ich zeichne nach wie vor, jedoch nicht mehr für die Medien. Ich bin ja seit einigen Jahren pen­sioniert. In der jüngsten Vergangenheit habe ich viel Zeit damit verbracht, den Schriftsteller und Dichter Hans Christian Andersen zu porträtieren. Ein Karikaturist hört mit seinen Arbeiten nie auf.

Sie sprechen von einem «fast normalen Leben». Was heisst das im Detail?

Eigentlich kann ich alles ­machen. Klar, ich muss mich mit den Sicherheitsleuten absprechen, bevor ich etwas unternehme. Aber ich kann beispielsweise ins Ausland reisen und war vor einigen Jahren auch in der Schweiz. Dort verkaufte ich über eine Galerie einige meiner Zeichnungen. Den Erlös ­spendeten wir einer Schule auf Haiti ­sowie einem Fussballclub in Ghana. Insgesamt sind rund 400 000 Dänische Kronen ­zusammengekommen (rund 58 410 Franken).

Welche Beziehung haben Sie heute zum Islam?

Ich habe mit der Religion kein Problem. Aber ich habe ein Problem damit, wenn eine Religion die Demokratie nicht anerkennt. Ich kenne nur wenige Muslime. Viele wollen sich nicht mit mir unterhalten. Ich halte mich da gern an den alten deutschen Humoristen Otto Julius Biermann. Er sagte: «Humor ist, wenn man trotzdem lacht.»

Autor: Reto E. Wild