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24. November 2014

Mörderische Faszination

Bekannte Verbrechen schrecken viele Menschen bei allem Interesse ab, seltener dienen sie aber leider auch als Vorbild. Wir stellen in vier Kategorien die prägendsten Täter vor und fragen, was ihre Faszination und ihren Schrecken ausmacht. Dazu das Interview mit dem Biochemiker Hans Günter Gassen zum Mordimpuls bei allen Menschen («Kriege sind Alltag»).

Johnny Depp als Jack the Ripper
Johnny Depp als oft mehr melancholischer als gewalttätiger Jack the Ripper. (Bild LAIF)

Der eine sticht durch die perfid hinterhältige Planung eines Mordes heraus, ein anderer durch die grosse Anzahl an Opfer, ein dritter durch Brutalität, ein vierter vielleicht durch eine spezielle Störung des Bewusstseins.
Oft denkt man bei den Tätern zuerst an Figuren aus Büchern oder Filmen, nicht an im Detail verbürgte Killer aus Gegenwart und Geschichte. Oft wurden allerdings reale Mörder erst in der – stark verfremdeten – «Hommage» auf Leinwand oder zwischen Buchdeckeln weltweit berühmt.

Migrosmagazin.ch stellt Beispiele von Serientätern, Amokläufern, kaltblütigen Planern, gespaltenen Persönlichkeiten oder fast schon sympathischen gefallenen Engeln vor. Verzichtet wurde auf Massenmörder mit politischem oder von Sekten geprägtem Hintergrund. Sie und noch stärker deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit unterscheidet sich zu stark von den andern.
A. Amoklauf: MIT DER VERGANGENHEIT AUFRÄUMEN
Die bekannten Vorbilder von sogenannten Amokläufern finden am ehesten Nachahmer, manchmal –erstaunlich – im Nachhinein auch Verständnis für deren Taten. Gemeint sind hier nicht die Fälle, bei denen Mörder scheinbar zufällig um sich schiessen, sondern die gezielt vorgehenden: jene Mörder, die klassischerweise an ihrer Schule, in der Arbeitsumgebung oder dem Elternhaus (frühere) Peiniger und weitere eng oder lose in Beziehung stehende Personen töten.

In Amerika ereignete sich der bekannteste Fall in der Columbine High School 1999, als ein 17- und ein 18-Jähriger 12 Mitschüler, den Lehrer und sich selbst umbrachten und überdies 24 Verletzte zurückliessen. Einige Nachahmer folgten diesem Beispiel. In der Schweiz sorgte der Fall des Zürcher Baupolizeichefs Günther Tschanun für Aufsehen, der 1984 mehrere Mitarbeiter erschoss.

Woher die Faszination kommt? Vermutlich stellen sich viele eine schlimme Vorgeschichte vor, die zu den schrecklichen Taten geführt oder dazu einen Teil beigetragen hat. Eine Art Abrechnung für wirkliches oder eingebildetes übles Verhalten von Mitmenschen also. Oder ein Beseitigen von «Hindernissen», als möchte jemand seine Vergangenheit «aufräumen», von missliebigen Beziehungen und Einflüssen «reinigen». Vielleicht das Gegenteil einer Therapie mit der Arbeit an sich selbst und dem Umfeld.
B. Serienkiller: TRIEB- ODER KOPFGESTEUERT
Die bekanntesten Exponenten der Mordhistorie fallen unter die Kategorie der Killer, die mehrere, ihnen meist unbekannte Menschen nach einem bestimmten Muster umbringen. Fast immer sind es Männer, meist sind Frauen die Opfer, zu einem hohen Anteil weisen die Tötungsarten und Begleitumstände eine stark sexualisierte Komponente auf.
Die Vorgehensweise der Serienkiller ist jedoch völlig unterschiedlich: Die einen scheinen mit wenigen Vorsichtsmassnahmen und ein paar Ortswechseln scheinbar wild ihre Triebe auszuleben. Die anderen verfolgen eher intellektuell und mitunter kreativ ihre kriminellen Ziele und werden schwer oder spät erwischt.

Das Extrembeispiel für Triebsteuerung ist wohl Nikolai Dzhurmongaliev, der in der Sowjetunion der 80er-Jahre Frauen auf bestialische Weise ermordete und davor oder danach schändete. Auch kannibalische Methoden waren dem erklärten Frauenhasser und später auch als schizophren Diagnostizierten nicht fremd. Zu einer ähnlichen Kategorie zählen die Amerikaner Ted Bundy (70er-Jahre) oder Gary Ridgeway (80er). Der Urvater dieser Tradition hiess Jack the Ripper, der in London mit einer Serie von Prostituiertenmorden 1888 als erster weltbekannter Serienkiller galt. Es gibt etliche Bücher und Filme über ihn, zuletzt spielte ihn Johnny Depp (Bild oben). Besonders an ihm war sein genau geplantes Vorgehen, das chirurgisch genaue Entfernen von Organen – und dass er nie gefasst wurde.
C. Planer: DIE KONTROLLE DER TODESMEISTER
In diese eher selten auftretende Kategorie fallen Täter, die mit hohem Aufwand an Planung, Zeit und auch Material einen Mord oder mehrere begehen. Sie schaffen sich wie ein Schöpfer eine eigene Welt, legen deren Regeln fest. Und eine Weile funktioniert die tatsächlich nach ihrem Willen. Sie haben die Kontrolle, führen eine Art Doppelleben. Schliesslich fällt ihr Universum aber mit Festnahme und Verurteilung zusammen. Weil sie durchschaut und wie jeder andere Mörder beurteilt werden, stört sie das mehr als die Strafe und bevorstehende Unfreiheit. Denn sie verstehen sich als einzigartig.

Aus Deutschland könnte man Friedrich Harmann nennen, der in den 20er-Jahren mehrere junge Männer ermordete, die Leichen zer- und etwa bei Hannover am Flussufer verteilte. Von den Opfern fiel lange nie mehr als deren Verschwinden auf, Haarmann erwischte die Polizei bloss per Zufall, wegen eines weiterverkauften Mantels …
Der Amerikaner Herman Webster Mudgett alias H.H. Holmes bot ab 1892 in Chicago noch Spezielleres: Er baute während mehrerer Saisons sein Haus um, lockte einige Menschen unter raffiniertem Vorwand in sein auf Töten und Verschwinden-Lassen perfektioniertes Horrorhaus und tötete sie qualvoll mit eigens entwickelten (Folter-)Methoden. Speziell skrupellos tat er sich hervor, indem er Skelettteile an Universitäten verkaufte und damit nicht übel verdiente. 1895 wurde er gefasst und bald danach gehängt.
D. Gefallener Engel: VOM OPFER ZUM TÄTER
Rechtfertigen lassen sich natürlich auch deren Mordtaten nicht, aber für die meisten Beobachter besser nachvollziehen als bei Amokläufern. Hier geht es um Menschen, die in der Familie oder dem späteren Umfeld extrem unter die Räder kamen und irgendwann brutal zum «Gegenangriff» übergehen. Allerdings vollziehen Rächerinnen – hier gibt es viel mehr Frauen als bei den vorherigen Typen – nicht nur gezielte Racheaktionen gegen die Verursacher ihrer früheren Opfersituation. Sie beginnen in Serie Unbeteiligte zu ermorden.

Am Rande gehört auch eine Christa Lehmann dazu, vom Vater übelst behandelt, ähnlich vom ersten Mann. Sie vergiftete diesen mit dem Pflanzenschutzmittel E-605 (einige Frauen folgten danach dem Beispiel!), dessen Vater ebenfalls und später weitere in ihrem Umfeld. Die Mutter ihrer Freundin schöpfte Verdacht, statt ihrer erwischte Lehmann mit einer vergifteten Praline die Freundin selbst – und wanderte 1954 mit dreimal Lebenslänglich in den Knast. Bekannter und noch typischer ist wohl die Amerikanerin Aileen Wurnos. Sie wurde schon als Baby sich selbst überlassen, stand mit 11 Jahren auf der Strasse, wurde mit 13 vergewaltigt und mit 14 schwanger. Mit Drogen und Alkohol suchte sie sich zu betäuben, für die Finanzierung begann sie mit Prostitution. In letzter Konsequenz erschoss sie ab 1989/1990 einige zu ihr ins Auto gestiegene Freier, beraubte sie und entledigte sich der Leichen mehr oder minder raffiniert. Die Rache an der mächtigen Männerwelt wies also einen Aufbau in drei bis vier Schritten auf. Sie wurde 2002 mit der Giftspritze hingerichtet.

Autor: Reto Meisser