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27. Februar 2017

Am Berg sind alle gleich 2: MITTAGSPAUSE IN DER SKISCHULE

vor der Mittagspause
Endlich Ruhe nach dem Stress auf der Piste? Wenn sich der Skilehrer da vor der Mittagspause bloss nicht täuscht ... (Bild: Keystone)

Erinnern Sie sich noch an meine erste Skischul-Kolumne? An den ängstlichen Kasimir, an die talentierte Klara oder an die verzogene Amalia-Sophie? Ja? Heute gibt es Neuigkeiten vom Pistenrand beziehungsweise aus der Mittagspause.

Kurz vor zwölf wedelt der holländische Skilehrer auf das Bergrestaurant zu, die zehn Nachwuchsfahrer hinterher. Skier abschnallen, Helme, Jacken, Handschuhe ausziehen. Während Amalia-Sophie bereits die Speisekarte studiert, ist Kasimir abgelenkt. Wild gestikulierend versucht er, seine Mutter abzuschütteln. Die will sich gerade an einen Nachbartisch setzen. «Ist das nicht ein Riesenzufall, dass ich ausgerechnet hier und ausgerechnet jetzt Pause mache?» Der Skilehrer beisst kurz in seinen Brillenbügel. Und dann lächelt er wieder. (Buchtipp: Fremdeln, Klammern, Trennungsangst – so helfen Sie Ihrem Kind liebevoll beim Loslassen.)

Nun geht es ans Bestellen. Klara ist sich nicht sicher, ob ihr hier etwas schmeckt. Am Ende siegt der Hunger, und sie ordert Spaghetti bolognese ohne Sauce. Max und Neele sind dafür umso schneller: Pommes frites mit Ketchup, bitte! «Au, ja!», juchzt Leon, doch dann erinnert er sich, dass seine Eltern ihn gebeten haben, was Vernünftiges zu essen. «Haben Sie Quinoa-Bratlinge?», fragt er vorsichtig. Die Serviertochter schüttelt den Kopf und zaubert eine Alternative aus dem Ärmel: frittiertes Frühkartoffelgemüse an süssem Tomatenmark (= Pommes mit Ketchup). Gebongt! (Passende Lektüre: Bert, der Gemüsekobold - Warum man gesunde Sachen essen sollte.)

Amalia-Sophie würde am liebsten mit einem Glace starten, da ihr immer noch schrecklich heiss ist. (Kein Wunder, immerhin war sie mit Skiunterwäsche, Pullover, Faserpelz und Daunenjacke unterwegs.) Nach einigem Hin und Her entscheidet sie sich dann doch für die Chicken Nuggets, der Skilehrer will eine Pizza, und die Zwillinge Älplermagronen mit viiiiiel Apfelmus. Der Sirup fliesst in Strömen, das Essen wird serviert – noch mehr Sirup, bitte.

Dann muss Max mal. Was an sich kein Problem wäre, hätte er nicht so einen unpraktischen Overall an. «Du musst auf dem WC die Arme deines Anzugs festhalten», empfiehlt der Skilehrer. Der Knirps nickt. Als er wenig später zurückkommt, verkündet er ganz stolz, dass der Anzug auch wirklich nur einmal und auch nur ganz kurz aus seinen Händen geflutscht ist... «Das trocknet», meint der Chef und isst ungerührt weiter. (Passender Titel: Lebe Wild und wagemutig! Warum Helme zu Unfällen führen und Bakterien gut für die Gesundheit sind.)

Am Ende der Mittagspause sind alle satt. Bis auf Klara, die findet, dass ihre Mutter die besseren Spaghetti kocht. Es kann wieder losgehen. Der Skilehrer zippt Jacken zu, hilft mit den Handschuhen und justiert Helme. Als endlich alle Kinder ihre Skier anhaben, als alle Nasen gecremt und alle Stöcke gefunden sind, melden sich die Zwillinge zu Wort: «Wir müssen doch noch aufs WC, das Apfelmus ist schuld.» (Buchtipp: So ein Kack! Das Kinderbuch von eben dem.)

(Ein paar der genannten und ähnliche Erziehungs-Ratgeber sind bei ExLibris.ch erhältlich)

Autor: Bettina Leinenbach