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12. März 2012

Mitsingen verboten!

Die Gitarre hat den ersten Walzertakt von «Are You Lonesome Tonight» noch nicht zu Ende gespielt, der Gesang noch nicht eingesetzt, schon schreit Hans vom Rücksitz: «Vati, du singst jetzt nicht mit! Der am Radio kanns chli besser.» Ertappt. Mein Mund stand schon zum Mitsingen offen. Elvis! Mein King. Die Kinder wissen, dass der Vater diesbezüglich einen Spleen hat, schliesslich trinkt er schon seinen Morgentee aus einer Elvis-Tasse, und die Wohnung ist voller Figürchen, Kalenderbilder, Kerzen mit dem Konterfei des Kings und Miniaturnachbildungen seiner Cadillacs.

Wir sind auf dem Weg ins Klettertraining, und dem Hans wärs peinlich gewesen, wenn ich vor seinem Freund Aurel zu singen angefangen hätte. Verständlich. Nun ist er es freilich, der fachsimpelt: «Also, ich hätte jetzt etwas Rassigeres gebracht als ‹Are You Lonesome›!» Gerade wurde am Radio berichtet, die einstige Band des King of Rock ’n’ Roll spiele zum Konzert auf, und Elvis himself werde per Video zugespielt. «Ich hätte eine typische Konzertnummer gebracht: ‹See See Rider› oder ‹Jailhouse Rock›», schwadroniert Hans cool. Er weiss, dass Elvis die meisten Auftritte mit «See See Rider» begann; in seinem Zimmer läuft die Live-CD «Rockin’ Across Texas» seit einigen Wochen heiss. Das ist ja das Schöne: dass der Bub meine religiösen Gefühle teilt — Elvis Presley, Anfang und Ende. (Wie gern verzeihe ich ihm da, dass ihn YB, ganz anders als seine Schwester, relativ kalt lässt.)

«Der am Radio kanns besser, Vati!»
«Der am Radio kanns besser, Vati!»

Sie müssen «Rockin’ Across Texas» übrigens nicht im Laden suchen. Dazu muss man schon den Katalog mit den Fanartikeln abonniert haben; das Album gibts nur im Direktversand für Angefressene. Und, hey, die Aufnahme ist eine der besten aus den letzten Jahren des Köni … Aber das wollten Sie vermutlich gar nicht wissen? Also werde ich Ihnen auch nicht verraten, dass ich den Weihnachtsbaum jeweils mit Elvis-Kugeln schmücke, wie viele hundert Dollar ich für die Originalpressung der Vinyl-Single «Love Me Tender» hingeblättert habe … Und dass ich schon fünfmal nach Memphis, Tennessee, ans Grab des Kings gepilgert bin, würden Sie mir ohnehin nicht glauben. Aber der Hans, der weiss es. Und das nächste Mal wird er mich begleiten. Wenn er über dem Mathi-Heft sitzt, aber herumalbert, statt die Rechnungen zu lösen, wenn also ein normaler Vater «Lifere, nid lafere!» riefe, werfe ich mich in Pose und singe: «A little less conversation …», und er erwidert prompt: «… a little more action, please!» Mein Sohn! (Den ich, langjährige Leserinnen erinnern sich vielleicht, einst Hans Elvis taufen wollte.) Mein Sohn ist Elvis-Fan.

Wie wertvoll das ist, wissen all diejenigen, die letzte Woche erwartungsfroh den Fernseher einschalteten, um mit ihren Kleinen «Dominik Dachs» zu schauen, das Guetnachtgschichtli schlechtin, den Klassiker unserer Kinderjahre. Und was tun die Kinder? Scheren sich einen feuchten … um Niki-Tiki, den Roten Tom und die Katzenpiraten und wollen stattdessen «Lauras Stern» und «Bob dr Boumaa» schauen, stimmts? So vergänglich sind ewige Werte. Nur Er besteht: Presley.

Ans Elvis-Konzert im Hallenstadion? Ging ich nicht. Meine Liebste und ich fuhren stattdessen nach Basel zu Snow Patrol. Grossartige Band! Und irgendwie halt doch … lebendiger.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Bänz Friedli (46) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Bänz Friedli live: 15. 3. Unterlunkhofen AG, 16. 3. Kerns OW, 18. 3. Kallnach BE.

Seine Internetseite: www.derhausmann.ch
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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli