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23. September 2013

Mitesser

Gastgeber spielen darf der Nachwuchs
Bei ungebetenen Mittagsgästen muss Mama nachkochen, schöpfen und Gastgeber spielen darf der Nachwuchs. (Bild Getty Images)

12 Uhr. Das Mittagessen stand auf dem Tisch. Ich hatte echt alles gegeben. Für ein Mal gabs bei uns keine Nudeln mit Ketchup. Und auch keine dieser platt gehauenen Pouletstücke mit Panade drum herum. Ich hatte ein echtes Menü gezaubert: Poulet-Spiessli (selbst mariniert), Stocki (selbst angerührt), Salat (selbst gewaschen). Nun fehlte nur noch mein Kindergartenkind. Die Minuten vergingen, es wurde zehn ab zwölf, Viertel ab zwölf, zwanzig ab zwölf. Der Salat schwamm traurig in der Vinaigrette herum, das Stocki bekam eine Haut.

Endlich. Es klingelte. Ich drückte den Knopf, um die Haustür zu öffnen. Dann trat ich aus der Wohnung ins Treppenhaus.
«Ida?»
Keine Antwort.
«Iiiidaaaa, bist du das?»
«Ja, Mami.»
Gemurmel. Getrampel. Ich konnte Ida quasseln hören. Sie redet aber nicht mit mir, so viel war klar.
«Chömed ine, s Mami hätt bestimmt öppis Feins kochet…"
«???????????»
Schon bog die Bande um den letzten Treppenabsatz. Ida strahlte mich an:
«Ich habe meine Freundinnen eingeladen. Heute essen die Anne, die Brigitte, und die Caroline auch bei uns. Ist das nicht toll?»

Ja. So was von toll. («Vor allem wenn man bedenkt, dass ich für anderthalb Personen gekocht habe.») Ich wollte schon loszetern, da wurde ich vom Läuten des Telefons abberufen.

Annes Mutter am Apparat. Sie klang etwas gehetzt. Es sei, so meinte sie, ja total lässig, dass ich zu einem grossen Fest geladen habe. Sie finde es aber nicht so ideal, denn immerhin habe sie extra gekocht. Deswegen schlage sie vor, ich solle doch in Zukunft rechtzeitig Bescheid geben, wenn bei uns ein Gelage stattfinde. Ich versicherte wortreich, dass die gesamte Idee auf dem Mist meiner 5-Jährigen gewachsen sei.

Kaum hatte ich Annes Mutter beruhigt, klingelte das Telefon erneut. Brigittes Grosi sagte, es freue sich, dass die Kleine zum Essen kommen könne. Sie wolle aber dennoch sichergehen, dass auch alles seine Richtigkeit habe. Denn obwohl meine Tochter allen gesagt habe, ich hätte gerne viel Besuch, sei sie sich dann doch nicht so ganz sicher.

Dann klingelte es wieder an der Tür. Sie ahnen es schon: Carolines Mutter. Sie wollte gerade eine Vermisstenanzeige aufgeben, da die Kinder sie gar nicht erst informiert hatten. Gott sei Dank erfasste sie die Situation schnell. Da meine Tochter zwischenzeitlich in Tränen ausgebrochen war und auch die anderen Meitli lange Gesichter zogen, übten wir Mamis uns im Troubleshooting. Carolines Mami lief schnell heim, tupperte ihren Zmittag ein und kam zurück. Dann bauten wir ein Buffet auf. Es gab abgesoffenen Salat, kalte Poulet-Spiessli, verkrustetes Stocki, verkochte Vollkornnüdeli, lauwarme Tomatensauce und noch einmal abgesoffenen Salat. Kurzum: Es war ein Festessen.

Als Ida ihre Kolleginnen eine halbe Stunde später zur Wohnungstür begleitete, hörte ich, wie sie Brigitte etwas zuraunte:

«Morn ässe mir im Fall alli bi eu…»

Autor: Bettina Leinenbach