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08. September 2014

Mit viel Eis und Aussicht

Ofenhorn, Wildhorn, Piz Medel oder Kesch: Diese vier Gipfel sind eher leichter zu besteigen als der Palü, belohnen den Aufstieg aber ebenfalls mit einem Gletscherfirn und einer einzigartigen Weitsicht.

Über ewiges Eis auf den Kesch
Über ewiges Eis auf den Piz Kesch: Der Blick zurück auf den Porchabella-Gletscher. (Bilder © Claudio Meisser)
Die klassische Gletscherroute verläuft von der Rückseite auf das Ofenhorn
Keine Angst: Die klassische Gletscherroute führt auf der einfacheren Rückseite auf das Ofenhorn. (Bild Keystone)

Nicht nur der Piz Palü in der Berninaregion GR lockt mit malerischen Aufstiegen, ewigem Eis und lohnenden Ausblicken. Auch andere Schweizer Erhebungen haben all das zu bieten, dazu erst noch in etwas geringerer Höhe und teils auf zugänglicheren Routen.
Drei Vorschläge fast ohne klassisches Klettern und exponierte Stellen am Ende, zum Schluss noch eine Route mit etwas anstrengenderem Abschluss nach der Gletscherpassage. Gemeinsam ist allen, dass als Mindestanforderung Erfahrung im hochalpinen Gelände und ein Führer für die Gletscherpassage gefordert ist.
Gipfel der Talidylle: OFENHORN
Die technisch einfache Besteigung des 3235 Meter hohen Ofenhorns, zuhinterst im noch immer verkannten Binntal VS, blieb bisher ein Geheimtipp. Dabei gehört die abgelegene Landschaft zwischen Goms und nördlichem Piemont-Ausläufer mit dem sanften Tourismus an sich schon zu den schönsten Tälern der Schweiz. Das Ofenhorn bietet trotz vergleichsweise bescheidener Höhe denn auch einen Blick zurück über das Tal, leicht entferntere Walliser und Berner Gipfel im (Nord-)Westen, Tessiner und vereinzelte Bündner Spitzen im Osten und abwechslungsreiche italienische Berglandschaft Richtung Süden.
Route: Die Anreise erfolgt per Postauto von Fiesch über Ernen durch die zerklüftete Schlucht nach Binn. Dort lohnt sich der Aufenthalt oder eine Stippvisite im historischen Hotel Ofenhorn, ausgezeichnet als «historisches Hotel 2013». Am Vortag der Gletschertour steht jedoch die Wanderung von rund zweieinhalb Stunden zur Mittlenberghütte an, von wo es am Morgen früh in rund drei Stunden auf den Gipfel geht, beinahe zwei Drittel davon auf ewigem Eis.
Danach empfehlen wir als Abwechslung den Abstieg mit kürzerer Gletscherpassage etwas südöstlicher zur Binntalhütte. Von da kann, statt retour über Binn zu gehen, der alpine Wanderweg über den Albrunpass hinab ins italienische Val Formazza gewählt werden.
Die Wanderung am Grat: WILDHORN
Einer der bekanntesten Berge für Gletschertouren bis fast auf den Kulminationspunkt (3247 m ü. M.) ist das Wildhorn auf der Grenze Bern/Wallis, ebenfalls mit bester Aussicht: auf die nahe gelegenen Berner Spitzen und die Walliser Viertausender im Süden. Es bedingt allerdings am Vortag ein etwas längeres Anlaufen über die lohnende Iffigenalp mit einem hübschen Seitental. In einem Tag kann man nur aufsteigen, wenn man mit dem PW bis Ende Iffigenalp fährt und denselben Rückweg wählt.

Der Gletscheranteil weit höher als auf diesem Bild zu vermuten: Das Wildhorn
Keine atemberaubende Kletterübung, dafür ist der Gletscheranteil weit höher als auf diesem Bild zu vermuten: Das Wildhorn in der Bildmitte. (Bild Keystone)

Route: Früher hat man am Vortag von Lenk, dem Siedlungsende südlich bei Säge/Blatti und Brunnersweidli, gemütlich in maximal drei Stunden über die Iffigenalp und den Iffigsee die Wildhornhütte erklommen. Sie wird heute nicht mehr regelmässig gewartet, Wasser kann vom See auf 2390 Meter Höhe das letzte Wegstück hochgetragen werden. Ein-Tages-Sprinter müssen bis Ende Iffigenalp fahren, benötigen danach aber bloss noch an die anderthalb Stunden bis zur Hütte. Von da dauert die Route mit hohem Gletscheranteil (gut) drei Stunden, verläuft erst auf einer Moräne und mündet dann östlich vom Chilchli auf den gleichnamigen Gletscher, später über eine Ecke des Tungel- auf den Ténéhet- und zuletzt den Wildhorngletscher – stets nördlich in unmittelbarer Gratnähe – bis beinahe zum Gipfel. Als Alternative zum identischen Rückweg empfiehlt sich der Abstieg südöstlich über den Lac de Tseuzier in Richtung Crans-Montana. Natürlich kann die Tour auch umgekehrt (von Crans aus) begangen werden. Oder man steigt in einer Variante über den westlichen Tungelgletscher bis fast zum Pfaffenhorn zurück zur Wildhornhütte ab.
Lohnender Anmarsch: PIZ MEDEL
Der Ausflug auf den Medel (3210 m ü. M.) an der Grenze zwischen Tessin und Graubünden erfolgt üblicherweise vom Lukmanierpass aus – über die Medelserhütte. Neben der Aussicht über ein Panorama von Innerschweizer über Berner bis zu Bündner Gipfel in der Ferne macht die einmalige Greinaebene den Trumpf des Medelser Panoramas aus. Die vorgeschlagene Normalroute ist im Vergleich zu Wildhorn und Ofenhorn in ein bis zwei Passagen – vorab kurz vor der Gletschertraverse mit hilfreichen Ketten – bereits leicht schwieriger, mit Führer und hochalpiner Erfahrung jedoch gut machbar.

Sicht vom Lukmanier auf den Piz Medel
Beeindruckende Sicht vom Lukmanier auf den Piz Medel im Hintergrund. (rechts / Bild Keystone)

Route: Anreise mit PW oder Postauto bis Medel am Lukmanier (zuvor Zugreise bis Disentis/Mustér), Haltestelle Fuorns. Aufstieg zur Puzzetta Sut und weiter über die Fuorcla Buora (ca. 2300 m ü. M.) ins nächste Seitental, an dessen östlichem Gegenhang zuoberst die Medelser Hütte liegt. Diese gut drei- bis eher dreieinhalbstündige Wanderung erfolgt am Vortag. Am frühen Morgen gehts von der Hütte aus erst südwestlich, dann genau südlich zur Fuorcla auch mal hinunter, dann quert der gut markierte Weg eine Schutthalde beim Fil Liung und steigt nun etwas mühsam und exponiert zum Steinmann an. Weiter gleich westlich dem (Fil-)Grat entlang heisst es bald mit Führung und Seil den Medel-Gletscher betreten. Die einfachere, flacher ansteigende Route vollzieht in höchstmöglicher Lage einen weiten Bogen Richtung Südsüdwesten, um am Ende kurz auf der Ostkrete technisch einfach den Gipfel anzupeilen.
Krönendes Kraxeln: PIZ KESCH
Eine für im Alpinwandern Geübte auch überschaubar anstrengende Tour führt von Madulain, Zuoz oder der Albulapassstrasse auf den imposanten Kesch (3420 m ü. M.). Hier ist der Anteil der Route auf ewigem Eis etwas kleiner, die landschaftliche Abwechslung vom malerischen Engadiner Haupttal über Alpwirtschaften bis zum felsigen Finale jedoch imponierend. Anders als bei den bisherigen Vorschlägen steht zuletzt ein zwar nicht langes, aber doch nicht zu vernachlässigendes Stück echte Kletterübung bevor. Man bleibt also nach dem ersten Schritt auf den oberen Teil des Porchabella-Gletschers bis zum Schluss gleich angeseilt. Neben kundiger Führung ist hier etwas Klettererfahrung und hohe Trittsicherheit ganz klar Bedingung. Oben angekommen, entschädigt der Blick östlich auf die Unterengadiner Spitzen wie den Linard, südöstlich auf den Quattervals und dahinter auftauchende italienische Schneegipfel, südwestlich auf die berühmte Berninakette in beinahe ‚greifbarer‘ Distanz.

Auf dem Porchabella-Gletscher kurz nach der Porta d'Es-cha
Auf dem Porchabella-Gletscher kurz nach der Porta d'Es-cha: Bis dort hoch geht es noch... (Bild Claudio Meisser)

Route: Die Tour startet klassisch entweder zwischen Alp Nova und Punt Granda an der Albulastrasse und verläuft über die Fuorcla Guaidauna durch die Ova Pischa und gleich oberhalb an der Es-cha-Hütte vorbei zur Porta d’Es-cha. Wir empfehlen jedoch den Aufstieg vom Engadiner Dörfchen Madulain über ein Strässchen zur Alp Es-cha Dadour, weiter rechts vom Bach der Ova Pischa entlang und nördlich hinauf zur Es-cha-Hütte (gut zwei Stunden). Um die Gletscherpassage und die letzten felsigen Höhenmeter entspannter anzugehen, lohnt sich, die Wanderung zur Hütte am Vortag zu machen (wie üblich mit Anmeldung). Danach bleibt in über drei bis vier Stunden der Aufstieg zur Es-cha-Lücke, die Gletscherpassage auf dem Porchabella und der kletterartige Schlussanstieg von Nordosten auf den höchsten Punkt.
INFOS Die Website der SAC-Hütten Erste Kartenansicht auf Google-Maps

Autor: Reto Meisser