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27. Dezember 2016

Mit Segeln um die Welt

Alan Roura ist an der Vendée Globe der jüngste Teilnehmer in der Geschichte. Der 23-jährige Schweizer bestreitet die härteste Einhandsegelregatta mit minimalem Budget – und einem alten Secondhandboot. Zuunterst erfahren Sie, wie Alain Roura am 26. Dezember unterwegs war.

Alan Roura auf seinem Segelboot
«Ich will ankommen»: Alan Roura auf seiner 18 Meter langen «Fabrique». Das Segelboot zählt bereits 16 Jahre – und wird nicht mit den Ersten mithalten können.

Schon im zarten Alter von acht Jahren sah er die Boote der Segelregatta «Mini Transat» auf ihrem Zwischenstopp bei den Kanarischen Inseln ankommen. Da wusste Alan Roura: «Das will ich mal machen.» Der Junge war damals schon selbst mit dem Schiff unterwegs, mit seinen Eltern und den älteren Geschwistern von Frankreich zu den Kanaren gesegelt.

Alan Roura
Ein Schweizer setzt die Segel: Alan Roura.

Nun ist der Genfer der jüngste Teilnehmer an der Vendée Globe, dem weltweit härtesten Segelwettbewerb: allein auf einem 18-Meter-Segelboot rund um den Globus. 29 Segler sind am 6. ­November im westfranzösischen Les Sables-d’Olonne gestartet,22 sind zurzeit noch dabei: Havarie, Mastbruch oder Ausfall der Elektronik haben sieben Segler zum Aufgeben gezwungen.

Am 21. Dezember, bei Redaktionsschluss, war Alan Roura bereits 46 Tage unterwegs, weitere 50 Tage wird die Fahrt schätzungsweise noch dauern. Er hat soeben das Kap der Guten Hoffnung passiert und navigiert allmählich in die eisige Kälte des südlichen Indischen Ozeans. «Ein Monat auf See, und es ist nichts ­Gravierendes passiert – ich klopfe auf Holz –, mein Schutzengel ist noch immer da», sagt der sympathische Genfer, dessen Bart mit jedem Tag etwas länger wird: Erst ein Mal hat er sich rasiert – das war am 13. November, am siebten Tag, als das Wetter heiss und der Wind flau war.

Nun ist die See rau und gefährlich. Wellen türmen sich bis zu zehn Meter hoch, das Wasser schäumt eisig, die «Fabrique», Rouras Segelboot, taumelt immer wieder. An manchen Tagen konnte Roura kaum schlafen, keine zwei Minuten am selben Platz verbringen, so stark schaukelte es. «Der Indische Ozean ist der Ozean des Teufels», sagte er am Tag 40, als er sich mit 55 Knoten in den Segeln durch das Unwetter kämpfte.

Zeit für eine Liebeserklärung
Eine erste kleine Panne hat Alan Roura allerdings schon hinter sich: Seine Antenne, die ihn mit dem Festland, dem Wetterbericht und allen erforderlichen technischen Daten verbindet, gab am 13. Tag den Geist auf. «Sie hatte wohl Wasser abgekriegt.»

Segeln geht auch ohne hochmoderne Technik, ein paar Tage später hatte er aber das Notkommunikationssystem zum Laufen gebracht und war wieder mit dem Festland verbunden. Seither kann er wieder Selfies und News übermitteln, die seine Freundin Aurélia Mourand, Sportjournalistin und Leiterin des Projekts, ­online postet. Einen romantischen Moment hat er mit der Weltöffentlichkeit geteilt: Am 14. Dezember, am Tag des dreijährigen Bestehens seiner Beziehung, sandte er eine Liebeserklärung an Aurélia über den Äther.

Alan Roura am Schlafen
Alan Roura

Ein Sitzkissen in der sechs Quadratmeter kleinen Kajüte muss als Schlafplatz reichen.

Alan Roura schläft pro Nacht nur vier bis fünf Stunden, jeweils 20 bis 30 Minuten am Stück. «Schlafen kann ich, wenn der Wind stabil ist – und wenn keine ­Transporter in der Nähe sind», sagt er. «Ich stelle ­jeweils den Bordalarm. Der weckt mich, ich kontrolliere, ob alles okay ist. Danach lege ich mich wieder schlafen.» Das Schiff fährt dann mit Autopilot. Das Nachtlager besteht aus einem grossen Sitzsack, der als Bett oder Sessel dient.

Seine Kabine ist etwa sechs Quadratmeter klein. Hier schläft und navigiert er nicht nur, sondern hört auch mal Musik oder «kocht»: Er wärmt Fertiggerichte auf, knabbert Picknickwegzehrung oder bereitet Astro­nautenfutter zu – Gefriergetrocknetes, das mit Warmwasser essbar gemacht wird. Kaffee ist Luxus: 150 Liter Süss­wasser hat er an Bord. Zähne putzen, Körperpflege – das passiert draussen, damit möglichst keine Feuchtigkeit ins Innere dringt. «Manchmal reicht es nur für eine Minikatzenwäsche mit Feuchttüchern», sagt er. Wichtig ist anderes: die abenteuerliche Fahrt zu überstehen. «Wir riskieren täglich unser Leben», sagte Roura vor der Abfahrt. Für ihn ist klar: «Sicherheit geht über alles. Ich will ankommen.»

Alan Roura in der Schaltzentrale
Alan Roura

Die Schaltzentrale an Bord: Dank neuester Technik ist Alan Roura stets auf dem Laufenden bezüglich Wetterprognosen, Windstärken und Kurse der Konkurrenten.

Der Genfer hat mehr als sein halbes Leben auf dem Wasser verbracht. Mit acht Jahren ging es los auf grosse Fahrt mit Eltern und Geschwistern. Auf dem familieneigenen Schiff «Ludmilla» segelten sie zu den Kanaren, in die Karibik, weiter zu den Inseln vor Venezuela, Brasilien und wieder zurück in die Karibik. Home-Schooling war angesagt – im Alter von 13 war für Alan Roura Schluss mit Schule: Er heuerte mit seinem Vater als Skipper und Hafenarbeiter an, denn er wollte schnell Geld für ein eigenes Schiff verdienen. Mit 14 startete er an ersten Regatten in der Karibik. Mit 17 überquerte er gemeinsam mit dem Vater den Atlantik – mit 20 allein. Damit verwirklichte er sich einen Kindheitstraum: «Ich liebe es, allein auf dem Meer zu sein. So fühle ich mich lebendig.»

Angst scheint Roura fremd zu sein. Auf seinen Touren hat er schon Windstärken von bis zu 60 Knoten im orkan­artigen Meer erlebt. «Das ruft dir in Erinnerung, dass du nicht unbesiegbar bist, und lehrt dich Demut gegenüber der Natur.» Auf dieser Fahrt hatte er sogar Angst – um seine «Fabrique».

Alan Roura auf seiner «Fabrique»
Alan Roura

Alles in greifbarer Nähe: Alan Roura ist auf seiner «Fabrique» ganz auf sich allein gestellt.

An der Vendée Globe ist er gut im Wind: Er liegt auf Platz 15, mit 5330 Seemeilen Rückstand auf den Ersten. «Gewinnen kan ich mit meinem Boot nicht, es ist schon 16-jährig – das ist alt. Es hat schon die vierte Weltumseglung hinter sich.»

Für sein Abenteuer hat er ein vergleichsweise kleines Budget zur Verfügung: Während andere mit modernsten Booten und Budgets in Millionenhöhe unterwegs sind, konnte er«nur» 370 000 Franken ins Projekt investieren – dank Sponsoring und Crowdfunding. Ein ganzes Jahr lang hat er mit seinen Leuten am Boot gearbeitet, um es Vendée-tauglich zu machen. Sollte Roura im Februar 2017 das Ziel erreichen, wird er sich zwar auf sein Zuhause im bretonischen Lorient freuen. Aber die Lust, wieder hinaus aufs Meer zu segeln, wird ihn wohl nicht lange ruhen lassen.

Infos zu Alan Roura: www.alanroura.com

Das Update vom 26. 12.

Am 25.12. ist Alain Roura in den pazifischen Ozean gelangt und bereits auf Rang 11 vorgestossen. Er und zwei weitere Segler jagen sich derzeit die Plätze 11-13 immer wieder ab.

An Weihnachten sind sie sogar ein Stück zusammen gefahren, das heisst in gegenseitiger Sichtweite. Grund dafür war, dass alle das Tempo drosseln mussten, weil bei Neuseeland eine heftige zweitägige Wetterdepression vorausgesagt wurde – mit Winden um 60 Knoten und entsprechendem Wellengang von 8-10 Metern –, denen ausgewichen werden sollte.

Im indischen Ozean waren die Wellen zu Beginn so hoch und von Schaum weiss wie Schneeberge. Roura fand, dass nur das Chalet und das Raclette fehlten, damit es gemütlich würde.

Der Westschweizer Einhandsegler hat zum ersten Mal Weihnachten ganz alleine gefeiert, fand es aber super.

ANMERKUNG: Gewinner der Vendée Globe ist der Franzose Thomas Covielle. Er absolvierte den Parcours um die Welt in der neuen Rekordzeit von etwas über 49 Tagen, ganze acht Tage schneller als die bisherige Bestmarke.

Vendée Globe – die Route

Auf sich allein gestellt, segeln die Skipper über 45 000 Kilometer, vorbei an gefährlichen Landspitzen: Kap der Guten Hoffnung, Kap Leeuwin und Kap Hoorn.

Die Route der Vendée Globe
Die Route der Vendée Globe 2016/2017 (Grafik: )

Autor: Claudia Langenegger

Fotograf: Christophe Breschi