Archiv
09. Dezember 2013

Mit Schwung zu den Ösis und zurück

Wenig Aufstieg und viel Abfahrt – die Skitour rund um die Madrisa führt vom Prättigau über zwei Pässe und die Landesgrenze. Auf einer Stippvisite bei den österreichischen Nachbarn, die uns erst bekriegten und dann doch gerne zur Schweiz gehört hätten.

Abfahrt in Richtung St. Antönien
Nach dem Besuch in Österreich schon wieder auf Schweizer Boden: Abfahrt durch den Pulver in Richtung St. Antönien.

Österreich» steht da auf der verwitterten Eisentafel. Ein schwacher Wind weht über das Schlappiner Joch, während wir die Felle von unseren Ski abziehen. Unter der Grenztafel befindet sich ein weiteres Schild: «40 Jahre Madrisa-Rundtour – Ein grenzüberschreitendes und verbindendes Gemeinschaftswerk, das die langjährige Freundschaft dokumentiert». Nun ja, «langjährig» ist ein relativer Begriff. Jedenfalls gab es Zeiten, da waren jene ennet der Grenze die Erzfeinde der Prättigauer, und über das Schlappiner Joch zogen manche, um bei den anderen zu rauben, zu erpressen und zu morden.

Das Ofenhorn
Das Ofenhorn (Bild Skitouren.ch)

SCHNEEBERGE AN DER GRENZE
Ausserdem zum Thema: Vom Hochgebirge zum idyllischen Jura­Hügel: Drei weitere Skitour-Vorschläge auf das Walliser Ofenhorn, den Le Suchet im Jura und den Gambarogno am Lago Maggiore. Zum Artikel

Gestartet sind wir vor gut einer Stunde zuoberst im Skigebiet von Madrisa. Gondelbahn und Skilift ab Klosters GR ersparten uns viele Höhenmeter. Grauer Himmel, fahles Licht, schlechte Sicht – zum Glück konnten wir uns während der ersten Abfahrt an der roten Jacke unseres Bergführers orientieren. Marco (29) ist aus Davos, ein echter Bündner.

Das Matterhorn im Bündnerland? Eine Finte des Bergführers!

Wie schnell sich das Wetter in den Bergen ändern kann, erlebten wir etwas später, als wir die Felle auf unsere Ski zogen: Die kompakte Wolkendecke wurde gen Osten geschoben, und von nun an übernahm die Sonne das Zepter. Unser Aufstieg zum Schlappiner Joch war kurz und genussreich. Die Säumer hatten es da schwerer – ohne die Bergbahnen. Trotzdem wurde dieser Weg bis Mitte des 19. Jahrhunderts häufig begangen. Über die Via Valtellina brachten die Säumer unter anderem den Veltliner Wein aus Oberitalien. Die Route führte sie über den Berninapass, das Engadin, den Scalettapass, vorbei an Davos und Klosters, über das Schlappiner Joch bis ins österreichische Montafon. Und nun stehen wir also hier, auf diesem geschichtsträchtigen Passübergang. «Seht ihr das Matterhorn dort hinten», will Marco uns Unterländer reinlegen. Natürlich ist es aber nur das dem legendären Berg nicht unähnliche Tinzenhorn.

Zmittag bei den österreichischen Nachbarn
Der Zmittag bei den österreichischen Nachbarn.

Wir überschreiten die österreichische Grenze, und fahren in einen mit 35 Grad Neigung recht steilen Hang hinein. In den letzten Tagen sind hier gut 30 Zentimeter Pulverschnee auf die harte Unterlage gefallen, und der Hang ist noch unberührt – der Traum eines jeden Skitourenfahrers. Im stiebenden Schnee kurven wir jauchzend hinunter. Unten im Talboden ist auf der beinahe ebenen Abfahrt dann Stock- und Muskeleinsatz gefragt, bis wir auf die Piste des Skigebiets von Gargellen gelangen. Auch hier überwinden wir wieder etliche Höhenmeter mit den Bergbahnen. Doch bevor wir uns zurück in die Schweiz begeben, möchten wir noch die viel gepriesene Gastfreundschaft der Österreicher auf die Probe stellen.

Die Keesknöpfli kommen mit einem Lächeln auf den Tisch

Schnell sind sie allemal: Die «Keesknöpfli mit Röstzwiebeln, Sura Kees und Kartoffelsalat» stehen drei Minuten nach der Bestellung schon auf dem Tisch, und tatsächlich hat unsere Bedienung trotz Stresses immer ein nettes Lächeln für uns übrig. So wohlgesinnt waren die Einheimischen hier den Schweizern gegenüber nicht immer. 1619 besetzte das katholische Österreich sämtliche Pässe in der Gegend und verhängte ein Embargo über die reformierten Bündner. Diese wehrten sich im sogenannten Prättigauer Aufstand von 1621/22, vertrieben die Besatzer, brachten den Pater um und fielen daraufhin ohne Pardon ins Montafon ein, um Vieh zu rauben, Häuser zu plündern und Geld zu erpressen. Wenige Monate später schlugen die Österreicher, über das Schlappiner Joch kommend, blutig zurück: Sie legten etliche Dörfer im Prättigau in Schutt und Asche. Doch das ist Schnee von gestern! Obwohl: Auch in der Neuzeit gab es hie und da negative Schwingungen zwischen den Ösis und den Eidgenossen: etwa wenn Klammer dem Russi mal wieder davonbretterte oder Cuche dem Walchhofer den Abfahrtsweltcup knapp vor der Nase wegschnappte.

Zur Verpflegung gibts Keesknöpfli
Zur Verpflegung gibts Keesknöpfli.

Wir sind nun wieder ausserhalb des Skigebiets unterwegs und fellen hinauf in Richtung St. Antönier Joch. Die Sonne heizt gehörig ein. Langsam kommen wir in den sogenannten Flow, setzen mechanisch einen Fuss vor den anderen und denken an rein gar nichts. Lange hält der Zustand leider nicht an: Nach einer knappen Stunde sind wir bereits oben und stehen vor der verwitterten Eisentafel mit der Aufschrift «Schweiz». Eine Tafel, die es beinahe nicht gebraucht hätte: Das österreichische Bundesland Vorarlberg, zu dem auch Gargellen gehört, wollte sich einst der Eidgenossenschaft anschliessen: 80 Prozent der Bevölkerung sprach sich 1919 in einer Abstimmung dafür aus. Das Vorhaben scheiterte aber unter anderem am Bundesrat, der für die Schweiz durch einen weiteren Kanton mit deutsch­sprachigen Katholiken ein religiöses Ungleichgewicht befürchtete.

Wir lassen die Grenze hinter uns und geniessen die Abfahrt über die oberen Hänge. Da der Schnee hier im Tagesverlauf schwer geworden ist, geht das in die Beine: Je weiter wir nach unten kommen, desto nässer wird der Schnee. Mit unserem Ziel St. Antönien bereits vor Augen, kündigt Bergführer Marco den nächsten Hang mit tiefem Pflotsch an: «So, jetzt gibts nochmals was zum Kämpfen.» Gerade wollen wir uns beschweren, da fügt er an: «Da gibts gar nichts zu husten!» Sie kennen auch heute noch kein Pardon, die Bündner.

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Franca Pedrazzetti