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16. Januar 2012

Mit Schirm, Charme und Zylinder

Kandersteg lässt jedes Jahr für eine Woche die Belle Époque aufleben – ein Fest wie gemacht für Sarah Steiner und Benjamin Wyss. Denn sie lieben die üppigen und festlichen Kleider, wie sie die Feriengäste in dieser glamourösen Zeit trugen.

Kandersteg wie vor 100 Jahren
Kandersteg wie vor 100 Jahren: Wintersportler mit Zipfelmützen durchqueren das Dorf. (Bild: Photopress/Keystone/Urs Flueeler)

Historische Hotels ermöglichen Zeitreisen: Verreisen wie anno dazumal.

Niemand im ganzen Alpenraum wird in der letzten Januarwoche so elegant und aufwendig gekleidet sein wie die Bewohner und Gäste von Kandersteg. Vom 22. Januar an lebt der Ort im Berner Oberland die Belle Époque. Die «schöne Epoche» zwischen dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges 1871 und dem Ersten Weltkrieg 1914 war geprägt von wirtschaftlichem Aufschwung: Der Tourismus in den Schweizer Alpen boomte, zahlreiche Hotelpaläste wurden gebaut, und Gäste aus ganz Europa reisten in die Schweiz, auch nach Kandersteg.

Dessen Tourismusdirektor Jerun Vils hat 2010 die Belle-Époque-Woche gegen die Januarflaute erfunden: Acht Tage lang bedienen die Bäckersfrau und der Metzgermeister in historischen Kostümen, wird nach alten Rezepten gekocht, tragen Bank- und Hotelangestellte, Pöstler, Ärzte und Bähnler alte Uniformen, fährt das Pferdetaxi die Gäste, wird mit altem Sportgerät Ski gefahren und geschlittelt.

Sarah Steiner (links) und Benjamin Wyss (rechts).
«Ich könnte das ganze Jahr so rumlaufen.» Sarah Steiner (links) und Benjamin Wyss (rechts) in edler Abendgarderobe. (Bild: Severin Nowacki)

Mit Begeisterung dabei sind Sarah Steiner (19) und Benjamin Wyss (18). Wyss ist als KV-Lehrling beim Tourismusbüro quasi beruflich dazu verpflichtet, sich mit Frack und Zylinder zu kleiden. Für die Schneiderin Sarah Steiner ist die Themenwoche die perfekte Gelegenheit, ihre Leidenschaft für edle Stoffe und besondere Kleider auszuleben. «Mein Vater ist Zimmermann und hat 2011 in seinem Geschäft einen Tag der offenen Tür veranstaltet. Da sind wir als Familie in alten Kostümen aufgetreten. Seither bin ich total begeistert davon. Wenn es um Kleider geht, bin ich echt in der falschen Zeit geboren», sagt Steiner und lacht. «Allerdings würde ich gewisse moderne Annehmlichkeiten wie ein Badezimmer ziemlich vermissen.»

Sie liebt die langen Röcke, die Unterröcke, die Stoffe, den Schmuck, die Hüte, die Frisur. «Ich geniesse es und könnte das ganze Jahr so rumlaufen.» Zwar sind die alten Kleider etwas umständlich, aber die junge Schneiderin mag das allmorgendliche Ritual. «Sich anzuziehen ist eine Zeremonie, und das liebe ich.» Das sei auch nicht zu vergleichen mit der Fasnacht, findet Steiner. «Dort ist es nur ein Kostüm, aber wenn ich diese Kleider anziehe, schlüpfe ich in eine Rolle, lebe die auch. Ich habe dann eine andere Haltung als sonst.»

Sarah Steiner hat ihre Kleider selbst genäht, der Stoff für das Oberteil stammt von einem 40-jährigen Vorhang, der Schnitt ist ihre eigene Kreation. «Bei mir entsteht vieles während der Arbeit, ich mache eigentlich nie Entwürfe», sagt sie. Es brauche gar nicht so viel Erfahrung, um so etwas selbst zu schneidern. Verzierungen wie Borten findet sie in spezialisierten Läden in Bern.

Die Kleider des Urgrossvaters haben gepasst

Hutmode, wie sie heutzutage nur noch der englische Adel trägt.
Hutmode, wie sie heutzutage nur noch der englische Adel trägt. (Bild: Markus Hubacher)

Benjamin Wyss hat für den ersten Einsatz vor zwei Jahren auf dem Dachboden seiner Grosseltern gestöbert und dort Kleider seines Urgrossvaters gefunden, die ihm allerdings ein bisschen zu weit waren. «Am Anfang war das schon seltsam, man wurde von allen angestarrt. Aber später waren die in der modernen Kleidung in der Minderheit.» Auch ihm macht es Spass, so herumzulaufen, «aber eine oder zwei Wochen sind genug.» Inzwischen hat er in einem Kostümverleih etwas gefunden, das ihm besser steht, inklusive eines wertvollen, mit Mäusefell bezogenen Zylinders, der ihm nur passt, weil er einen schmalen Kopf hat. «Die Menschen waren früher kleiner, deshalb ist echte Kleidung von damals oft zu eng.»

Viele Einwohner und Gäste haben mehrere alte Kostüme und ziehen sich im Lauf des Tages mehrmals um. «Man kleidete sich zum Nachmittagstee anders als zum abendlichen Dinner», erklärt Benjamin Wyss. «Und die Sportbekleidung war natürlich wieder anders.» Wer nicht selbst schneidern will und über keinen Dachboden mit Kleidung der Vorfahren verfügt, kann sein Glück beim lokalen Kostümverleih versuchen. Casimir Platzer, Direktor des im Jugendstil erbauten Hotels Victoria, versichert jedoch, dass kein Zwang zu alter Kleidung bestehe. Aber in der Belle-Époque-Woche reisten andere Gäste an als sonst. «Letztes Jahr kamen zum Beispiel sechs junge Leute aus dem Raum Zürich mit einer riesigen Garderobe: gewiss drei, vier verschiedene Varianten pro Person, extra für unsere Themenwoche. Sie kommen dieses Jahr wieder.»

Auch Männer besuchen inzwischen Nähkurse

Belle-Époque-Woche in Kandersteg.
Alle machen mit: Die Gäste mit antiken Skiern, die Einheimischen mit Instrumenten. (Bild: Photopress/Keystone/Urs Flueeler)

Während einige Kandersteger dem Treiben im ersten Jahr noch etwas skeptisch zugesehen hatten, waren 2011 praktisch alle mit Begeisterung dabei. «Inzwischen wird man schräg angeschaut, ist man in dieser Woche nicht in alten Kleidern unterwegs», sagt Tourismusdirektor Vils. «Viele finden es spannend, sich mit ihren historischen Wurzeln auseinanderzusetzen.» Im Dorf treibt die einwöchige Zeitreise inzwischen selbst für Vils unerwartete Blüten: «Sogar gestandene Männer, denen man das nie zutrauen würde, besuchen Nähkurse, um sich ihre eigenen Kostüme anzufertigen.» Auch finanziell lohnt sich die Aktion. «Die ersten beiden Belle-Époque-Wochen haben jeweils eine halbe Million Franken zusätzliche Einnahmen generiert», sagt Vils. Dazu komme die kaum bezahlbare, grosse Medienpräsenz, inzwischen auch international.

Höhepunkt der Woche ist der Belle-Époque-Ball im Hotel Victoria, an den Sarah Steiner furchtbar gerne gehen würde — nur fehlt ihr leider ein Tanzpartner. «Es gibt einfach zu wenig Männer, die diese Tänze beherrschen.» Auch Benjamin Wyss tanzt nicht. Aber Sarah Steiner hofft, dass sie doch noch jemanden findet. «Ich kann das ja auch nicht richtig, ich brauche nur jemanden, der ein bisschen so tut als ob. Aber der, den ich gerne mitnehmen würde, der will einfach nicht.»

Informationen zum Programm der Themenwoche:
Kandersteg Tourismus, 033 675 80 80 www.kandersteg.ch/belle-epoque

Belle-Époque-Ball im Hotel Victoria
Höhepunkt der Woche: der Belle-Époque-Ball im Hotel Victoria. (Bild: Markus Hubacher)