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09. März 2017

Mit Naturheilkunde gegen Tetanus?

Baby beim Impfen
Ein kleiner Picks sorgt für grosse Diskussionen. (Bild: iStockphoto)

Ich habe in den vergangenen viereinhalb Jahren über beinahe alles geschrieben: Muttermilch, Darmwürmer, ungezogene Eltern und verbitterte Senioren. Sie kennen mich, nichts war mir heilig. Es gibt aber Themen, denen ich konsequent aus dem Weg gegangen bin: die globale Erderwärmung zum Beispiel, oder alles rund um die Todesstrafe. Und «Impfen». Ja, das Thema besetzt klar die Spitzenposition auf der Liste der Dinge, die ich bisher gemieden habe, wie der Teufel das Weihwasser. Denken Sie nicht, ich hätte keine Meinung zur Immunisierung. Im Gegenteil, das ist ja das Problem; diese Kolumne soll Frieden in die Welt tragen, und keine Kriege auslösen ...

Aber damit ist jetzt Schluss. Ich habe meine Grosse-Mädchen-Rüstung angezogen und reite in die Schlacht. Ich weiss, dass ich sie nicht gewinnen werde, weiss, dass sich die Impfkritiker binnen Sekunden formieren und den Server crashen werden. Aber meine Leserinnen und Leser sollen wissen, auf welcher Seite ich kämpfe: Ich bin eine Impfbefürworterin, und zwar ohne Wenn und Aber. BAAAMM! Ich könnte Ihnen jetzt die traurige Geschichte auftischen, wie ich als Kleinkind (ungeimpft) an Keuchhusten erkrankte und im Spital landete. Oder ich könnte hier von dem Sohn einer Bekannten berichten, der nach den Masern noch eine Hirnentzündung bekam. Aber nein, das würde die Skeptiker nur unnötig provozieren, denn die glauben ja, dass die Impfstoffe die Ursache allen Übels sind.

Daher nun ein anderer Zugang: Vor ein paar Wochen hängte ein Berliner Kinderarzt ein lustiges Schild in seinem Wartezimmer auf. Darauf stand «Sie müssen nicht alle Ihre Kinder impfen lassen – nur die, die sie behalten wollen.» Der Aufschrei war natürlich gross: Blödsinn! Unverschämtheit! Depp! Dabei hat der Mann recht. Die Nummer mit dem Impfen ist simpel: Wenn sich Eltern dafür entscheiden, ihre Kleinen immunisieren zu lassen, haben sie ihr Möglichstes getan, um potenziell lebensgefährlicher Krankheiten abzuwehren. Tetanus, Diphtherie oder Kinderlähmung sind nur deswegen nicht mehr in unserem Bewusstsein, weil ein Grossteil der Bevölkerung geimpft ist. Das heisst aber nicht, dass die Erreger verschollen sind. Und nein, nur weil wir nun eine funktionierende Kanalisation haben und Flüssigseife benutzen, sind wir in der Ersten Welt nicht sicher. Den Erregern ist das herzlich egal, sie sind nach wie vor da.

Die Bakterien, die einen Wundstarrkrampf auslösen können, hausen in der linken Ecke Ihres Gartens. Und die Keime, die Diphtherie auslösen, kommen vielleicht gerade mal wieder am Flughafen Zürich an (Maschine aus Russland via Frankfurt). Ich drücke Ihrer Familie natürlich die Daumen, dass es sie nicht verwütscht, dass der kleine Schnitt im Finger Ihres Kinders nicht die Eintrittspforte für etwas Böses ist, dass der Fremde, der Ihr Baby im Tram anhustet, nur eine Erkältung hat. Und ich hoffe inständig, dass – wenn Sie doch Pech haben sollten – ein Arzt im Spital weiss, um welche Infektion es sich handelt. (Okay, das war jetzt gemein, denn bei Tetanus gibt es nur ein kleines Zeitfenster, in dem man reagieren kann.)

Möglicherweise brauchen Sie meine Gebete aber nicht, weil sie anderweitig gefeit sind? Wie schön! Ich kenne Eltern, die fahren mit ihren Kleinen über hundert Kilometer zur Kinderärztin. Sie wissen schon, die eine Ärztin, die gegen das Impfen ist, und ihren Patienten lieber ein Wunderspray mitgibt. Das sollen Mami und Papi dem Nachwuchs in die Wunde sprühen, damit «die bösen Tetanusbakterien gar nicht erst überleben.» Ein Spray (rezeptfrei in Ihrer Apotheke erhältlich) gegen tödliche Erreger – wow, das ist doch mal ein Ansatz, um die explodierenden Kosten im Gesundheitswesen zu reduzieren!

Aber zurück zu dem Schild im Wartezimmer. Es reduziert das Problem auf das Wesentliche: Wenn Eltern das Beste für Ihr Kind wollen (und das unterstelle ich allen), dann kommen sie eher früher als später an den Punkt, an dem sie sich entscheiden müssen: Vertrauen wir der einen oder der anderen Seite? Ein guter Kinderarzt wird Familien dazu ermutigten, sich mit dem Thema Impfen zu beschäftigen. Er wird Eltern Ernst nehmen, ihre Fragen beantworten und ihnen weiterführendes Material in die Hand drücken. Er kann und darf aber nicht alles, was er gelernt und erlebt hat, über Bord werfen, um Mami und Papi in Sicherheit zu wiegen. Mein Tipp an alle, die noch unentschieden sind: Sprechen Sie doch einfach mal mit Leuten aus anderen Ländern über das Impfen! Vielleicht kennen Sie jemand aus Italien oder aus Frankreich? Sie werden staunen ...

Autor: Bettina Leinenbach