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05. Januar 2012

Mit Hürlimann, Ramuz und Nietzsche in die Berge

Dank Thomas Manns Jahrhundertroman «Der Zauberberg» können Leser eine Landschaft in den Alpen blätternd und wandernd erkunden: Die Schatzalp mit ihrer Davoser Umgebung. Doch noch weitere literarische Orte mit echten Schweizer Vorbildern warten auf die Entdeckung. Ein paar Tipps:

Blick auf das Jakobshorn Davos
Herrlich, der Blick über die Dächer von Davos, auf die Bergspitze des 2560 Meter hohen Jakobshorns.

Natürlich sehen Manns Sanatorien nicht mehr genau so aus wie in Thomas Manns Schilderungen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Zudem nehmen sich Schriftsteller die Freiheit heraus, die auf ihren Reisen angetroffene Realität im Interesse ihres Themas «zurechtzubiegen». Selten erfinden sie ihre Landschaften als Kulisse für Erzählungen sogar, ohne das echte Vorbild je besucht zu haben (Karl May etwa war bekanntlich nie im Wilden Westen).
Gerade diese Unterschiede gestalten aber die Spurensuche nach Weltliteratur in den Schweizer Bergen spannend. Wo und wie hätte es denn sein können? Ganz abgesehen davon, dass längere Ausflüge oder Ferien mit Bewegung und Lektüre eine ideale Abwechslung bieten.

Mit Albrecht von Hallernach Grindelwald
Der Universalgelehrte Berner war so etwas wie der literarische Entdecker, sicher aber ein namensspendender Taufpate der Alpen. Dies erreichte er mit seinem episch-essayistischen Langgedicht «Die Alpen» bereits 1729, lange vor den ersten Reisetouristen. Gegen Ende des ersten von zwölf Kapiteln ( deutsch nachzulesen im Gutenberg-Projekt der Zeitschrift «Spiegel») beschreibt er hymnisch die Region des Schreckhorns im Berner Oberland, mit der Wasserscheide zwischen dem sich nördlich sammelnden Wasser für Aare und Rhein einerseits und jenem für die Rhone und den Süden andererseits.
Der Tipp: Sie logieren in Grindelwald und bestaunen von der Umgebung des Hotel Wetterhorns aus die Wasser der Schwarzen Lütschine vom Nordosthang des Schreckhorns. Danach spazieren sie (besser nach dem grossen Schnee!) von Mättenberg oder Ällouwinen der Weissen Lütschine entlang in Richtung Unterer Grindelwaldgletscher, wo sich das Wasser der Schreckhorn-Flanken südwestwärts ergiesst. Grinsend lesen sie von Hallers Hinweis, dass die spärlichen Goldvorkommen früher weiter unten im Mittelland gesucht wurden. Die Bergler um Grindelwald hatten solches damals nicht nötig...

Mit Thomas Hürlimann in den Ybrig
Man könnte im Sommer mit dem renommierten lebenden Schweizer Autor Thomas Hürlimann auch den Säntis entdecken, schliesslich verfasste er mit Filmregisseur Markus Imhof die Vorlage für den Film «Der Berg». Als Orts- und Sittenstudie viel lohnender ist jedoch das Theaterstück «De Franzos im Ybrig» (1991). Damit lernt man spielerisch einen Ausschnitt der napoleonischen Geschichte auf dem Hochplateau südlich von Einsiedeln kennen. Wie die Lektüre Spannungen zwischen revolutionären Umwälzungen und alten hierarchischen Traditionen veranschaulicht, so entdeckt der Reisende heute ein Hinterland im Spagat zwischen noch immer prägender Landwirtschaft und zurückhaltend touristisch genutzten Gebieten.
Der Tipp: Eine Wanderung von Euthal (am Sihlsee) über Schachen und Haldeli, dem östlichen Berghang entlang, bis zur Sihltalhütte und dem Golfklub Ybrig. Unentwegte verlängern den Ausflug ohne hohen Schnee weiter südlich ins Bergtal hinein.

Mit Charles Ferdinand Ramuz nach Derborence
In der Deutschschweiz ist Ramuz unverständlicherweise noch immer ein Geheimtipp oder vage Erinnerung einiger Gymnasiums-Absolventen. Eines seiner dramatischsten Werke mit einer berührenden Liebesgeschichte und brutal zupackender Naturgewalt ist «Derborence» ( deutsche Ausgabe bei ExLibris.ch erhältlich). 1714 geht im Walliser Dorf ein verheerender Bergsturz nieder und begräbt viele Menschen. Ramuz lässt nach wenigen Tagen den Hirten Antoine als Geist oder realen Menschen wieder auftauchen und auf seine Frau Thérèse treffen. Wie um sie herum entwickelt sich zwischen ihnen ein wechselvolles Spiel um Erinnerung, neue Zuwendung und alle Irritationen, die das Unglück und die Bewusstseinslücke hinterlassen hat.
Der Tipp: Die Anreise führt von Sion über Conthey mit Bus oder Personenwagen zuhinterst ins Tal der Derbonne. Vom benachbarten Weiler La Combe oder eben von Derborence blickt man im engen Talkessel beeindruckt an die schroffe Seite des Diablerets oder des Tête du Barme. Dass man hier Natur und Wetter ausgeliefert ist wie an wenigen anderen Talschaften der Schweizer Alpen, braucht danach niemand mehr zu erklären.

Mit Friedrich Nietzsche nach Sils-Maria
Der jung verstorbene Philosophiestar (längere Zeit Professor in Basel) hauste mehrere Saisons im Oberengadin, vor allem in Sils-Maria. Hier entstanden auch einige der Texte, in denen sich das Individuum mit der Zivilisation und seiner sonstigen Umgebung auseinandersetzt, speziell auch mit der Zeit und der Geschichte. Die Natur wirkte auf den raffinierten Denker mehrheitlich besänftigend, heute würde man wohl sagen: entschleunigend. Als literarisch einzigartigen Einstieg in Nietzsches Welt eignet sich übrigens am besten der Text «Also sprach Zarathustra» (bei ExLibris.ch ).
Der Tipp: Ein Muss ist natürlich der Besuch des Nietzsche-Hauses unterhalb des Hügels mit dem Fünfsternhotel Waldhaus. Danach geniesst man zum Durchlüften des Kopfes die Engadiner (Winter-)Welt mit einem Ausflug, der fast unmittelbar rechts vom selben Haus ins Fextal führt. Wer noch mag, kann nach der Rückkehr auf ebenso gepflegten Winterwanderwegen über den Weiler Isola, an der Südseite des Silsersees, nach Maloja wandern. Nach der Aussicht ins Bergell fährt einen das Postauto zurück nach Sils.

Mit Rilke im Muzot-Turm
Wer lieber Gedichte als Romane mag und ein gut erreichbares Haupttal den hohen Gebirgen vorzieht, der widmet ein (erweitertes) Wochenende der Gegend um Sierre und dem deutschen Poeten Rainer Maria Rilke. Er verbrachte seine letzten sechs Lebensjahre ab 1921 im Schloss Muzot nördlich von Sierre (bei Veyras). Hier schrieb oder verarbeitete er vor der Publikation zum Beispiel die legendären Duineser Elegien (am besten schafft man sich aber gleich die Gesammelten Gedichte an (bei ExLibris.ch ). Sie machen einen Höhepunkt der deutschsprachigen Lyrik des 20. Jahrhunderts aus und bieten eine Weite, die selbst den Raum des Rhonetals grosszügig sprengt.
Der Tipp: Zur oder nach der Lektüre wandeln Sie von Sierres Zentrums östlich um den malerischen Ravouire-Hügel herum, dann wieder etwas westlich Richtung Veyras zum Muzot-Turm, zirka 250 Meter nordöstlich der Kreuzung von Rue de Montana mit der Route de Miège.

Mit Arthur Conan Doyle zum Reichenbach-FallEiner der Detektiv-Klassiker begleitet den Besuch des ultimativen Schauplatzes der späten Sherlock Holmes-Fälle. Die Reichenbach-Wasserfälle in sieben Etappen ergiessen sich auf insgesamt 300 Meter Höhendifferenz hinunter nach Schattenhalb, kurz vor Meiringen. Hier stürzten sich nach Arthur Conan Doyles Buchlegende in «Die Memoiren des Sherlock Holmes» (englischer Originaltitel: «The Final Problem», deutsch bei ExLibris.ch ) der weltbekannte Detektiv Holmes im Zweikampf mit Erzfeind Professor Moriarty in die Schluten. Später liess Conan Doyle seinen Helden wiederauferstehen (erklärt wird, er habe sich beim Stürzen retten können) und mit seinem inszenierten eigenen Tod weitere Widersacher in die Falle locken.
Der Tipp: Nach der Lektüre des spannenden Falls wandert man von Meiringen zu den Reichenbachfällen in Richtung Grosse Scheidegg. Nach ausführlichem Bestaunen der beeindruckenden Wassermassen und einer Stärkung im benachbarten Restaurant mit seltener Aussicht führt die Wanderung weiter talaufwärts bis zum pittoresken Rosenlaui-Hotel. Das Postauto führt täglich im Handumdrehen wieder zurück nach Meiringen.

Mit Edward Whymper am MatterhornZugegeben, ein grosser Autor ist er nicht unbedingt, die Bergsteigerlegende Whymper aus England. Aber er weiss in «Die Erstbesteigung des Matterhorns 1865» (deutsch grösstenteils in einem Sammelband bei ExLibris.ch enthalten, mit Abbildungen von Whympers Original-Holzschnitten!) wohl die Geschichte des Schweizer Alpinismus zu erzählen. Whymper bezwang im Wettlauf gegen die Italiener knapp als erster das «Horu» (Walliser Dialekt), verlor dabei aber Mitglieder der Crew und wurde beschuldigt, sich dank dem Durchtrennen des Seils auf ihre Kosten gerettet zu haben. Er wurde freigesprochen, rehabilitierte sich aber erst mit seiner Sicht auf die Bergsteiger-Dramen in «Scrambles amongst the Alps in the Years 1860 – 1869» (englischer Originaltitel).
Der Tipp: Sie geniessen das Drama ruhig lesend in einem Zermatter Etablissement mit Blick auf das Matterhorn. Um Höhenluft zu schnuppern und der Sache näher zu kommen fahren Sie mit der Bahn zum Schwarzsee und bestaunen dort die Nordostflanke des mythischen Berges.

Autor: Reto Meisser