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31. Dezember 2012

Mit Familie Blum durch den wilden Nordwesten

Eine junge Schweizer Familie wandert aus. Weit weg jeglicher Zivilisation, inmitten der weiten Wälder der kanadischen Rocky Mountains verwirklicht das Davoser Paar mit einer vierjährigen Tochter den Traum vom Leben im Einklang mit der Natur.

Die Blums vor ihrer Blockhütte
Das Ziel der langen und abenteuerlichen Reise: Die Blums vor ihrer Blockhütte am Thukadasee.
Diesen Winter verbringen die Blums in Davos
Diesen Winter verbringen die Blums in Davos.

Den letzten Winter verbrachte die Familie Blum in einer Blockhütte. Sie steht am Ufer des Thukada-Sees am Fusse der Cassiar Mountains im Westen Kanadas. Es führt keine Strasse dorthin. Nicht mal ein Saumpfad. Der Weg zu diesem Flecken dauert auf Packpferden ungefähr eine Woche. Er führt quer durch unberührte Wildniss.
Diesen Winter verbringen Markus (38), Sabrina (32) und Amira (4) in Davos. In einer Vortragsreihe für das Expeditions Forum Explora durch die Schweiz erzählen sie über ihr Leben und Überleben fern jeglicher Zivilisation. Wie ihr Alltag im Outback aussieht, ist zudem in der «Dok»-Staffel «Auf und davon» im Schweizer Fernsehen zu sehen, die am 4. Januar 2013 startet.

Nach der Schneeschmelze im Spätfrühling ziehen die Blums wieder in die kanadische Wildnis. Ihre einzige Verbindung zur Aussenwelt dort ist ein Alarmgerät für Notfälle. «Es hatte drei Knöpfe», erklärt Sabrina Blum, «einen, um meinen Eltern in Davos jeden Tag via Satellit unsere aktuellen Koordinaten und eine vorbereitete Nachricht zu schicken, dass es uns gut geht. Einen weiteren, um einem Buschpiloten mitzuteilen, dass wir Hilfe brauchen, aber nicht in Lebensgefahr schweben und einen dritten für den Notfall.» Weiter haben sie dabei: Medikamente, eine Motorkettensäge und ein Gewehr sowie Zehnkilosäcke Mehl und Reis, Cornflakes, Milchpulver, Butter, Honig, Büchsenfrüchte, Schokolade und eine Flasche Rum für Gäste.

Markus, Sabrina, und Amira Blum in der Wildnis Kanadas
Das Zuhause ist, wo das Zelt aufgestellt wird: Markus, Sabrina, und Amira Blum in der Wildnis Kanadas.

Denn, so der Plan der Blums, im Sommer wollen Sie Treckingtouren zu Pferd für Individualtouristen in die Hütte am See anbieten. Erste Versuche verliefen erfolgreich. Auf Dauer, so hoffen sie, sichert das der Familie ein bescheidenes Auskommen. Fleisch oder frischer Fisch kommen regelmässig auf den Tisch. Dafür sorgt Vater Markus. Mit dem Gewehr schiesst er Rebhühner. Feldhasen jagt er mit raffiniert ausgelegten Drahtschlingen, und die Fische verfangen sich selber in den Netzen im See. Wasser wird täglich geholt: zum Kochen, Putzen und Waschen. «Es ist nicht so, dass die Körperhygiene auf der Strecke bleibt», sagt Sabrina. «Im Gegenteil, man gibt sich sogar noch mehr Mühe, gepflegt zu bleiben. Sonst hält man es nach einer Woche nicht mehr miteinander aus, in der kleinen Hütte.» Fast Kultstatus geniesst bei den Blums ein schwarzer Blechtopf, in dem je nach Bedarf Schneewasser geschmolzen, Socken gewaschen und klein Amira gebadet wird. «I bi au Kanada gsi», bestätigt die Vierjährige in schönstem Bündner Dialekt, ehe sie sich wieder mit ihrer Mutter dem Kinderbuch zuwendet und lernt, was Hemd auf Englisch heisst.

Im Sommer spielt Amira den ganzen Tag draussen und kommt nur zum Essen ins Haus. Im Winter hilft sie, gefrorene Hasen aus den Fallen zu holen und fährt Schlittschuh auf dem kleinen Eisfeld, das ihr die Eltern auf dem See präpariert haben. Langweilig wird es keinem. «Wenn es beim Aufstehen fünf Grad kalt ist, macht man als erstes Feuer im Ofen», sagt Sabrina Blum. «Bis die Pancakes oder Eier und Speck auf dem Tisch stehen, kann es gut eine Stunde dauern.» Weitere tägliche Arbeiten: Wasser holen, Wasser wärmen, Fischleinen kontrollieren, Holz hacken, erneut Feuer entfachen, kochen, abwaschen, das alles braucht Zeit. Selbst der Gang zur Toilette ist eine Prozedur, wenn zuerst Schneeschuhe angeschnallt werden müssen. Jegliche Ablenkung fehlt. Darum könne man sich ganz auf das konzentrieren, was man gerade mache. «Schludrigkeit gibt es nicht. Man arbeitet immer exakt und vorsichtig. Vor allem mit Werkzeug. Dort draussen passiert einem besser kein Unfall. Das weiss man.» Einsamkeit, Stille. Keine Musik, kein Radio, gar nichts. Sabrina und Markus Blum sind sich bewusst, dass dies nicht für jedermann der Inbegriff von Glück ist. Für sie schon: «Abends scheinen gemütliche Öllampen, und unser «Fernseher» ist das Nordlicht.»

Ein TV-Gerät fehlt auch in der Mietwohnung in Davos. Die Blums sind es gewohnt, selber für Unterhaltung zu sorgen. Sie sind es auch gewohnt, ständig zusammen zu sein. Amira musste sich erst daran gewöhnen, dass ihr Vater den ganzen Tag zum Arbeiten weggeht. Er ist gelernter Hochbauzeichner und diplomierter Schneesportlehrer und ist in Luzern aufgewachsen. In Davos arbeitet er nun vorübergehend in einem Sportgeschäft. Sabrina ist in Davos Wiese aufgewachsen, hat eine Ausbildung als medizinische Masseurin und arbeitet zweimal pro Woche ein paar Stunden an der Kasse der Jakobshorn Bahnen. Ihre Eltern wohnen gleich um die Ecke im Nachbarhaus.

Wenn sie nicht in der Blockhütte sind, leben und arbeiten die Blums in einem Basislager am Black Lake. Es besteht aus einer Handvoll gepflegter, gemütlicher Holzhütten und gehört Rick Solmonson, der sich hier um Jäger, Fischer und Outdoorabenteurer kümmert. Zwar führt eine Schotterpiste zum Black Lake Base Camp, wirklich bevölkert ist aber auch dieser Flecken nicht. Rund 200 Kilometer sind es bis zum nächsten Nachbarn, ein Supermarkt ist in zwölf Stunden Autofahrt zu erreichen. Von hier starten Markus und Sabrina ihre abenteuerlichen Touristentouren zur Blockhütte am Thukada See. Die Geschichte jener Hütte ist spektakulär. Sie wurde Anfang der 90er-Jahre vom französischen Abenteurer Nicolas Venier mitten in der Wildnis erbaut, der hier mit seiner Frau und der 18 Monate alten Tochter lebte. Seine Erlebnisse beschrieb Venier 1995 im Bestseller «Das Schneekind». Und dieses Buch inspirierte Sabrina und Markus Blum, sich im Sommer 2010 auf die Suche nach diesem sagenumwobenen Ort zu machen. Tochter Amira war da gerade zwei Jahre alt. Nach tagelangem Ritt fanden sie Veniers Blockhütte tatsächlich.

Die ganze Familie freut sich auf die Rückkehr in die Wildnis. Mittlerweile haben sich auch die Ängste der Angehörigen gelegt. «Vor allem um das kleine Kind hatten die Grosseltern am Anfang Angst», sagt Markus Blum. «Das kann ich sogar nachvollziehen. Aber wirkliche Gefahren lauern dort draussen keine, und keiner von uns wurde je krank, weil es niemanden gibt, bei dem man sich anstecken kann.» Auch Isolation sei ein Thema gewesen, sagt Markus Blum, aber die Tochter habe eine grossartige Zeit in der freien Natur und sei ständig mit den Eltern zusammen. «Wir hatten eine Chance und haben sie gepackt. Wenn Amira in den Kindergarten kommt, müssen wir die Situation überdenken, und dann schauen wir weiter», sagt die Mutter. Und was die fehlenden Gspändli für Amira betrifft: Die Familienplanung bei Blums ist definitiv noch nicht abgeschlossen.
Der Trailer zur Vortragsreise der Blums durch verschiedene Schweizer StädteWeitere Infos auf www.blumundweg.ch

«DOK-Serie: Auf und davon», SRF 1, 4. Januar 2013, 21 Uhr (sechs Teile)

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Markus Blum