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18. März 2013

Mit Engagement Anschluss finden

Sie kommen mit dem Ehemann in die Schweiz, oder ihr Arbeitgeber schickt sie. Und plötzlich müssen sie sich fern der Heimat total neu orientieren. Vier Frauen zeigen, wie man in einem fremden Land Anschluss findet: mit ausgefallenen Ideen und viel Herzblut.

Mahima Klinge
Mahima Klinge will den Menschen helfen, «glücklich im Hier und Jetzt zu werden».
Sonja Bonin in ihrem Zürcher Home Office
Sonja Bonin in ihrem Zürcher Home Office.

ALS «ANHÄNGSEL» MIT INS AUSLAND

«Es gibt Menschen, die überall und nirgends zu Hause sind»: Autorin Sonja Bonin weiss, worüber sie schreibt. Als «mitreisende» Ehefrau hat sie vier Jahre lang in den USA gelebt und zog danach für 15 Monate nach China. Ein Kulturschock der besonderen Art: vom befremdenden Gourmeterlebnis mit Hasenohren und von Rempelattacken in der U-Bahn.

Die Welt wächst immer mehr zusammen, und die Schweiz mischt ganz vorne mit im globalen Wirtschaftsgeschehen. Pro Jahr kommen fast 125'000 Ausländer neu in die Schweiz, während rund 30'000 Schweizer im Jahr ihr Glück in der Fremde suchen.

Viele, die in die Schweiz kommen, sind «Expatriates». Menschen also, die für eine bestimmte Zeit im Ausland arbeiten. Sie sind top ausgebildet und haben oft einen ebenso hoch qualifizierten Lebenspartner im Schlepptau. Ob sie aus eigenen Stücken einreisen oder von ihrem Unternehmen geschickt werden, die Herausforderungen bleiben dieselben: Alles ist auf einen zeitlich begrenzten Aufenthalt ausgelegt, man bleibt der eigenen Kultur verbunden, und dennoch möchte man sich im Gastland integrieren und heimisch fühlen.

Oft haben die Partner der Expats keine Arbeitsgenehmigung
Arbeitsverträge sind häufig auf wenige Jahre beschränkt, und die mitreisenden Lebenspartner, in der Mehrheit die Ehefrauen, haben oft gar keine Arbeitsgenehmigung. Die Sprachbarriere erschwert vielen ausserdem, auf angemessenem Niveau in ihrem angestammten Beruf zu arbeiten. Wer diese Situation nutzt, um für eine Weile vom Arbeitsleben zu pausieren und sich zum Beispiel um die Kinder zu kümmern, hat doppelt gegen soziale Isolation zu kämpfen. Denn plötzlich findet man sich ohne Freunde, ohne Verwandte, ohne Arbeitskollegen in einem fremden Land wieder, dessen Bewohner zwar freundlich, aber sehr zurückhaltend sind und deren Sprache man nicht kennt. Besser, man findet eine Beschäftigung, die einen ausfüllt und in Kontakt mit Menschen bringt.

Mahima Klinge aus Zimbabwe, Assem Klammsteiner aus Kasachstan, Lihi Ben Haim aus Israel und Selina Man Karlsson aus England haben sich in der Schweiz selbstständig gemacht. Und die vier Frauen, zwei Expatriates und zwei Einwanderinnen, sind dabei glücklich geworden.

«Meine Kreativität braucht Gesellschaft»

Malerin Lihi Ben Haim vor einer Staffelei in ihrem Studio in Zürich.
Malerin Lihi Ben Haim vor einer Staffelei in ihrem Studio in Zürich.

Das Auffallendste sind ihre Haare: Eine wilde Lockenpracht umgibt das feine Gesicht der Israelin Lihi Ben Haim (35). Die heute freischaffende Malerin hatte in Jerusalem als Lektorin gearbeitet, war aber vergebens auf der Suche nach ihrem Traumjob. Da bekam ihr Mann, der für Google arbeitet, eine Versetzung nach Zürich angeboten. Ins Ausland gehen, neue Inspirationen bekommen, eine andere Kultur, eine neue Sprache, neue Menschen kennenlernen? Noch dazu in die Schweiz, in die sie sich auf einer Reise im Jahr zuvor sowieso verliebt hatte? «Da war ich sofort dabei», sagt sie.

Damals schrieb sie Kurzgeschichten und traf sich regelmässig in einer Schreibgruppe. Aber ihr war klar, dass das in der Schweiz unmöglich sein würde: «Eine hebräische Schreibgruppe in Zürich zu finden, war einfach utopisch.» Also überlegte sie sich einen anderen Weg, ihr künstlerisches Talent auszuleben und mit anderen zu teilen. «Meine Kreativität braucht Gesellschaft, sonst verkümmert sie.» Nach drei Monaten Vollzeit-Deutschunterricht begann Lihi Ben Haim deshalb, Zeichenkurse zu belegen und Einzelunterricht zu nehmen. Und je mehr sie sich selbst im Malen und Zeichnen verbesserte, desto mehr störte sie die weit verbreitete Einstellung, Talent habe man oder man habe es eben nicht. «Genau wie ich bei null anfing und stetig dazulernte, so können auch andere ihr kreatives Potenzial entdecken und entwickeln», sagt sie.

Mit eigenen Mal- und Kreativitätskursen versucht sie seit zweieinhalb Jahren, «Menschen und Kreativität zusammenzubringen». Zur Werbung und Vernetzung setzt sie vor allem auf elektronische Mittel: ihre Website, E-Mails und soziale Netzwerke wie Facebook und Google+. Mit englisch sprechenden Kreativen in Zürich verabredet sie sich regelmässig über die Plattform Meetup und lädt Kreative zu inspirierenden Vorträgen ein. Leben könnte Lihi Ben Haim momentan von ihren Kursen noch nicht. «Das ist nicht immer leicht. Aber ich habe die Chance, meine Energie für etwas einzusetzen, was mich erfüllt. Es wäre töricht, sie nicht zu nutzen.»

www.pukkacreative.com

«Jetzt bin ich hauptberuflich Kundschafterin»

Bereits seit zehn Jahren lebt Selina Man Karlsson (35) in der Schweiz und fühlt sich hier absolut heimisch. Die englische Bankerin mit chinesischen Wurzeln war mit ihrem gesamten Team aus Grossbritannien nach Zürich versetzt worden. Das machte es einerseits leichter, sich wohl zu fühlen. «Andererseits ging mein Leben hier genauso weiter wie in London: Arbeit, mit den Kollegen etwas trinken gehen, nach Hause gehen, fernsehen, schlafen. Sogar Englisch sprach ich die ganze Zeit!» Irgendwann wurde das Gefühl immer stärker, dass es doch mehr geben muss im Leben. «Ich hatte mich schon viel zu lange ausschliesslich auf meinen Job konzentriert.»

Selina Man Karlsson kam als Bankerin in die Schweiz. Heute ist sie selbstständig und organisiert Kurse.
Selina Man Karlsson kam als Bankerin in die Schweiz. Heute ist sie selbstständig und organisiert Kurse.

Am liebsten hätte Selina ganz viele unterschiedliche Dinge gelernt und ausprobiert, die sie interessierten. Doch diese Art Schnupperkurse waren schwer zu finden. Kurzentschlossen begann sie, selbst welche anzubieten: Feng-Shui, Schokolade, Portwein und Stilton-Käse, Make-up, Familienkonstellationen, Pilates, Hypnose, Fotografie, sanfte Medizin, Cloud Computing, Geld, Ernährung, Achtsamkeit, Wein und Meditation gehören zu den Themen, denen sie bereits Kurse gewidmet hat. Sie organisiert alles, aber die Referenten sind ausgewiesene Experten. «Es macht so viel Freude, einmal aus dem Trott auszubrechen und etwas anderes kennenzulernen», schwärmt Selina, die auch nach drei Jahren immer noch an jedem Kurs selbst teilnimmt. «Und es ist toll, wenn man etwas anbieten kann, worauf die Leute selbst wohl nie gekommen wären.» Das Ungewöhnliche ausfindig zu machen und Menschen zusammenzubringen, die einfach Spass daran haben, etwas Neues auszuprobieren, das ist das Ziel von «Curious Courses», ein Spiel mit der Doppelbedeutung des englischen Wortes «curious»: neugierig und ausgefallen.

Aus Selina Man Karlssons anfänglichem Hobby ist eine Geschäftsidee entstanden.
Aus Selina Man Karlssons anfänglichem Hobby ist eine Geschäftsidee entstanden.

Mittlerweile hat Selina ihren Bankjob gekündigt und widmet sich 100 Prozent dem Kurse-Organisieren. Aus dem anfänglichen Hobby ist eine Geschäftsidee entstanden, die Selina Man Karlsson am liebsten überall auf der Welt umsetzen würde. «Jetzt bin ich hauptberuflich Kundschafterin», sagt sie. Ein bisschen einschüchternd sei das schon, gesteht sie. Aber eben auch sehr, sehr aufregend.

www.curiouscourses.ch

«Ich hatte das Glück, an vielen Orten mit ausgezeichneter Cuisine zu leben»

Assem  Klammsteiner in ihrem Restaurant «Simply Soup» in Zürich.
Assem Klammsteiner in ihrem Restaurant «Simply Soup» in Zürich.

«Ich liebe Suppe!», sagt Assem Klammsteiner (27) strahlend, während sie einer Kundin eine Gulaschsuppe reicht. Seit einem Jahr steht die stolze Besitzerin hinter dem Tresen des Restaurants «Simply Soup» in Zürich. Je nach Kundschaft spricht sie Englisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch, Russisch oder Mundart. Oder natürlich in ihrer Muttersprache, Kasachisch. Aufgewachsen als Tochter eines kasachischen Diplomatenpaars, besuchte Klammsteiner Schulen und Universitäten in den USA, England, Spanien und Italien, arbeitete nach ihrem Wirtschaftsstudium unter anderem in Florenz und folgte vor etwa drei Jahren ihrem Mann, einem österreichischen Banker, nach Zürich. Hier reifte dann ihr Entschluss, den Sprung in die Selbstständigkeit zu wagen. «Ich esse gerne, ich koche gerne, und ich wollte schon immer etwas Eigenes auf die Beine stellen».
Auf die Firmengründung bereitete sie sich penibel vor. Fast zwei Jahre studierte sie den Markt und die Konkurrenz. «Ich bin da ein bisschen wie die Schweizer. Bei mir läuft alles sehr gründlich, gut durchdacht und perfekt organisiert ab.» Wahrscheinlich habe ihr auch ihr Lebenslauf geholfen. «Wenn man schon als Kind alle zwei, drei Jahre das Land, die Sprache, die Schule und die Freunde wechseln muss, macht man die Erfahrung, dass man vieles kann, was man sich nicht zugetraut hätte.»

Auch kulinarisch nützt ihr der internationale Hintergrund. «Ich hatte das Glück, an vielen Orten mit ausgezeichneter Cuisine zu leben», sagt sie. Diese unterschiedlichen Esskulturen bereichern ihr Repertoire. «Immer mittwochs trifft sich zum Beispiel die russische Expat-Gemeinde von Zürich hier. An dem Tag kochen wir Pelmeni, eine sibirische Spezialität. Das ist ein Stück Kindheit, das man sonst nirgends bekommt.»

www.simplysoup.ch

«Alles, was ich tue, ist eine Meditation»

Mahima Klinge (41, Bild ganz oben) ist eine stattliche Afrikanerin mit warmem Blick und beruhigend tiefer Stimme. Gut vorstellbar, sich von dieser Frau in eine tiefe Meditation führen zu lassen. Der optimale Meditationszustand sei der einer absoluten Wachheit bei gleichzeitiger völliger Entspannung, sagt sie. Genau das fehlte ihr, als sie Anfang zwanzig erstmals nach Indien reiste.

Mahima Klinge will den Menschen helfen, «glücklich im Hier und Jetzt zu werden».
Mahima Klinge will den Menschen helfen, «glücklich im Hier und Jetzt zu werden».

Nach kurzer Ehe mit einem Schweizer, den sie in ihrer Heimat Zimbabwe kennengelernt hatte, wollte sie weg. In Indien entdeckte sie die Meditation. «Ich blieb 18 Monate und tat nichts als meditieren. Danach habe ich sieben Jahre lang täglich vier bis fünf Stunden meditiert», erzählt sie. Zwei Dinge seien ihr von da an klar gewesen: Nie mehr würde sie in ihren alten Beruf als Model zurückkehren. Und: Von jetzt an wollte sie selbstständig sein. «Ich reiste meditierend durch die Welt.» Bali, Thailand, Australien, USA und Kanada, überall verbrachte Mahima mehrere Monate, begann zu malen und verdiente sich ihren Lebensunterhalt mit Meditationskursen. In Deutschland lernte sie schliesslich ihren zweiten Mann kennen und wanderte mit ihm in die Schweiz aus. «Inzwischen meditiere ich nicht mehr», sagt sie. «Ich brauche es nicht mehr, denn irgendwie ist alles, was ich tue, eine Meditation.» Zurzeit arbeitet Mahima Klinge an einem Buch, das noch in diesem Jahr erscheinen soll. Darin beschreibt sie ihr Leben und ihre Philosophie. «Ich möchte möglichst vielen anderen dabei helfen, friedvoll und glücklich im Hier und Jetzt zu werden.»

www.mahimasworld.com

Autor: Sonja Bonin

Fotograf: Pascal Mora