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21. Oktober 2013

Mit Diabetes leben lernen

In der Schweiz haben rund eine halbe Million Menschen Diabetes, Tendenz steigend. Zu ihnen gehört auch Gülter Locher. Dank Selbstdisziplin und Medikamenten hat die 55-Jährige die Krankheit heute aber unter Kontrolle.

Blutzuckerwert-Messgerät Diabetes zucker zuckerkrank
Gülter Locher beim Überprüfen ihres Blutzuckerwertes mit dem Messgerät.

Die Diagnose traf Gülter Locher vor 15 Jahren, in ihrem 40. Altersjahr. «Bis dahin fühlte ich mich jung — der Bescheid, dass ich an Diabetes leide, war ein Schock!», erinnert sie sich. Ihre Beschwerden begannen, als sie, die 1980 in die Schweiz eingereiste Türkin, das Rauchen von einem Tag auf den andern aufgab, nachdem der Glimmstängel seit der Jugend zu ihrem Leben gehört hatte. In der Folge «explodierte» ihr Gewicht von den 57 Kilogramm, die sie stets wog, auf über 80 Kilogramm. Das riss sie in eine Depression. Sie wurde antriebslos, mochte auch nicht mehr die Kontakte pflegen, die ihr sonst so wichtig waren.

Der Rauchstopp ist laut ihrem behandelnden Diabetologen Lukas Villiger zwar für einige wenige Zusatzkilos verantwortlich. Zur Diabeteserkrankung führten jedoch die genetische Veranlagung (ihr Vater war ebenfalls an Diabetes erkrankt) und ihr Lebensstil: zu viele Kohlenhydrate und zu wenig Bewegung. «Die Betroffenen spüren jahrelang nichts. Erst bei Anzeichen von Folgeschäden an Herz, Niere, Auge und Füssen bemerkt man die Erkrankung, oder es zeigen sich Symptome wie häufiges Wasserlösen, Müdigkeit und Gewichtsverlust», sagt Lukas Villiger.
Man unterscheidet zwei Formen von Diabetes. Der Typ 1 (ehemals juvenile Diabetes) tritt oft bei Kindern und Jugendlichen auf. Er ist nur zu einem kleinen Teil erblich bedingt und basiert auf einer Störung des Immunsystems. Der Typ 2 hingegen wird meist zwischen 40 und 59 Jahren erstmals diagnostiziert und hängt stark mit dem Lebensstil, Bewegungsmangel, Übergewicht und Vererbung zusammen.

Eine Person sticht sich mit dem Blutzuckerwert-Messgerät in den Finger; zu sehen ist auch ein Bluttropfen.
Mehrmals pro Tag misst Gülter Locher mit diesem speziellen Gerät ihren Blutzuckerwert.

In der Schweiz schätzt man, dass beinahe 500'000 Personen an Diabetes erkrankt sind, davon sind rund 40'000 Typ-1-Diabetiker. Bis 2030, so die Experten, werden gegen zehn Prozent der Bevölkerung davon betroffen sein. Die Hälfte aller Diabetesbetroffenen weiss allerdings gar nicht, dass sie daran leidet. Es empfiehlt sich, bei Risikofaktoren wie Rauchen, keine Bewegung, Übergewicht und familiärer Belastung ab 30 regelmässig einen Diabetes-Check zu machen. Ohne diese Risikofaktoren sollten solche Checks ab 45 erfolgen.

Der Bescheid, dass ich an Diabetes leide, war ein Schock – Gülter Locher

Die heute 55-jährige Gülter Locher tat sich zu Beginn schwer mit der erforderlichen Behandlung und Verhaltensänderung. Nachdenklich betrachtet sie ihre grosse Bücherwand, die von ihrer Liebe zu Büchern, aber auch von ihrer politischen und journalistischen Arbeit zum Thema Integration zeugt. Wegen ihrer Depression musste sie ihr Engagement hinunterschrauben und ihr Büchergeschäft mit türkischen Büchern aufgeben.

Heute bezieht Gülter Locher eine IV-Rente wegen ihrer Depression. Depressionen sind bei Diabetes häufig. Fast jeder fünfte Diabetiker leidet darunter. Untätig ist Gülter Locher indessen nicht: Sie schreibt ein Buch mit dem Arbeitstitel «Eine Reise — zwei Kulturen», das indirekt ihre lange Reise von Ostanatolien nach Spreitenbach und die Integration hier in der Schweiz beschreibt.

Einmal Diabetes, immer Diabetes

Weil Diabetes Typ 2 vor allem durch Übergewicht und Bewegungsmangel ausgelöst wird, ist für Diabetologe Lukas Villiger klar, dass in erster Linie hier angesetzt werden muss. Aber: «Einmal Diabetes — immer Diabetes!», betont der Arzt. Dennoch könne man mit einer entsprechenden Verhaltensänderung und der richtigen medikamentösen Behandlung das Fortschreiten der Krankheit stark verlangsamen und Folgekrankheiten verhindern, heilen kann man sie indes nicht. Zur Behandlung gehören insulinfördernde Medikamente, die ihrerseits Unterzuckerung verursachen können (Vorsicht beim Autofahren!), sowie Insulinspritzen. Der angepasste Lebensstil beinhaltet: mehr Bewegung, Gewichtsreduktion und Rauchstopp.

Grafik "Menschen mit Diabetes weltweit" 1985-2025.

Grossen Wert legt der Diabetologe auf die Selbstverantwortung. Dabei geht es nicht nur um den vierteljährlichen Besuch beim Arzt, wo Blutzucker, Cholesterin und Gewicht besprochen sowie Folgeschäden gesucht werden. Vielmehr geht es auch um die Selbstkontrolle des Zuckers. «So kann man direkt beobachten, was sich wie auf den Blutzucker auswirkt», erklärt er. «Dass zum Beispiel nach dem Sporttreiben der Blutzuckerspiegel fällt, wirkt motivierend!» Trotz anfänglicher Widerstände liess sich Gülter Locher, Mutter eines erwachsenen Sohns, von der Notwendigkeit der Selbstmessung und der Medikamenteneinnahme überzeugen. Sie misst sogar mehrmals pro Tag den Blutzucker, da sie Insulinspritzen benötigt. Zudem macht sie regelmässig Spaziergänge, isst mehr Gemüse und Obst.

Mit der Kontrolle der Kohlenhydratezufuhr und dem Rauchstopp habe sie noch Mühe, gesteht sie. Dessen ungeachtet hält sich die Krankheit, mit gelegentlichen Ausrutschern, stabil. «Man muss eben das Beste draus machen», sagt Gülter Locher.

Autor: Stefan Müller

Fotograf: Tina Steinauer