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15. Dezember 2014

Mit den besten Wünschen …

Und dem sagen sie dann: «O du fröhliche!» Man wird ja dieser Tage zugeputzt mit Drucksachen, Wurfsendungen, Werbemails. Und kein Bettelbrief, keine glitzernde Firmenpost, keine als «Season’s Greetings» getarnte PR, die nicht mit den besten Wünschen für eine schöne, ruhige, besinnliche, feierliche, stille, erholsame und eine was-weiss-ich-noch-alles Zeit schliesst. Wahrhaft ein Gemetzel an Adjektiven! Wohlklingend, allesamt, aber in der Summe völlig paradox: Wir bekommen im Advent mehr Lästiges aufgenötigt denn je – und dann wünschen sie einem alle, alle stets noch «Besinnlichkeit».

«O du selige! Die Tage sind besinnungslos.»
«O du selige! Die Tage sind besinnungslos.»

Wo doch Hektik jeden Anflug von Besinnlichkeit verscheucht. Hat nicht der Veit in seinem Plattenladen seit dreieinhalb Wochen die Bob-Dylan-CD-Box für mich bereitgelegt? Und ich bin noch nicht mal dazugekommen, sie abzuholen. Muss doch zuerst Geschenke für meine Liebsten besorgen … Fragt sich nur, wann. Fröhliche Weihnachtszeit? Heiliger Bimbam! Was man alles noch sollte und wollte … Was man sich alles für das Jahr, das nun so plötzlich zur Neige geht, noch vorgenommen hatte… Stattdessen hier noch ein Schulbesuchstag, da noch ein Akkordeonkonzert mit Apéro (bitte Gebäck mitbringen!), dort noch eine Adventsfeier – gewiss alles wunderbar, einzeln betrachtet, aber in der Menge einfach too much. Nichts gegen Pfadiwaldweihnachten und Betriebsfeste, Theateraufführungen und Konzerte, nichts gegen Jahresessen und Abschlussfeiern – aber warum müssen sie alle immer zur selben Zeit stattfinden? Zu der Zeit, da uns von überallher eingebläut wird, wie besinnlich wir nun zu sein hätten?

Dabei bin ich der Erste, der für Besinnlichkeit zu haben wäre, Kitschbruder, der ich bin. Ehrlich! Kerzenlicht und Duftlämpchen, verträumte Songs und der Geruch von Mailänderli, frisch aus dem Ofen – das ist mein Ding. Eigentlich. Aber heuer will dieses warme Gefühl einfach nicht aufkommen. Muss wohl an mir liegen, dachte ich schon, da schrieb Franziska: «Wir stehen ja grad in der besinnlichen Adventszeit … Obwohl, in diesem Jahr mit dem zu Beginn des Jahres fehlenden Winter und dem fehlenden Sommer und dem jetzt schon wieder nicht recht wollenden Winter ist es noch schwierig, sich in die richtige Stimmung zu versetzen. Mir zumindest geht es so.» Wie tröstlich das war! Bin ich also nicht der Einzige, der sich gestresst zwischen den viel zu eng aneinandergereihten Ständen des Weihnachtsmarkts durchzwängt und trotz allseits verströmten Wohlgeruchs nicht recht in Stimmung kommen kann. Zu wissen, dass man nicht allein ist, tut ohnehin immer gut. Achtundfünfzig Leute schrieben mir letzte Woche, sie hätten bis anhin gemeint, sie seien die Einzigen, die den Duschvorhang mittels Wasser seitlich an die Plättli «klebten»; dreiundzwanzig Mütter sahen im Migros-Magazin das Gestell mit all unseren Skateboards und mailten, sie seien erleichtert, dass auch andere Familien so viele Bretter besässen. (Und ich schrieb dann kleinlaut zurück, die sieben abgebildeten Boards seien, ähm … noch nicht alle, die wir hätten, im Fall.)

O du selige, die Tage sind besinnungslos. Da lobe ich mir Irene. Am Donnerstag schloss sie eine Nachricht – wissend, dass meine Tage wie die ihren kaum besonnen sein würden, geschweige denn erholsam – mit den Worten: «Wünsche dir eine gute, möglichst ruhige, besonnene, erholsame … Vergiss es! Ich wünsch dir einfach eine … Zeit. So.»

Die Hausmann-Hörkolumne, gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli