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27. Mai 2013

Die Schweiz sattelt den Drahtesel

Im Rahmen der Aktion «Bike to Work» werden im Juni wieder Zehntausende mit dem Velo zur Arbeit fahren. Das ist gut für Fitness und Umwelt. Es müssen ja nicht gleich 80 Kilometer und mehr sein, wie es die hier Porträtierten tun.

Astrid Koller mit Rennvelo
Astrid Koller fährt mit dem Rennvelo von Gams SG nach Herisau AR (mind. 110 km)

Andreas Hopp (43) muss nicht lange überlegen. Auf die Frage, was das Schöne daran sei, frühmorgens mit dem Velo zur Arbeit zu fahren, sagt er: «Die Gerüche, die Geräusche, das Licht — es werden einfach alle Sinne angesprochen!» Wenige Leute im Land legen auf ihrem Arbeitsweg mit dem Velo so viele Kilometer zurück wie der Migros-Aare-Kadermitarbeiter Andreas Hopp (siehe Porträt ganz unten auf dieser Seite). Aber es müssen nicht 120 Kilometer sein: Velofahren bringt immer einen positiven Effekt, egal, wie lange oder kurz der Weg ist — und dies für den Velofahrer wie für die Natur und die chronisch überlasteten öffentlichen Verkehrsmittel.

ZEHN THESEN ZUM PENDLERLAND SCHWEIZ
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Das Bundesamt für Statistik stellte in der Studie «Mobilität und Verkehr 2010» fest, dass die Leute in der Schweiz durchschnittlich einen Arbeitsweg von 12 Kilometern zu bewältigen haben und jeder zweite Arbeitsweg kürzer als 5 Kilometer ist — Distanzen, die von den meisten problemlos mit dem Velo zurückgelegt werden könnten. Und das wäre angesichts der knapper werdenden Ölreserven wünschenswert. Pro Velo Schweiz, der nationale Dachverband der lokalen Interessenvertreter der Velofahrenden, hat ausgerechnet, wie viel Benzin gespart werden könnte: rund 200'000 Liter täglich! Dies entspricht dem Verbrauch der Autos, die jeden Tag für Arbeitswege unter fünf Kilometer benützt werden und dabei 2,5 Millionen Kilometer zurücklegen. Man könnte also viel Treibstoff sparen, würde man für so kurze Strecken vom Auto aufs Velo umsteigen. Und erst noch die eigene Fitness verbessern.

110 Kilometer trotz Herzfehler

Astrid Koller (27), Raum- und Verkehrsplanerin ETH (Bild oben)
Fährt von: Gams SG nach Herisau AR.
Strecke via: Sennwald, Eichberg, Appenzell, Waldstatt.
Kilometer hin und zurück: mind. 110.
Höhenmeter hin und zurück: ca. 1000.
Velo: Rennvelo.

Mit dem Zug hat sie fast zwei Stunden Arbeitsweg, Auto fährt sie nicht gern. Velo dafür umso mehr. Deshalb schwingt sich Astrid Koller wenn immer möglich auf den Sattel, privat und für den Arbeitsweg. «Aber ich mache das nicht verbissen, ich bin eine Schönwetterfahrerin», lacht sie. Seit zwei Jahren wohnt sie zusammen mit ihrem Freund etwas erhöht im Rheintal, der Weg führt sie durch kleine Dörfer und das schöne Appenzellerland. «Ich habe Glück und sehe fast nur unverschandelte Landschaften», sagt die Sportbegeisterte, die sich beruflich mit Raum- und Verkehrsplanung beschäftigt.

Den Arbeitsweg zwei- oder dreimal pro Woche per Velo zurückzulegen, findet sie auch praktisch: «Dann habe ich das Training bereits erledigt, wenn ich am Abend nach Hause komme.» Rund zwei Stunden hat sie für einen Weg. Meistens geniesse sie es, auch wenn sie auf der Strasse fährt. Nur aus dem Nichts auftauchende Töfffahrer machten ihr manchmal Angst. Einen Platten hatte sie noch nie, aber auch das wäre kein Problem für sie: «Ich habe immer einen Schlauch dabei und weiss, wie wechseln.» Astrid Koller ist mit einem Herzfehler zur Welt gekommen. «Ich habe einen höheren Puls als andere. Das Handicap hat mich aber gelehrt, gut auf meinen Körper zu hören», so Koller. «Deshalb schalte ich manchmal auch einen Gang zurück oder mache Pause. Weil es aber nicht selbstverständlich ist, dass ich mich überhaupt körperlich so fordern darf, geniesse ich es umso mehr.» Und wenn sie am Abend nach Hause strampelt und im wahrsten Sinne des Wortes ihren Kopf durchlüften kann, mache sie das einfach nur glücklich.

Ihre Tipps für Bike-to-Work-Einsteiger:

  • Eine Strecke wählen, die landschaftlich etwas hergibt und abwechslungsreich ist
  • Möglichst abseits der Hauptverkehrsstrassen fahren

Immer eine 50er-Note im Sack

Barbara Hofstetter (mit Helm) auf dem Rennvelo.
Barbara Hofstetter fährt von Aarburg AG nach Kaiseraugst AG.

Barbara Hofstetter (40),Biologielaborantin
Fährt von: Aarburg AG nach Kaiseraugst AG.
Kilometer hin und zurück: rund 80.
Strecke via: Olten, Trimbach, Hauenstein, Läufelfingen, Sissach, Frenkendorf, Füllinsdorf.
Höhenmeter hin und zurück: ca. 750.
Velo: Rennvelo

Sie macht es jeden Tag. «Ausser wenn es schon beim Aufstehen aus Kübeln schüttet», sagt Barbara Hofstetter, die mit Mann und Hund direkt an der Bahnlinie in Aarburg wohnt. «Und die Morgentemperatur muss schon über 5 Grad liegen.» Seit zwei Jahren ist die Laborantin Velopendlerin. Damals nahm sie mit drei Arbeitskollegen erstmals an der Aktion «Bike to Work» teil — und hörte nach dem Monat einfach nicht mehr damit auf, bis tief in den Herbst. Denn sie habe in jenem Juni gemerkt, dass es ihr am Abend viel besser gehe, wenn sie nach der Arbeit mit dem Velo nach Hause fahre: «Ob ein dröhnender Kopf oder sogar Kopfschmerzen — auf dem Velo verfliegt das alles. Ich bin auch ausgeglichener und einfach zufriedener.» Manchmal macht sie den Weg mit dem Rennvelo, an anderen Tagen mit dem E-Bike. «Bei Letzterem aber nicht mit der maximalen Unterstützung, denn ich möchte ja trainieren», sagt die sportliche Frau, die auch viel rennt und seit diesem Jahr ausserdem Schwimmen trainiert, um an Triathlon-Wettkämpfen teilzunehmen. «Ich bin offen und wage gerne immer mal wieder etwas Neues.»

Nur mit der Technik habe sie es nicht so, lacht die Frau eines Velomechanikers, der in Aarburg ein eigenes Geschäft hat. «Keine Ahnung, wie man einen Platten flickt. Ich müsste schon einmal einen Crashkurs bei meinem Mann machen. Bis es so weit ist, habe ich neben dem Ersatzschlauch immer eine 50er-Note dabei, für den Velofahrer, der mir im Ernstfall das Problem behebt», sagt sie lachend.

Ihre Tipps für Bike-to-Work-Einsteiger:

  • Gute Kleider. Unter anderem über den Schatten springen und eine Velohose tragen, damit das Gesäss nicht ganz so wehtut («denn wehtun wird es am Anfang auch so ganz bestimmt noch!»)
  • Das Ganze langsam angehen
  • Die Freude soll im Vordergrund stehen, also nicht von Anfang an ans Limit
  • Man muss eventuell auch Gewohnheiten umstellen, etwa auf das Einkaufen auf dem Arbeitsweg verzichten
  • Für jemanden, der täglich fährt, eignet sich ein voll ausgestattetes Velo (Licht, Schutzblech, Gepäckträger)

Frühmorgens Eiger, Mönch und Jungfrau geniessen

Andreas Hopp fährt von Mühletal AG nach Schönbühl BE.
Andreas Hopp fährt von Mühletal AG nach Schönbühl BE.

Andreas Hopp 43), Leiter Food and Beverage (Einkauf, Produktmanagement, Marktbearbeitung).
Fährt von: Mühletal AG nach Schönbühl BE.
Strecke via: St. Urban, Langenthal, parallel zur A1 nach Bern, via Kirchberg nach Schönbühl.
Kilometer hin und zurück: mind. 120.
Höhenmeter hin und zurück: ca. 1000.
Velo: Triathlon-Rennvelo.

120 Kilometer an einem Tag — nicht alle, denen Migros-Aare-Mitarbeiter Andreas Hopp von seinem Arbeitsweg mit dem Velo erzählt, verstehen, dass er das auf sich nimmt. «Einige finden, ich spinne», sagt der Gastromanager trocken, «aber es ist einfach praktisch. Wenn ich am Abend nach Hause komme, habe ich das Training bereits erledigt und kann mich der Familie widmen. Ausserdem ist es unbeschreiblich schön, frühmorgens Eiger, Mönch und Jungfrau entgegenzufahren oder der aufgehenden Sonne. Oder zu riechen, wenn es in der Nacht geregnet hat …» Klar, müsse man einigermassen fit sein, aber: «Das Fahren ist nicht die grösste Herausforderung», sagt der ehemalige Koch, der während der Lehre mit dem Velofahren angefangen hat. «Es ist vor allem die Logistik: Wer einen längeren Weg zurücklegt, muss die verschwitzten Kleider irgendwo trocknen können und braucht für die Arbeit eine frische Garderobe. Und manchmal hat man auch Arbeitsunterlagen dabei — die müssen im schmalen Rucksack Platz finden, wenn man mit dem Rennvelo unterwegs ist.»

Mit purer Muskelkraft legt Hopp seinen Arbeitsweg vor allem in den Sommermonaten zurück. Wenn es morgens schon früh hell ist. 1 Stunde und 41 Minuten ist sein Rekord für die Strecke. Langweilig wird ihm in der Zeit nicht: «Das Velo ist mein Medium. Es kommen mir während des Fahrens oft gute Ideen.» Dummerweise könne er sich einfach nicht alle merken, bis er im Büro oder zu Hause vom Rad steige, sagt der im Bündnerland Aufgewachsene und schmunzelt. Aber einen weiteren Vorteil habe das Velofahren, und der sei unbezahlbar: «Ich komme viel entspannter am Ziel an, als wenn ich stundenlang mit dem Auto im Stau stehen musste.»

Seine Tipps für Bike-to-Work-Einsteiger:

  • Abklären, ob die Arbeitsumgebung dies unterstützt und ob es die notwendige Infrastruktur hat (Dusche, Platz für Kleider)
  • Distanz und Fitness müssen zusammenpassen
  • Logistik gut planen

Durch die Natur in die Stadt

Christian Schepperle auf dem Mountainbike.
100 km Arbeitsweg mit dem Velo: Christian Schepperle fährt von Bauma ZH nach Zürich Altstetten.

Christian Schepperle (48), Sourcer-Supply- und Demand-Manager (strategischer Einkauf).
Fährt von: Bauma ZH nach Zürich Altstetten.
Kilometer hin und zurück: rund 100.
Strecke via: variierend, via Tösstal, Pfäffikon und Hittnau.
Höhenmeter hin und zurück: ca. 1000.
Velo: Mountainbike.

Ein Banker, der sich jeden Tag aufs Velo schwingt, um zur Arbeit zu fahren? Ja, das gibts. Er heisst Christian Schepperle — und er sei bei Weitem nicht der Einzige bei der UBS, sagt der Vater von zwei Kindern. Schepperle ist eben erst mit seiner Familie nach Bauma ins Zürcher Oberland gezogen, und noch hat er die optimale Veloroute nach Zürich Altstetten nicht gefunden. Es soll nicht der schnellste Weg, sondern der schönste sein.

Bewusst legt er den Weg mit dem Mountainbike zurück. Das ist zwar anstrengender als mit dem Rennvelo, gibt ihm aber die Möglichkeit, fernab der Strassen zu fahren, durch Wälder und an Feldern vorbei. «Morgens um 5 Uhr fahre ich los. Rund zwei Stunden später komme ich im Büro an. Unterwegs sehe ich, wie alles erwacht, ich begegne vielen Wildtieren, heute sogar einem Dachs. Die Stille, die Stimmungen, die Natur — das alles ist wunderschön. Und weil ich immer andere Wege nehme, bleibt es spannend.» Zudem habe man den ganzen Tag mehr Energie. Auch er fing ursprünglich mit dem sportlichen Velofahren an, weil er unregelmässig arbeitete und deshalb keinen Teamsport betreiben konnte. Den Arbeitsweg mit Sport zu verbinden, ist für ihn nebst Genuss auch Training: «Ich will auch in ein paar Jahren noch mit meinen Söhnen mithalten können.» Überehrgeizig sei er aber nicht: «Wenn ich einen Termin mit einem Lieferanten habe, lasse ich das Velo zu Hause. Im Winter sowieso.»

Seine Tipps für Bike-to-Work-Einsteiger:

  • Nach der ersten Erschöpfung nicht gleich aufgeben, das ändert sich schnell
  • Locker rangehen, nicht verbissen
  • Die Gegend geniessen
  •  Die Qualität des Velos macht den Unterschied, Beratung ist empfehlenswert

Autor: Esther Banz

Fotograf: Ruben Wyttenbach