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24. April 2017

Mit dem Pferd beim Zahnarzt

Karies, Fehlstellungen, überflüssige Zähne: Pferde leiden unter ähnlichen Zahnproblemen wie wir Menschen. Um diese zu behandeln, braucht es schweres Geschütz – und Beatus Bächi, den Spezialisten, der dem Gaul ins Maul schaut.

Beatus Bächi begutachtet Zähne und Zahnfleisch
Der erste Check: Beatus Bächi begutachtet Zähne und Zahnfleisch der 14-jährigen Stute Chiara.

Es ist kalt an diesem Morgen im aargauischen Attelwil. Doch Beatus Bächi (37) hat vorgesorgt: Er trägt beheizte Kniestrümpfe. Kleine Akkus am Knie, ferngesteuert via Smartphone, wärmen seine Fusssohlen.
Seit sechs Jahren kümmert sich der Tierarzt um Pferdezähne, im Winterhalbjahr oft in kalten, luftigen Pferdeställen. Zu seinem Instrumentarium zählen 40 Zentimeter lange Bohrer, riesige Zangen, eine Art scharf geschliffener Schraubenzieher zum Heraushebeln von Zähnen und ein Winkelschleifer.

Freiwillig sperrt kein Tier das Maul auf, auch nicht Chiara. Bei der braunen, 14-jährigen Freibergerstute steht heute der jährliche Zahncheck an. Etwas Beruhigungsmittel hilft: Chiara schläft im Stehen ein. Jetzt kann der Tierarzt beginnen. Die 44 Zähne sind das Härteste im ganzen Pferdekörper. Beim Kauen können sie an die 200 Kilo Kraft ausüben – da möchte der speziell ausgebildete Pferdezahnarzt seine Finger nicht dazwischenhaben. Und auch nicht seine endoskopische Kamera, mit der er jeden Zahn genau inspiziert.
Deshalb legt er Chiara erst das Maulgatter an: ein Halfter mit zwei kräftigen Metallbügeln, die ihr Maul offen halten.

Scharfe Kanten, weil das Futter zu zart war
Als der Rosszahnarzt ins Maul greift, verschwindet fast sein gesamter Unterarm, so tief reicht die Zahnreihe. «Da sind scharfe Kanten», sagt er und zeigt auf hoch stehende Ränder an den Backenzähnen, die jeweils wie Mühlsteine das Futter zermahlen. Wo die Reibfläche endet, «wächst» mit der Zeit ein scharfkantiger Rand, der die Schleimhaut oder die Zunge verletzen kann. Bächi deutet auf einen Schnitt in Chiaras Zunge: «Das tut ihr weh.»

Veterinär Beatus Bächi
Veterinär Beatus Bächi

Veterinär Beatus Bächi

In der Wildnis hätten Pferde sehr faser- und mineralienreiches Futter. «Die heute übliche Fütterung mit zartem Gras und Getreide hat beim Ross die gleichen Folgen, wie wenn wir ständig Hamburger essen würden: Die Zähne werden zu wenig und zu ungleichmässig abgerieben», erklärt der Tierarzt. Mit einem diamantbesetzten Schleifkopf beseitigt er die scharfen Kanten – eine Arbeit, die er jährlich rund 1000-mal ausführt. Es staubt aus dem Pferdmaul, es stinkt nach verbranntem Horn.

Jede Viertelstunde unterbricht er kurz und schliesst das Maulgatter. «Das Pferd soll sich zwischendurch entspannen.» Zuletzt betrachtet der Veterinär die vier Wolfszähne: winzige Backenzähne, ein Überbleibsel der Evolution. «Die würde ich rausnehmen», schlägt er vor. «Sie haben keine Funktion und wackeln.» Chiaras Besitzerin, Gisela Hügli, ist einverstanden.

Beatus Bächi spritzt Chiara Betäubungsmittel ins Zahnfleisch und erneut Beruhigungsmittel in eine Vene. Dann lockert er mit einem scharfen Hebel einen Wolfszahn nach dem anderen. Nach 20 Minuten sind die Zähne draussen. «Jetzt kannst du wieder lachen», scherzt Hügli.

Bei der 22-jährigen Clarissa, der anderen Patientin an diesem Morgen, sieht der Tierarzt schwarz: Ein Backenzahn ist von Karies befallen. «Die Frage ist immer: Soll man einen schlechten Zahn ziehen und in Kauf nehmen, dass die Nachbarzähne sich danach womöglich schmerzhaft lockern? Oder ist der kranke Zahn so wertvoll, dass man ihn trotzdem belässt?» Zahnfüllungen seien bei Pferden zwar möglich. «Aber sie halten schlecht.» Bächi rät, Clarissas Zahn im kommenden Jahr kontrollieren zu lassen.

Karies, gebrochene Zähne, Fehlbildungen
Karies ist ein häufig auftretendes Problem bei Pferden, nebst gebrochenen Zähnen – meist infolge von Auseinandersetzungen unter Artgenossen – und Entzündungen in Zahnzwischenräumen, hervorgerufen durch Futterreste. Auch «dominante Zähne», wie Bächi es nennt, beschäftigen ihn oft: Fehlt etwa im Unterkiefer ein Zahn, schiebt sich der «gegenspielende» Zahn im Oberkiefer in diese Lücke vor, weil er nicht mehr abgeschliffen wird. Das Schöne an seinem Beruf sei, «dass man die Ordnung wieder herstellt».

Fast zwei Stunden braucht er für die Behandlung der zwei Pferde. Danach braust er mit seinem Kleinbus nach Niederlenz ins Pferdezahnzentrum. Sein Dienst beginnt morgens um sieben und dauert oft bis abends um neun. In der Klinik behandelt Beatus Bächi, gemeinsam mit seinem Chef und einem erfahrenen deutschen Kollegen, jeden Mittwochnachmittag die schwierigeren Fälle, rund 200 pro Jahr. «Wenn es zu Komplikationen kommt, hat man hier mehr Möglichkeiten.»

Rino lebte drei Jahre mit einem faulen Zahn
Was die Pferdehalter immer wieder überrasche: dass selbst Tiere mit heftigen Zahnproblemen nur wenige Symptome zeigen. Der 6-jährige, gut genährte Rino ist das beste Beispiel. «Ich habe nichts bemerkt, auch beim Reiten nicht», berichtet seine Besitzerin Andrea Höhn. «Rino kann längst nur noch auf einer Seite kauen», sagt Bächi und versucht, Rinos Unterkiefer nach links und rechts zu schieben, doch ein vorstehender Backenzahn im Unterkiefer blockiert die Bewegung. Der Zahn sei seit mindestens drei Jahren faul, stellt Bächis Kollege Frank Schellenberger fest.

Nachdem Rino Schmerz- und Beruhigungsmittel bekommen hat, drückt Frank Schellenberger die Nachbarzähne mit einem Spreizer etwas weg – der erste Schritt, um den Zahn zu lösen. Nun ist Geduld vonnöten: Etwa 30 Minuten lang bearbeitet der Veterinär den Zahn, bis dieser sich allmählich löst. Rino schwitzt.
Dann geht alles ganz schnell, und der Zahn ist draussen. Seine etwa acht Zentimeter lange Wurzel stinkt bestialisch:Sie ist mit verfaultem Futter gefüllt.

Rino wird noch ein paar Tage lang Schmerzmittel und ein Antibiotikum bekommen; etwas Gummimasse verschliesst vorübergehend das entstandene Loch. Jetzt, wo er den Zahn los sei, werde er sich verändern, warnt der Zahnarzt die Besitzerin: «Wappnen Sie sich, damit Sie beim Reiten nicht bald im Dreck landen. Rino wird jetzt mehr Lebensfreude haben.»

Im Pferdezahnzentrum in Niederlenz ist man auch für komplizierte Operationen eingerichtet
Im Pferdezahnzentrum in Niederlenz ist man auch für komplizierte Operationen eingerichtet. Hier werden schwierige Fälle behandelt.

Im Pferdezahnzentrum in Niederlenz ist man auch für komplizierte Operationen eingerichtet.

GUT ZU WISSEN

Vorsorgen statt bohren

1. Jungtiere von klein auf daran gewöhnen, dass ihnen jemand ins Maul schaut

2. Gebiss schon im Fohlenalter kontrollieren, damit Fehlstellungen und -bildungen früh erkannt und behandelt werden können

3. In der Folge einmal jährlich Zahn- und Maulkontrolle beim Tierarzt

4. regelmässige Kontrolle des Fress- und Trinkverhaltens, bei Auffälligkeiten mit dem Tierarzt Rücksprache nehmen

5. Fütterung mit artgerechtem Raufutter von guter Qualität

6. Der Anatomie des Mauls angepasste Trense (Gebissstück des Zaumzeugs) verwenden

Autor: Martina Frei

Fotograf: Daniel Winkler