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07. Oktober 2013

Mir sind mit em Velo da ...

Mit dem Fahrrad durch das schaffhausische Klettgau: Die leichte Tour führt vorbei an weiten Kornfeldern mitten in die bekannte Weinbauregion rund um Hallau. Logisch übernachtet man im «Chläggi» dann auch im Fass.

Familie Meyer auf der Fahrradtour im Klettgau: zu sehen sind weite Felder und Wälder
Im Chläggi wähnt man sich manchmal fast in der Toscana.

RADERKUNDUNGEN AN DER SCHWEIZER GRENZE
Ausserdem zum Thema: Weitere Velotouren am Nordost-, dem Süd- oder einem Nordwestzipfel des Landes im Überblick. Zum Artikel

Der GrenzgängerÜsé Meyer im Videoporträt. Zum Film

Dar da da?» «Ja, da dar da.» «Da da da dar!» Wer das versteht, ist Schaffhauser (für alle anderen hier die Übersetzung: «Darf der das?» «Ja, der darf das.» «Dass der das darf!»). Auf ihren Dialekt sind die Schaffhauser stolz. Darum verwundert es nicht, dass es beispielsweise in Schleitheim, oder «Schlaate», wie sie hier sagen, sogar einen Erlebnispfad namens Dar-da-da-Weg gibt. Und stolz sind die Schaffhauser ausserdem auf den Rheinfall.

Der Rheinfall in Neuhausen.
Der Rheinfall ist der Stolz der Schaffhauser.

Das dürfen sie auch. Immerhin ist er der grösste Wasserfall Europas: 23 Meter hoch, 150 Meter breit. Tosend und weiss schäumend stürzen die Wassermassen herunter. Man glaubt, gleich würde der Mittelfelsen mit den Touristen darauf mitgerissen. Feiner Tropfennebel hüllt die ganze Szenerie ein — so erleben wir das Naturspektakel. Gestartet zu unserer Velotour von Neuhausen durchs Klettgau («Chläggi») nach Trasadingen sind meine Frau Barbara (42) und unsere Töchter Nalani (8) und Rona (13) gerade erst vor fünf Minuten und legen am Rheinfall bereits den ersten Stopp ein.

Den trippel-trappelnden Balthasar im Ohr

Weniger spektakulär gehts die nächsten 25 Minuten bis Beringen weiter: zu viel Industrie säumt den Weg. Doch kaum lassen wir das erste Dörfchen des Klettgaus hinter uns, wird es ländlich. Von nun an führt der Veloweg meist über autofreie Strässchen stets entlang von Feldern mit Weizen, Raps, Mais, Urdinkel oder Sonnenblumen. In der Ferne erblicken wir die Kirche von Löhningen und den Randen, einen Ausläufer des Tafeljuras. Dieser Höhenzug wird unter anderem im «Randenlied» von Mundartdichter Otto Uehlinger besungen.

Nalani, Rona und Barbara füllen ihre Trinkflaschen am Brunnen.
Wasser tanken in Neunkirch: Nalani, Rona und Barbara (von links).

Gar über die Kantonsgrenze hinaus bekannt sind die Lieder von Dieter Wiesmann. Der Schaffhauser Apotheker und Liedermacher hat etwa mit «De Tuusigfüessler Balthasar» einen Kinderlied-Hit geschrieben: «Trippel trappel trippel, tibi dibi, trippel trappel trippel». Und «Blos e chliini Stadt» wurde zur Hymne seiner Heimatstadt.

Die Stadt, von Wiesmann Ende der 60er-Jahre als «chliini Provinz» besungen, ist zwar tatsächlich klein, der Kanton auch. Trotzdem hat Schaffhausen immerhin mit Hans-Jürg Fehr einen ehemaligen SP-Parteipräsidenten hervorgebracht, Gerold Bührer präsidierte den Wirtschaftsdachverband Economiesuisse, Thomas Minder avancierte mit der Abzockerinitiative dieses Jahr zum Abstimmungshelden, und die gebürtige Schaffhauserin Lara Stoll wurde 2010 Europameisterin im Poetry Slam mit ihrem Text «Weshalb ich manchmal gerne ein John Deere Traktor 7810 Powershift mit Gewicht in der Fronthydraulik wäre …».

Kein John-Deere-Traktor, sondern ein Fendt Farmer 3S mit Allradantrieb rattert an uns vorbei, und bald radeln wir durch das grosse Tor ins kleine Städtchen Neunkirch. Sapperlot! Das war ein Fehler. Denn von dieser Seite sehen wir jetzt den Spruch über dem daneben liegenden kleinen Tor: «Dur’s gross Tor goht Sin letzte Gang, drum gang dur’s chli — und leb no lang.» Viel Leben gibt es hier momentan aber nicht: Leise plätschert der Brunnen, eine Katze putzt sich an der Sonne das Fell, und das Restaurant Gmaandhuus (Gemeindehaus) hat Ruhetag. Das lange «aa» statt des «ei» ist das Hauptmerkmal des Schaffhauser Dialekts.

Fahne Schweiz
Fahne Deutschland

Ausgangs Neunkirch passieren wir den Bahnhof, der mit «DB» beschriftet ist. Tatsächlich gehört die Hochrheinbahn, die von Basel nach Konstanz auch durch das Chläggi führt, der Deutschen Bahn. Gebaut wurde sie 1863 von den Grossherzoglichen Badischen Staats-Eisenbahnen. Gemütlich pedalen wir entlang der Geleise.

Links und rechts von uns die Äcker und Felder. Die Ähren des Weizenfelds neigen sich im Wind. Wir blicken über die weite Ebene mit ihrem Karomuster aus Feldern in Grün, Gelb, Braun und Ocker. Einzeln stehende Birken mit ihren hängenden Ästen sowie kleine Gruppen von hoch aufragenden Pappeln runden das Bild ab.

Ein Zimmer im Fasshotel in Trasadingen.
Ein rundesZimmer auf dem Bauernhof: Das Fasshotel in Trasadingen.

Und im Hintergrund liegt das Weindorf Hallau mit den ausgedehnten Rebhängen. Das ist die grösste zusammenhängende Weinanbaufläche der Deutschschweiz. Ein bisschen Toscana im nördlichsten Zipfel unseres Landes. In Trasadingen, «Traadingä», wie sie hier sagen, werden wir von Monika Rüedi herzlich empfangen. Die Bauernfamilie Rüedi betreibt ein Fasshotel, wo entweder in echten alten Weinfässern oder in fassähnlichen neuen Zimmern übernachtet werden kann. Die Bäuerin erklärt uns, dass ihr Mann noch kurz mit dem «Räbeschnäpper», dem Rebentraktor, unterwegs sei und dass die Reception nur bis 19 Uhr besetzt ist. «Noch­här sind er denn älaa.» Dann bediene man sich selber an der Bar.

Landkartenausschnitt der Gegend
Karte: WSGrafik.

Nur ein Strich auf der Landkarte

Das Bauerndorf Trasadingen liegt direkt an der Grenze zu Deutschland. Für Landwirt Andreas Rüedi ist die Grenze «eh nur ein Strich auf der Landkarte». Er besitzt auch Felder auf deutschem Gebiet, wo er Mais und Soja anbaut. Die Ernteerträge müssen der Zollverwaltung jeweils genau angegeben werden — damit kein zusätzliches billiges Getreide von deutschen Bauern importiert werden könne, erklärt Rüedi. Man verstehe sich bestens mit den deutschen Nachbarn, erklären sie beide. Auch wenn Monika Rüedi trotzdem gerne «d’ Haamet» unterstützt und darum in der Region einkauft.

Bevor wir selbst wieder «haa» müssen, geniessen wir die Nacht im Fass und lassen uns morgens gerne vom Muhen der Kühe aus den benachbarten Ställen wecken.

Outdoor-Journalist Üsé Meyer
Outdoor-Journalist Üsé Meyer.

DER GRENZGÄNGER IM VIDEO
Das Filmporträt: Reiseprofi Üse Meyer überquert in der neuen Outdoor-Serie «Grenz-Erfahrungen» Landes-, Kantons- und Sprachgrenzen. Wann er an seine persönlichen Grenzen stösst, erzählt er im Filmbeitrag. Zum Video

Autor: Üsé Meyer

Fotograf: Andreas Eggenberger