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23. November 2015

«Wenn wir unsere Werte mit Bomben und Drohnen verteidigen, treten wir sie mit Füssen»

Thomas Hüsken, Islamexperte am Ethnologischen Seminar der Universität Luzern, war nach den Terroranschlägen in Paris schockiert. Ansonsten bekräftigt er seine Aussagen aus dem Islam-Dossier und warnt vor Gegenschlägen, die auf die öffentliche Meinung abzielen.

Thomas Hüsken (48)
Thomas Hüsken (48) ist Oberassistent am Ethnologischen Seminar der Universität Luzern und spezialisiert auf Libyen und Ägypten. (Bild zVg)

Thomas Hüsken, im September sagten Sie in einem Interview mit dem Migros-Magazin, den Kampf der Kulturen gebe es nicht. Sind Sie immer noch dieser Meinung?

Unbedingt. Wir dürfen uns keine falschen Rückschlüsse erlauben. Der IS steht nicht für alle Muslime dieser Welt. Er propagiert eine extremistische Lesart des Islam. Der Kampf der Zivilisationen ist eine Freund-Feind-Metapher, die empirisch falsch ist. Sie kanalisiert Angst und verwandelt diese in Vorurteile.

Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie von den Anschlägen erfuhren?

Zunächst war ich schockiert. Meine ersten Gedanken galten den Opfern und ihren Familien. Mir wurde aber auch sofort klar, dass diese Ereignisse die Debatte beeinflussen werden, wie wir mit den Problemen im Nahen ­Osten umgehen wollen.

Frankreichs Präsident François Hollande spricht von einem Krieg.

Das ist verheerend. Gerade weil es die Gewaltspirale beschleunigt, in der wir uns befinden. Die Attentäter von Paris waren französische und belgische Staatsbürger, das dürfen wir nicht vergessen. Beide Länder müssen sich die Frage gefallen lassen, weshalb sich ein kleiner Teil ihrer Bürger radikalisieren lässt.

Wie lautet Ihre Antwort?

Frankreich hat massive gesellschaftliche Probleme, und zwar schon lange. Nicolas Sarkozy, selbst ein Einwandererkind, hat in den 2000er-Jahren zu wenig für die Integration getan. Als es in den Vorstädten zu Aufständen kam, interessierte er sich kaum für die Ursachen der Unzufriedenheit. Er schlug vor, die Banlieues mit dem Dampfstrahler zu säubern.

Also handelt es sich um eine ­reine Machtdemonstration?

In den Zeitungen heisst es: «Wir schlagen zurück!» Das lässt sich politisch gut vermarkten. Letztlich führt es jedoch nur zu einer Eskalation. Frankreich muss zur Kenntnis nehmen, dass die Probleme teils hausgemacht sind. In den Banlieues sind dschihadistische Milieus entstanden, die man nicht mehr so leicht los wird.

Was schlagen Sie vor?

Für Personen, die sich bereits radikalisiert haben, sehe ich wenig Hoffnung. Da muss der Staat sämtliche Rechtsmittel aufbieten, um die Bevölkerung zu schützen. Die Mehrheit stellen aber Jugendliche mit Migrationshintergrund aus der Unterschicht. Diese Menschen brauchen Arbeit und eine Perspektive.

Was treibt die Terroristen an?

Ihr Ziel ist primär die Eskalation. Sie wollen destabilisieren und Angst verbreiten. Der IS will einen Keil in unsere Gesellschaften treiben.

Gelingt ihm das?

Wenn wir uns vereinnahmen lassen, ja. Ein Vorbild könnte Norwegen sein. Nach den Anschlägen von Oslo und Utoya antwortete die Gesellschaft mit noch mehr Offenheit und Toleranz. Wenn wir hingegen unsere Werte mit Bomben und Drohnen verteidigen, treten wir sie mit Füssen.

Dass solche Anschläge nichts mit dem Islam zu tun hätten, ist zum Mantra geworden.

Es stimmt aber. In der Gleichsetzung der Muslime mit Gewalt steckt eine Form der Entmenschlichung. Das widerspricht den Werten der Aufklärung. Es sind die gesellschaftlichen Bedingungen, die Chancen und Probleme von Menschen, die die Lesart und Praxis einer Religion bestimmen. Wir dürfen nicht zulassen, dass Extremisten unser Verständnis des Islam bestimmen.

Ist es dafür nicht zu spät?

Nicht, wenn man endlich ernsthaft Lösungen für eine funktionierende multikulturelle Gesellschaft erarbeitet. Ein Ansatz wäre: rein in die Banlieues, Jugendarbeitslosigkeit bekämpfen!


DER ISLAM IN DER SCHWEIZ
Das Dossier im Migros-Magazin Nr. 38
vom 14. September 2015, u.a. mit dem ersten Interview mit Ethnologe Thomas Hüsken.

Autor: Peter Aeschlimann