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25. Juli 2016

Mit abgesägten Hosen

unverkleidet am Kostümball
Unverkleidet am Kostümball: Bänz Friedlis Outfit.

Das Fest war zu einer Stunde angesetzt, da Leute meines Alters ans Zubettgehen denken, aber ich wollte den nächtlichen Auftritt meiner jungen Freunde nicht verpassen. Sie spielen in einer Band und hatten mich ein­geladen. Nichts Grosses, ein Untergeschoss ­irgendwo in der Stadt …

Aber, Himmel, es waren ja alle kostümiert! Musste ich in der Einladung übersehen haben: Man solle sich als Song verkleiden. Ja, als Song! Eine hatte tatsächlich «99 Luftballons» zu einem Kostüm zusammengezurrt und sah wie eine grosse bunte Traube aus. Dutzende fantastischer Gestalten wuselten herum. Einer trug einen Bauchladen mit Zigaretten, Schokolade und Kaugummis vor sich her: einen ­«Kiosk». Schon kam mir im Halbdunkel eine rot Gewandete mit Teufelshörnern entgegen. «Bist du ‹Sympathy for the Devil› von den ­Stones?», fragte ich, wurde aber aufgeklärt, nein, sie stelle dänk das Lied von Lo & Leduc dar: «Un ig ha gmeint, dr Tüüfu chömm im Füür u nid im rote Chleid …»

Bänz Friedli war unverkleidet am Kostümball.
Bänz Friedli (51) war unverkleidet am Kostümball.

Niemand hatte die Mühe gescheut, alle waren sie liebevoll verkleidet, und ich kam mir in Shirt und kurzer Hose – unkostümiert, wie ich war – ziemlich blöd vor. Einer hatte einen Rucksack voller Überlebenshilfen – «I Will Survive»! Ein anderer trug ein Tamburin am Gurt. Es dauerte, bis ich erriet, dass er Bob Dylans «Mr. Tambourine Man» war. Welch munteres Ratespiel! Gleich zwei Kerle versinnbildlichten «Learn to Fly», einen Song der Foo Fighters; und einer der Flugschüler hatte sich aus Karton Flügel, einen Flugzeugrumpf und eine Heckflosse gebastelt. Was ihn im allgemeinen Tanz und Trubel zu skurrilen Verrenkungen nötigte, wenn er an all den Leuten vorbei zum Ausschank gelangen wollte.

Derweil spielten die Musiker Sounds aus einer Zeit, zu der sie noch gar nicht geboren waren: Metal aus den Achtzigern, psychedelischen Kunstrock aus den Seventies, Surfgitarren aus den Sixties. Ich staunte und war begeistert. Da kreuzte Jesus meinen Weg, samt Dornenkranz und riesigem Holzkreuz auf dem Buckel. Lange musste ich rätseln, bis ich aufgrund seines Basketballshirts auf «American Jesus» schliessen konnte, ein Stück der Band Bad Religion. Leichter zu erraten war der Typ in Radrennfahrermontur: «Bicycle Race». Der mit dem Sonnenschirm auf dem Kopf? Klar, «Umbrella». Zwei Junge waren unentwegt am Knutschen: War das «Kiss» von Prince?

Stunden habe meine Verkleidung mich gekostet, witzelte ich, wenn jemand mich aufs fehlende Kostüm ansprach. «Rat mal!» Keiner kam darauf, und ich konnte dann triumphieren, ich stellte «Come As You Are» von Nirvana dar: Komm, wie du bist! Und alle fanden sie meinen Einfall ziemlich gerissen. Das habe ich mir jedenfalls eingebildet.  

Die aktuelle Bänz-Friedli-Hörkolumne, gelesen vom Autor (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli