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27. Juni 2016

Mister Wichtig

mit dem Ballon-Mann
Abheben mit dem Ballon-Mann? (Bild: Getty Images)

Es war nur ein Kinderkrippenfest, ein Anlass, bei dem 0- bis 5-Jährige durch eine Sporthalle wuselten, an Glace geschleckt und viel gelacht wurde. Dass eben diese Veranstaltung schlecht besucht war (zur selben Zeit spielte die Schweizer Nati), ist nur ein Detail. Meine Freundin Caro war mit ihrer Rasselbande selbstverständlich auch dort. Während ihre drei kleinen Jungs den Hindernisparcours absolvierten, stand sie am Rande und feuerte die Kids an.
Als endlich auch der Kleinste im Ziel war, drückte ihr eine Erzieherin Stempelchen auf die Laufzettel der Kinder – und weiter gings zum nächsten Posten. Irgendwann waren alle Kärtchen voll, die Jungs hingen müde in den Seilen. Kuchen, bitte! Caro organisierte Getränke und Muffins. Und da ihre Hände so voll waren, warf sie die Laufzettel gedankenlos in den nächstbesten Kübel. War ja sowieso erledigt. Das, liebe Leserin, lieber Leser, hätte sie besser nicht gemacht …

Am Ende des Festes wurden am Ausgang Gratisballons verteilt. «Drei, bitte!», sagte Caro und lächelte den Mann an der Heliumflasche freundlich an.
«Dann bräuchte ich die Laufzettel», antwortete dieser. «Ui, die habe ich vorhin in den Kübel geworfen, wir waren ja eh fertig» –, doch der Herr schnitt ihr jäh das Wort ab. «Dann gibt es hier auch keine Ballons für Sie.»

Caros Jüngster fing an zu heulen, die zwei jüngeren guckten irritiert. «Entschuldigen Sie, können wir keine Ausnahme machen, wir sind schon den ganzen Tag hier, wir haben alle Posten erledigt.» «Nein, die Anweisungen des Spielgruppenvorstandes waren eindeutig. Ballon nur gegen Zettel. Der Nächste, bitte!»

Meine Freundin ruht normalerweise in sich. Ungefähr so, wie ein tiefblauer, spiegelglatter Waldsee. Vielleicht lag es an dem Wichtigtuer, vielleicht an dem Gebrüll ihrer enttäuschten Kinder. Caro verwandelte sich jedenfalls für einmal in einen gewaltigen Wasserstrudel. Sie drehte sich auf dem Absatz um und wirbelte in Richtung Kübel. Dann tauchte sie kopfüber in den Müll und wühlte so lange im Kreis, bis sie die drei Zettel wieder hatte.
Dass mittlerweile jede Menge Krümel an ihnen klebten, fand sie ganz okay. Und dass beim Herausziehen auch noch kalter Kaffee darüber gelaufen war, auch. Dann brauste sie zum Ballonstand zurück und flötete lieblich «Drei Ballons, bitte!».

Autor: Bettina Leinenbach