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14. September 2015

Mission Dufourspitze erfüllt

Vor elf Jahren hatte Kurt Hess einen Traum. Er wollte innerhalb von 24 Stunden vom tiefsten zum höchsten Punkt der Schweiz gelangen. Jetzt hat er es geschafft.

Kurt Hess feiert mit seinem Team auf der Dufourspitze
Auf diesen Moment musste Kurt Hess 11 Jahre lang warten: Gipfelfoto mit Team auf der Dufourspitze.

Kurt Hess ist keiner, der so schnell aufgibt. Vor elf Jahren hatte er sich in den Kopf gesetzt, innerhalb von 24 Stunden vom tiefsten zum höchsten Punkt der Schweiz zu gelangen: vom Lago Maggiore auf die Dufourspitze – zu Fuss und per Velo. Ende August hat es der 62-Jährige nun endlich geschafft. An einem sonnigen Samstagmorgen erreichte er den Gipfel, 5500 Höhenmeter in 13 Stunden und 3 Minuten. Das war sogar noch schneller als geplant. «Ein sehr emotionaler Moment», sagt Hess, der sich derzeit mit seiner Frau beim Wandern in Adelboden von den Strapazen der letzten Monate erholt. Und ja, es sei auch die eine oder andere Glücksträne geflossen.

Zwei Mal musste der ehemalige Migros-Bäcker kurz vor dem Ziel kapitulieren. 2008, beim ersten Versuch, zwangen ihn Schneeverwehungen auf dem Grat von der Zumstein- zur Dufourspitze zu einem vorzeitigen Abstieg. Und Ende Juli 2015 verunmöglichten heftige Sturmböen ein Weiterkommen an selbiger Stelle.

Tausende von Trainingsstunden
Kurt Hess dachte daran aufzugeben. Doch sein Projekt, in das er Tausende von Trainingsstunden investiert hatte, liess im keine Ruhe. Und so brach er eben am 28. August zum dritten Mal auf. Ganz reibungslos verlief die Reise wieder nicht. Nachdem er um 20 Uhr in Brissago am Lago Maggiore mit dem Velo losgefahren war, geriet er rund anderthalb Stunden später mitten in den Trubel des Seenachtfestes von Omegna.

Biwak
Kurt Hess vor seinem Biwak-Zelt.

Die Stadt war abgeriegelt, für das Begleitauto mit seiner Frau am Steuer gab es kein Durchkommen. Er selber musste aus dem Sattel steigen und sich einen Weg durchs Getümmel bahnen – ein erster Rückschlag. Der zweite folgte in der Dunkelheit auf dem wilden Colma-Pass, wo ihm auf der rasanten Abfahrt plötzlich ein Esel den Weg versperrte. «Das war ein gefährlicher Moment», sagt Hess. Nur ein paar Stunden später, kurz vor dem Salati-Pass, verirrte er sich im dichten Nebel. «Obwohl ich die Gegend mittlerweile wie meine Westentasche kenne.» Zum Glück hatte er sich bei früheren Begehungen auffällige Felsformationen und Baumgruppen eingeprägt, sodass er nach zehn Minuten den richtigen Pfad wiederfand.

Endlich: Perfekte Bedingungen
Im Biwak oberhalb der Mantova-Hütte auf 3570 Metern nahm ihn ein Bergführer in Empfang, um gemeinsam den Aufstieg auf die Dufourspitze in Angriff zu nehmen. Diesmal passte alles. Auf dem schmalen Grat kurz vor dem Ziel auf 4634 Metern, der heikelsten Stelle, wo es links und rechts 2500 Meter in die Tiefe geht, herrschten perfekte Bedingungen: eine gute Spur im Schnee und kein Lüftchen, das ihm im letzten Moment den Erfolg abermals hätte verwehren können.

Karte
Von Brissago auf die Dufourspitze.

Auf dem Gipfelfoto sieht man Kurt Hess die Erleichterung an. Sein Durchhaltewillen hat sich gelohnt. Nach elf Jahren konnte er sich endlich sagen: «Mission erfüllt». Vor ihm hat diese Strecke keiner in so kurzer Zeit geschafft. Jetzt werde er sich wieder mehr Zeit für die Familie nehmen und den Garten, in dem so einiges liegen geblieben sei in all den Wochen und Monaten, in denen er täglich bis zu zehn Stunden trainiert hatte.
Was bleibt, sind unvergessliche Bilder. Der Monte Rosa gehöre zu den schönsten Bergwelten, die er je gesehen habe. Und er habe eine Menge gesehen. «Das vergesse ich mein Leben lang nicht.»

NOCH MEHR INFOS
Das Porträt von Kurt Hess im Migros-Magazin Nr. 29 (2008, PDF)
Kurt Hess' Homepage

Autor: Peter Aeschlimann