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26. März 2012

«Misserfolg kratzt am Selbstwert»

RTL plant eine Castingshow für 4- bis 14-Jährige. Fünf Fragen zum Thema an Gregor Waller (41), Leiter des Forschungsschwerpunktes Psychosoziale Entwicklung und Medien an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW).

Gregor Waller (41) ist Leiter des Forschungsschwerpunktes Psychosoziale Entwicklung und Medien an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW).

1. Gregor Waller, was macht Castingshows wie «Deutschland sucht den Superstar» (DSDS) so populär, dass sogar Kinder teilnehmen wollen?

Wie Jugendliche und junge Erwachsene erhoffen sich auch Kinder von Castingshows das berühmte Quäntchen Ruhm. In den Shows stehen die Kandidaten für kurze Zeit im Fokus der Öffentlichkeit, für viele ein Traum. Dabei werden sie zu Eintagsfliegen in der Glamourwelt der Unterhaltungsindustrie.

2. Sind es nicht oft die Eltern, die mit Hilfe ihrer Kinder ein paar Minuten Ruhm erheischen wollen?

Oft projizieren Eltern ihre Hoffnungen und Wünsche in ihre Kinder. Eltern erträumen sich eine vermeintlich bessere und extravagantere Zukunft für ihre Sprösslinge. Ein Leben als Star, das ihnen selbst verwehrt blieb. Mitunter spielen auch finanzielle Motive eine Rolle.

3. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung?

Eltern, die ihre Kinder ins mediale Rampenlicht zerren, können die Wirkung ihrer Handlung nicht einschätzen. Die Chancen, durch eine Castingshow nachhaltig Erfolg in der Showbranche zu haben, sind sehr klein. Ein Grossteil der Kandidaten muss mit Misserfolg rechnen, und das kann am Selbstwert kratzen. Wird DSDS für Kids gleich aufgezogen wie DSDS, wird wohl bald der Kinder- und Jugendschutz eingreifen.

4. Wie wirkt es sich auf die kindliche Psyche aus, wenn sie Dieter Bohlens Spott und Erfolgsdruck ausgesetzt werden?

Einige können damit wohl gut umgehen und machen gewisse Lernerfahrungen. Andere zerbrechen am Spott und werden nach einem Auftritt auch im realen Leben gehänselt. Es gibt Kandidaten, die nach einem missratenen TV-Auftritt ihren Wohnort wechseln mussten.

5. Kinder lernen in DSDS, dass es okay ist, sich über die Leistung anderer Menschen lustig zu machen. Ist die Gefahr nicht gross, dass sie dies später auch tun?

Hier sind die Eltern gefordert. Sie sollten sich solche Sendungen gemeinsam mit den Kindern anschauen und ihnen erklären, dass das Kleinmachen anderer Leute und der Spott zu den Showaspekten der Sendung gehört und sich vom realen Leben unterscheidet. So lernen Kinder und Jugendliche den kritisch-kompetenten Umgang mit derartigen TV-Shows — und nehmen sich die Protagonisten dieser Formate nicht als Vorbilder.

RTL plant eine Castingshow für 4- bis 14-Jährige. Im Bild Liam Leufgen (4) in der diesjährigen Staffel von «Deutschland sucht den Superstar» RTL plant eine Castingshow für 4- bis 14-Jährige.
RTL plant eine Castingshow für 4- bis 14-Jährige. Im Bild Liam Leufgen (4) in der diesjährigen Staffel von «Deutschland sucht den Superstar» RTL plant eine Castingshow für 4- bis 14-Jährige.

Den ganzen «Zeit»-Artikel vom 15.3.2012 zum Thema lesen Sie hier.

Autor: Thomas Vogel