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25. Januar 2016

Mir wird heiss und kalt

Winterlandschaft im Gebiet Flims/Laax
Bäume, Schnee und Nebel: Die Winterlandschaft im Gebiet Flims/Laax.

Wer hat eigentlich den Winter erfunden? Wer hat befunden, der Anblick von Tannen, deren Geäst sich unter der Schneelast biegt, sei anheimelnd? Vielleicht dringt, um den Kitsch komplett zu machen, noch ein Sonnenstrahl an den Wipfeln vorbei in den Waldschatten, bricht sich an Schneekristallen und lässt vor unserem Auge ein wundersames, sternförmiges Glitzern erstehen, von hellen Kreisen umrandet.

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) mag den Winter.

Kitsch hiesse in diesem Fall: fast zu schön, um wahr zu sein. Vielleicht, dachte ich letzte Woche, als endlich der wahre Winter hereinbrach, vielleicht hat ja jemand dieses Bild gleichsam entworfen, hat jemand in unseren Köpfen festgesetzt, dies sei pure Schönheit. Der Anblick einer verschneiten Bündner Landschaft löste in mir schieres Glücksgefühl aus.
Aber früher, überlegte ich mir, muss der Winter in den Alpen furchtbar gewesen sein. Tiere darbten, die Menschen froren, hatten nichts zu essen, sehnten sich nach Wärme und Licht. Ich glaube nicht, dass die schneebedeckten Äste einer Tanne sie frohlocken liessen – dennoch sind sie für mich heute der Inbegriff von Wohligkeit: Mir wird bei bitterer Kälte warm ums Herz. Ich bin ja auch gut verpackt wie die adretten Abenteurer, die in den Werbespots der Outdoor-Bekleider Wind und Wetter trotzen. Furchtbar taff erscheinen sie – dabei sind sie nur gut ausgerüstet. Die Bergbauern, früher, hatten keine Thermounterwäsche, kein Gore-Tex und keine mit Nanopartikeln imprägnierten Schuhe. Für sie war die Kälte kein «Fun». Ich glaube nicht, dass sie selber auf die Idee kamen, der Winter sei etwas Schönes.
Eher haben ihn die Engländer romantisch verklärt. Die befanden ja als Erste, schroffe Felswände, Gletscher und Schneemassen seien «schön». Sie waren es, die unsere Alpen zum winterlichen Reiseziel erklärten.

Vermutlich lenken Überlieferungen unser Empfinden. Und Erinnerungen. In mir werden die wunderbaren Bilderbücher um Tomte Tummetott wach, den Zwerg, der im Mondschein durch die winterliche Nacht tippelt und mit den Tieren spricht. Und der traumhaft verschneite Garten eines Chalets im Berner Oberland, in das unsere Grossmutter uns einst mitnahm. Ich sehe mich vier-, fünfjährig in wollenen Strumpfhosen vor einem lodernden Cheminéefeuer und bekomme ein kuscheliges Gefühl. Was gibt es Schöneres?

Nun gut, noch fast schöner finde ich, wenn das Thermometer auf 51 Grad Celsius steigt. In der Bruthitze Nevadas hab ichs erlebt. Fantastisch! Vielleicht, geht mir in der Bündner Kälte durch den Kopf, mag ich einfach die Extreme. Und ich bestelle eine Ovo.
«Eine warme?», fragt die Bedienung. «Nein, eine heisse.». 

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli