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03. Dezember 2012

Mini-Piercing

Hübsche Ohrringe
Hübsche Ohrringe – aber bis es so weit ist, gehts nicht immer ohne Dramen ab. (Bild iStockPhoto)

Die Klara hat welche. Die Seraina ebenfalls. Und jetzt ist auch noch die Hanna mit von der Partie. Meine vierjährige Tochter Ida liegt mir schon seit Tagen in den Ohren. Sie will auch so ein Piercing. Genauer gesagt gleich zwei. Eins durchs linke und eins durchs rechte Ohrläppchen. «Damit ich so schönen Schmuck wie meine Freundinnen anziehen kann», erklärt sie mir. Ich schätze, sie hat Hello-Kitty-Kreolen (Made in China) und Mein-kleines-Pony-Stecker mit Erdbeeraroma im Sinn. Brrrr!

Mein juristischer Ansatz («Menschen im Allgemeinen und Kinder im Besonderen haben das Recht auf körperliche Unversehrtheit.») lässt meine Tochter kalt. Ich verweise auf die Stiftung Kinderschutz Schweiz. Die hält nämlich grundsätzlich fest, dass Kinder nicht dazu da seien, die Schönheitsvorstellungen der Eltern zu befriedigen. Das Argument prallt ebenfalls an der Vierjährigen ab. Zugegebenermassen zu Recht, denn mein Kind äussert den Wunsch von sich aus. Und es ist überzeugend. Was für ein Schlamassel.

Leider ist Ida ahnungslos. Was ich von mir nicht behaupten kann. Als ich sechs Jahre alt war, hatte ich meine Mutter endlich weich gekocht. Nun standen wir in dem Schmuckgeschäft und warteten auf den Schuss. Ich werde das Geräusch der Pistole nie vergessen. Druckluftgewehr, Bostich, Folterinstrument. Ich wollte jedenfalls nach dem ersten Ohr das zweite gar nicht mehr hinhalten. Meine Mutter war so nett und ersparte mir einen «Hab-ichs-nicht-gleich-gesagt»-Blick. Sie nahm mich hoch, drückte mich an sich und trug mich zum Laden hinaus. Zu Hause begann der Stichkanal dann zu eitern. Ich schätze, Sie brauchen an dieser Stelle keine Details. Ungefähr eine Woche nach dem Ohrlochstechen zog meine Mutter entnervt den Stecker. Ich verbrachte die folgenden 15 Jahre ohne Ohrläppchenlöcher. So lange dauerte es, bis ich mein Trauma überwunden hatte und einen neuen Versuch wagte. (Es war übrigens auch beim zweiten Mal einfach nur fürchterlich. Das Adrenalin, der Pistolenschuss, der Schmerz.)

Darf ich über die Ohrläppchen meines Kindes auf der Basis eigener Erfahrungen entscheiden? Jein. Deswegen mache ich mich an die Recherche. Ein Anbieter von Ohrlochstech-Pistolen schreibt auf seiner Homepage, mit seinen Geräten tue das Durchstechen des Gewebes «gar nicht weh». Das ist doch ein Widerspruch in sich. Wir reden von einem glatten Durchschuss. Das Loch wird nicht herbeigestreichelt. Vielleicht ist das Ganze aber auch ein Riesenmissverständnis. Wenn die Kunden vorher in eine Vollnarkose versetzt werden, dann tut es vermutlich wirklich nicht weh.

Soll ich das Kind ins Schmuckgeschäft mitnehmen und es dort die Pistole besichtigen lassen? Oder sollten wir gleich in ein richtiges Piercingstudio zu all den Kanülen und Nadeln? Kommt nicht in Frage. Ich halte nichts von dem Spiel mit der Angst. Ein Strategiewechsel muss her: Wer braucht schon ein Piercing, wenn er ein Tattoo haben kann? Ida bekommt jetzt immer, wenn wir an einem Kiosk vorbeikommen, einen Tattoo-Kaugummi. Und das geht so: Papierchen auf, klebrig-süsses Ding in den Mund, Bildchenrückseite noch schnell abschlecken, auf die Haut kleben, warten, fertig. Hält zwar kein ganzes Leben, dafür aber mindestens bis zum nächsten Vollbad. Sparen Sie sich Ihren Satz mit der Karies. Ich weiss das.


Vorsichtsmassnahmen beim Ohrlochstechen

– Seriöse Schweizer Anbieter stechen keine Ohrlöcher bei Babys oder Kleinkindern.
– Vor der eigentlichen Prozedur sollte ein Beratungsgespräch stattfinden.
– Die Teile der Ohrlochpistole, die mit der Haut in Kontakt kommen, sollten alle sterilisierbar sein und auch nach jedem Gebrauch sterilisiert werden.
– Um das Infektionsrisiko so gering wie möglich zu halten, sollte die Stelle vor dem Stechen desinfiziert und nach Möglichkeit nicht mit einem Stift vormarkiert werden.
– Achten Sie in den ersten Tagen nach dem Stechen auf Schwellungen, Ausschläge, Eiterbildung oder Fieber mit unbekanntem Auslöser. Dabei könnte es sich um Anzeichen einer Infektion handeln. Stellen Sie Ihr Kind einem Arzt vor, wenn Sie unsicher sind.
– Belassen Sie die medizinischen Stecker mindestens sechs Wochen im Wundkanal. Wenn Sie sie frühzeitig wechseln kann sich der Heilungsprozess verzögern.
– Achten Sie darauf, dass die Stecker und Ringe nickelfrei sind. Wenn Silber Probleme bereitet, kann Ohrschmuck aus Titan oder Gold eine Alternative sein.

Autor: Bettina Leinenbach