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06. Februar 2012

«Yoga ist das Gegenteil von Schreiben»

Milena Mosers neues Buch handelt von Yoga – und vom Reiz des Unperfekten. Die 48-jährige Zürcherin über falschen Ehrgeiz, Panikattacken vor dem Singen und ihre Sehnsucht nach einem Happy-End.

Milena Moser
Einatmen, ausatmen. Milena Moser praktiziert fast täglich Yoga. "Für mich ist es ein Training im Aushalten unangenehmer Sachen", sagt die Autorin.

Milena Moser, wir haben uns nach dem Lesen Ihres neuen Buchs «Montagsmenschen» gefragt, ob Ihre Yogalehrerin jetzt noch mit Ihnen spricht. Sie ziehen ja ziemlich über die Yoga-Szene her.

Ja, sie spricht noch mit mir. Schliesslich haben mir verschiedene Yogalehrerinnen diese Geschichten von vermeintlich gescheiterten Yogis, falschem Ehrgeiz und Druck in der Yogaszene erzählt. Ich habe auch selber von Menschen gehört, die alt oder krank wurden oder gewisse Sachen im Yoga nicht mehr machen konnten und denen man plötzlich sagte: «Du machst nicht gut genug Yoga» oder «Das wollen wir jetzt nicht sehen, geh raus». Für mich ist das eine falsche Version von Yoga, wenn sie so aus- schliessend funktioniert.

Gewisse Figuren im Buch betreiben Yoga mit fast religiösem Eifer. Sind Sie solchen Menschen begegnet?

In Amerika schon, und ich bin sicher, dass es sie in der Schweiz auch gibt. Das habe ich ja schon in meinem Buch «Schlampenyoga» thematisiert. Danach bekam ich viele Briefe, beispielsweise von einem Judolehrer, der schrieb: «Das ist bei uns genau gleich.» Oder eine Pilateslehrerin sagte: «Uiuiui, unsere Szene ist auch so.» Ich glaube, das ist überall da so, wo man eine Hierarchie reinbringt. Solche Auswüchse gibt es nicht nur im Yoga.

Sie schreiben Kolumnen, Artikel und Bücher. Sie geben Schreibkurse, coachen Schulklassen beim Schreiben und stehen zurzeit auch noch auf der Bühne. Bleibt da überhaupt noch Zeit für Yoga? Oder geht das nur dank Yoga?

Es geht nur dank Yoga. Aber ich mache nicht diese zweistündigen Verrenkungsküren, sondern vor allem «Schnufe, Sitze, Meditiere». Früher hatte ich oft das Gefühl, ein Blatt im Wind zu sein, ständig allem ausgeliefert. Oft dachte ich, ich hätte zu viel Arbeit und alles schlüge über mir zusammen — ein Drama! Seit ich Yoga mache, hat sich das extrem gebessert.

Milena Moser
Milena Moser ist Buchautorin zahlreicher Romane wie «Die Putzfraueninsel» und «Montagsmenschen». In ihrem Schreibatelier in Aarau gibt sie auch Schreibkurse.

Von 1998 bis 2006 lebten Sie mit Ihrer Familie in Kalifornien. Seither ist Yoga oft ein Thema in Ihren Büchern.

Dort habe ich das Yoga für mich entdeckt, und es hat wahnsinnig viel bewirkt in meinem Alltag. Von den ganz feinen Veränderungen erzähle ich jetzt in «Montagsmenschen».


Ist Yoga für Sie nur eine mentale Stütze oder auch eine körperliche?

Der körperliche Aspekt war nur am Anfang wichtig, zumal ich mich bis 36 eigentlich überhaupt nicht bewegt hatte. Ich war ein Couch-Potato und stolz darauf. Darum war es damals wichtig zu merken: Da ist noch was unterhalb des Halses, und ich habe es genossen, meinen Körper wahrzunehmen. Inzwischen ist der mentale Teil wichtiger, und doch habe ich heute ein besseres Körpergefühl als vor 15 Jahren, obwohl ich älter geworden bin.

Die «NZZ am Sonntag» hat kürzlich einen Artikel veröffentlicht, in dem vor den «gesundheitlichen Gefahren der indischen Leibesübungen» gewarnt wurde.

(Lacht) Das ist nichts Neues. Yogaverletzungen waren schon vor zehn Jahren ein Thema in San Francisco. Dort gab es sogar Physiotherapeuten, die spezialisiert waren auf Yoga-geschädigte Schultern. Der amerikanische Yoga-Experte Mark Singleton hat inzwischen eine andere Entdeckung gemacht: Die meisten der Asanas (körperliche Übungen, Anm. der Red.) stammen aus dem englischen Wrestling und dem dänischen Bodybuilding. Ende des letzten Jahrhunderts hat man in Indien angefangen, diese Elemente dem Yoga beizumischen, damit die Leute Yoga wieder cool finden.

Das heisst also, alle, die jetzt beispielsweise Poweryoga machen …

… machen eigentlich eine Form von Bodybuilding.

Ein wiederkehrendes Thema in Ihrer wöchentlichen Kolumne in der «Schweizer Familie» ist seit ein paar Monaten nicht Yoga, sondern die Trennung von Ihrem Mann. Warum haben Sie diese öffentlich abgehandelt?

Ich habe zwei, drei Monate nach der Trennung eine Lesung aus meinem Kolumnenbuch gegeben. Dort habe ich gemerkt, wie sehr meine Leser an meinem Leben teilhaben. Beim Buchsignieren fragten sie: Wann schreiben Sie wieder mal über Ihre Büsi? Und über Ihren Garten? Da dachte ich: «shit»! Ich wohnte schon in Aarau, aber unter der Kolumne stand noch immer «lebt mit ihrer Familie in Möriken». Ich fand, ich schuldete meinen Lesern eine Erklärung. Die Kolumne, in der ich von der Trennung schrieb, hat mich im Vorfeld viele schlaflose Nächte gekostet. Ich habe lange überlegt, mit vielen Leuten gesprochen. Am Ende bekam ich super Reaktionen und habe diesen Schritt nie bereut.

Wie sind Ihre Söhne damit umgegangen, dass die Trennung ihrer Eltern sozusagen in der Zeitung stattfindet?

Auch das hatten wir vorher besprochen. Der eine Sohn ist 24, der andere 17, und gerade für den jüngeren war die Trennung schlimmer als die öffentliche Diskussion darüber. Eine Trennung ist nie lustig, auch wenn sie wie bei uns im besten Einvernehmen geschieht.

In Ihrem Blog, den Sie letzten Dezember gestartet haben, schreiben Sie, Sie wünschen sich eine Liebesgeschichte, die gut ausgeht.

Ah, ja, ich möchte eine schreiben!

Nur schreiben?

(Lacht)

Glauben Sie denn an ewiges Liebesglück?

Ich glaube absolut, dass es das gibt. Aber offensichtlich nicht in meinem Leben. Ich war ja zweimal verheiratet und bin zweimal gescheitert. Mir reichts. Ich konzentriere mich jetzt auf das, was ich kann, nämlich Schreiben. Das ist offensichtlich mein Ding, mein Karma oder Dharma — what ever!

Im Blog ist nachzulesen, Schreiben habe Sie durch die schwere Zeit getragen. Und Yoga?

Natürlich auch. Obwohl Yoga fast das Gegenteil von Schreiben ist. Für mich ist Yoga ein Training im Aushalten von unangenehmen Sachen. Egal, was passiert, man sitzt da, atmet ein, atmet aus, und dann gehts vorbei. Dann kommt das nächste, und so kann man eigentlich alles aushalten. In den 23,5 Stunden des Tages ohne Yoga ist die Gewissheit da: Egal, was kommt, ich kann damit umgehen. Das Schreiben von «Montagsmenschen» war das Gegenteil davon. Ich bin beim Schreiben abgetaucht. Ich habe geschuftet wie ein Tier, obwohl ich mich gleichzeitig um meine an der Schulter operierte Mutter gekümmert habe.

Das half?

Ja, sehr. Ich war wirklich, wirklich, wirklich erschöpft, wusste aber gleichzeitig, wenn ich jetzt aufschaue, dann sehe ich Dinge in meinem Leben, die ich gar nicht sehen will. Eine Freundin von mir, eine Schriftstellerin, nennt «Montagsmenschen» deshalb das Buch meiner Rettung.

Ich höre Figuren in meinem Kopf.

War der Blog auch ein Teil der Rettung? Sie haben im Dezember damit begonnen.

Den habe ich eigentlich für die Schüler meiner Schreibkurse begonnen. Dort ist es immer wieder ein Thema, wie man ein Buch angeht, und viele haben die Vorstellung: Man plant das Buch, schön mit Zetteli und so, dann schreibt man am Montag dies und am Dienstag jenes. Im Blog dokumentiere ich, wie es bei mir läuft, dass mir nicht Seite um Seite etwas in den Sinn kommt, im Gegenteil.

Man bekommt eher den Eindruck, Milena Moser weiss zu Beginn des Buchs nicht, wo die Reise für ihre Romanfiguren hingeht.

Stimmt, die machen, was sie wollen. Ich weiss zum Beispiel nicht, ob bei meinem neuen Werk, das ich im Blog beschreibe, die Yogalehrerin Nevada bleibt, die schon in «Montagsmenschen» vorkommt. Es kann gut sein, dass sie wieder verschwindet.

Milena Moser
«Niemand entscheidet, ob du Schriftstellerin bist, das weisst nur du.» sagt Milena Moser über das Schreiben.

Woher kommen diese Romanfiguren?

Keine Ahnung. Ich denke nur, wenn ich nicht Schriftstellerin geworden wäre, wäre ich vielleicht in der Psychiatrie gelandet. Ich habe mal eine psychologische Abklärung machen lassen. Bei der Frage «hören Sie manchmal Stimmen?» hab ich angekreuzt «ja, häufig.» Die Ärztin, eine Freundin von mir, sagte: «Moser, Moser, können wir das ändern? Schreib lieber: Ich höre ‹Figuren›.» Dabei begrüsse ich diese Stimmen immer. Wenn ich nicht damit umzugehen wüsste, hätte ich wohl Angst, etwas stimme nicht.

Warum bezeichnen Sie in Ihrem Blog Schreiben als Luxus?

Ich bin in der super privilegierten Situation, dass ich fast alles gern mache, was ich mache. Beim Schreiben ist es mir am wohlsten. Wenn ich könnte, würde ich vielleicht gar nichts anderes machen. Die Schreibkurse wiederum sind Arbeit, davon lebe ich auch. Aber ich mache alles gern, sogar das Bühnenstück «Die Unvollendeten», das ich zurzeit zusammen mit Sibylle Aeberli aufführe. Dabei war ich in den letzten anderthalb Jahren oft in Panik deswegen. Ich habe Blut und Wasser geschwitzt und oft geweint.

Was verursacht bei Ihnen Panik?

Jesses. Vor allem auf die Bühne raufzugehen. Und zu singen! Dabei habe ich mein Leben lang nicht gesungen. Selbst meine Kinder wollten nicht, dass ich singe. Sie sagten immer: «Erst Singen und dann das Gschichtli, Mami, weisch, das Angenehme am Schluss.» Und jetzt singe ich in einem Bühnenstück und frage mich: Warum tue ich mir das an?

Warum tun Sie sich das an?

Jetzt macht es ja Spass, aber bis dahin wars ein innerer Kampf, den ich auf mich nahm, weil ich dachte, vielleicht ist da am anderen Ende etwas Neues. Und jetzt singe ich. Nicht schön, aber ich singe.

Kritik hält mich nicht vom Schreiben ab.

Und die Schreibkurse?

Dort will ich Menschen vor allem eins vermitteln: Niemand entscheidet, ob du Schriftstellerin bist, das weisst nur du.

Wann haben Sie es gewusst?

Geahnt oder gewollt habe ich es bereits als Kind. Meine Mutter sagt, ich hätte mit drei Jahren Is und Os auf ein Blatt gemalt und gesagt, das sei die Geschichte von der Preiselbeere. Ich wollte auch eine schöne Beere sein. Man könnte jetzt sagen, ich hätte schon immer ein gewisses Problem mit der Realität gehabt (lacht).

Was ist überhaupt ein gutes Buch?

Eines, das mich packt. Wie eine Hand, die aus den Seiten heraus nach mir greift und mich hineinzieht. Wenn ich mich zum Lesen zwingen muss, leg ich das Buch weg. Verstehen muss ich es aber nicht. Auch in den Yoga-Büchern verstehe ich oft sehr wenig, ich lese sie trotzdem gern.

Lesen Sie die Kritiken Ihrer Bücher?

Die schlechten versuche ich zu überlesen. Beim letzten Buch stand in der «Zeit» eine Kritik unter dem Titel «Wir raten ab». Da ahnte ich schon, da kann nichts Gutes kommen. Der Kritiker wünschte mir, dass ich einen Liebhaber fände, in dessen Armen versänke und nie mehr eine Tastatur anfassen würde.

Sie lachen trotzdem.

So etwas verletzt mich durchaus, aber es hält mich nicht vom Schreiben ab. Ich habe am Anfang meiner Karriere jahrelang Absagen von Verlagen gesammelt und meine ersten drei Bücher — darunter «Die Putzfraueninsel», ein Bestseller — im Eigenverlag herausgegeben. Ich habe kein übersteigertes Selbstwertgefühl, aber das Wissen, dass ich jemand bin, der schreibt, war immer stärker.

Auch Ihre Figuren tun sich nicht mit hohem Selbstwertgefühl hervor.

Unperfektes ist einfach interessanter — wie die «Montagsmenschen». Bei denen wollte ich mir nur das kitschige Ende nicht nehmen lassen. Ich sagte dem Verlag: Wir können über alles reden, aber das Happy-End bleibt. Meine Figuren haben so viel durchgemacht, am Ende musste ich einfach jede einzelne ins Bett bringen und zudecken dürfen.

Autor: Yvette Hettinger, Almut Berger

Fotograf: Tanja Demarmels