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05. Dezember 2016

Milena ist die Nanny aller Nannys

Zwei Jahre lang betreute Milena Auvray die Kinder ihrer Gastfamilie Goro im amerikanischen New Jersey. Die 21-Jährige Bernerin tat dies so gut, dass sie es bei der Wahl zum «Au-pair des Jahres» unter die Besten der Welt schaffte. Was macht sie zur perfekten Nanny? Zum Porträt das Video mit den betreuten Kindern Alex, Ella und Ollie.

Au-pair Milena Auvray
Hat ihre amerikanische Gastfamilie jeden Tag aufs Neue verzaubert: Milena Auvray im Look von Mary Poppins, der Nanny aller Nannys.

Kunterbunte Kuchen backen, Schneekugeln basteln oder lustige Tiergesichter schminken: Milena Auvray (21) gingen die Ideen nie aus, als sie in Teaneck, New Jersey, die drei Kinder ihrer Gastfamilie betreute. Die junge Nanny aus Bern erfüllte ihre Aufgaben sogar so hervorragend, dass ihre Gastmutter Leyna Goro (36) sie für die Auszeichnung «Bestes Au-pair des Jahres» anmeldete. Für diese internationale Auszeichnung kommen junge Menschen infrage, die sich «ausserordentlich» und «weit über ihre Pflichten hinaus» einsetzen.

Für Leyna Goro keine Frage: Auf Milena trifft das voll zu. «Jeden Tag, wenn wir unser Haus verlassen, wissen wir, dass Alex (10), Ella (8) und Ollie (3) in den fürsorglichsten, vertrauenswürdigsten und kreativsten Händen sind», schrieb sie in ihrem zweiseitigen Essay, den sie für die Anmeldung einschickte. «Sie geht weit über alles Erwartete hinaus in allem, was sie für und mit unseren Kindern tut.»

Was sie, die den ganzen Tag an der Wall Street arbeitet, und ihren Mann Jarred Goro (36), der Vollzeit in der Unterhaltungsbranche tätig ist, besonders begeisterte: «Milena hält uns tagsüber auf dem Laufenden, indem sie süsse, kleine Geschichten und Fotos mit uns teilt und uns dadurch das Gefühl gibt, wir seien stets persönlich dabei – auch wenn wir das nicht sind.» Gegenüber einer Lokalzeitung lobte die Gastmutter: «Milenas Anwesenheit macht uns nicht nur jeden einzelnen Tag einfacher, sondern sie macht unsere Tage besser.»

Zöpfe flechten, Mathe üben

Noch bevor sie einander persönlich kennenlernten, war die Begeisterung bereits gegenseitig. Milena und Leyna führten ein längeres Telefongespräch, tauschten Mails aus. «Ich hatte den ganzen Notizblock mit kleinen Herzen vollgekritzelt», erinnert sich Milena. Vor dem ersten Skypegespräch war sie extrem nervös, aber schon wenige Minuten danach kam die E-Mail: «We want you!» Kurze Zeit später, 2014, flog die frischgebackene Maturandin für eine Einführungswoche nach Long Island. Von dort aus reiste sie ins Goro-Haus in Teaneck, eine halbe Autostunde von New York entfernt. Nicht für ein Jahr, sondern gleich für zwei. «Wenn das Studium in den USA nicht so viel kosten würde, wäre ich dort geblieben.»

Morgens half Milena Auvray den Kindern, die Schultasche zu packen, dann flocht sie Ella hübsche Zöpfe. Tagsüber besuchte sie den Englischunterricht am College oder spielte mit dem kleinen Ollie. Am Nachmittag holte sie dann die beiden Älteren vom Schulbus ab, machte mit ihnen Hausaufgaben und beruhigte Alex, wenn er nach drei Arbeitsblättern in Englisch, zwei Seiten im Mathebuch, dem Üben der englischen Aussprache und Hebräisch lernen so frustriert war, dass er nicht mehr weitermachen wollte. «Zwei Stunden Aufgaben sind echt viel.» Milena half kurzerhand mit.

Mittlerweile ist sie zurück im Haus ihrer Familie in Belp BE. Bei der Rückkehr am Flughafen verstand sie zunächst kaum mehr Deutsch, sie dachte und träumte stets auf Englisch. Im Lauf der Zeit hat sie sich wieder eingewöhnt: Sie hat inzwischen in Bern ihr Studium als Unterstufenlehrerin angefangen und hütet abermals mehrere Kinder, unter anderem die beiden Kleinen einer Amerikanerin. In Gedanken aber ist sie noch oft bei «ihren» Kindern in New Jersey.

Sie klickt durch die Fotos auf ihrem Computer: Milena mit Ollie, dem Jüngsten, mit ihrer «little sister» Ella und mit dem selbstbewussten Alex – im Zoo, im Kinder­museum, in den Fe­rien auf Cape Cod mit Grandma, die ihre beste Freundin wurde. «Eine wunderschöne Zeit», sagt sie sehnsüchtig, als sie die vielen Momente Revue passieren lässt.

Milena Auvray schaffte es unter die letzten 25 von 250 nominierten Au-pairs in den USA. In das Finale reichte es nicht. Ein junger Deutscher gewann den Titel. Was hat er besser gemacht? Patricia Brunner, Managing Director der International Au Pair Association, die den Titel vergibt, weiss es nicht. Manchmal mache ein Detail den Unterschied, beispielsweise, ob jemand noch Kinder mit besonderen Anforderungen betreut. «Solche Entscheide sind immer wahnsinnig schwierig», sagt sie, «denn letztlich sind alle Nominierten einfach grossartig.»

Botschafterin für andere Au-pairs

Stattdessen wurde Milena Auvray zu einer der Cultural Ambassadors ihrer Au-pair-Agentur Cultural Care. Das heisst, sie wurde Kontaktperson und Beraterin der anderen Au-pairs ihrer Region. Und sobald die Organisation das Programm erweitert hat, wird sie zur International Ambassador avancieren und mit anderen zusammen von der Schweiz aus alle Interessierten betreuen. «Ich wäre froh gewesen um eine solche Beratung», sagt sie heute. «Ich hatte Fragen über Fragen, was mich alles erwarten würde.»

Heute zeugt in ihrem Zimmer eine Fotowand von den Momenten, die sie mit der amerikanischen Familie erlebte, von Nachmittagen im Naturhistorischen Museum, im Schwimmbad oder auf dem Schiff. Die flauschige Bettdecke, vollbedruckt mit Fotos, war ein Abschiedsgeschenk der Kinder, ebenso die Briefe und Zeichnungen an der Zimmertür.

Das silberne Armband, das ihr die Gastmutter zusammen mit dem zweiseitigen Essay schenkte, möchte sie am liebsten nie mehr ablegen. «Es braucht ein grosses Herz, um mitzuhelfen, junge Geister zu formen», ist darin eingraviert. Für Milena Auvray sind diese Geschenke die grösste Auszeichnung. Sie zeigen deutlich: Für Familie Goro ist und bleibt Milena das allerbeste Au-pair der Welt. 

Autor: Claudia Weiss

Fotograf: Michael Sieber