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19. August 2013

Milchkuh

Stillen mit Hütchen
Stillen mit Hütchen – ein wirkungsvolles Hilfsmittel für die Anfangszeit. (Bild: Picture Alliance)

Seit meine beiden Stillkolumnen ( Oben ohne und Busenfreundinnen ) erschienen sind, erhalte ich regelmässig Post. Dass Hebammen- und Stillverbände auf die Texte aufmerksam wurden, kann ich nachvollziehen. Mittlerweile habe ich mich sogar daran gewöhnt, dass mir Verlage Neuerscheinungen zum Thema Stillen schicken. Ist ja alles kein Wunder. Immerhin habe ich gross und breit von meinem Leben als Milchkuh erzählt.

Es gibt aber etwas, was mich irritiert: Warum glauben alle, das Stillen sei mir einfach so in den Schoss gefallen? Im Gegenteil. Am Anfang war es ein riesiger Krampf. Es ging schon im Spital los. Ich hatte gerade nicht auf natürlichem Weg geboren und fühlte mich beschissen. Da beschloss ich: Werde ich halt Stillweltmeisterin! Denn: Die guten Mamis stillen, die bösen schütteln Schoppen. So begann die erste Meinungsverschiedenheit mit meiner Tochter. Ich wollte ihr die kostbare Muttermilch verabreichen, sie brüllte lieber meine Brüste an. Eine gestresste Krankenschwester kam ins Zimmer gerauscht, griff ohne Vorwarnung nach meiner Brust, quetschte die Warze samt Vorhof zusammen und drückte sie Ida in den Mund. Das Baby protestierte lautstark, doch die Pflegerin hatte kein Erbarmen. Sie schob so lange nach, bis mein Kind würgen musste. Da grunzte die Pflegende zufrieden und eilte ins nächste Zimmer. Vermutlich, um dort am nächsten Busen zu ziehen. So viel zum Thema «Stillfreundliches Spital». Kaum war sie weg, spuckte Ida meine Brust aus. Hätte ich an ihrer Stelle auch so gemacht. So ging das den lieben langen Tag. Meine Tochter brüllte und nahm Gramm um Gramm ab. Eine Stillberaterin kam kurz vorbei und ordnete an, ich solle regelmässig pumpen, um die Milchproduktion anzuregen. Na gut. Tsch-pfff-tsch-pfff-tsch-pfff. Die Melkmaschine machte lustige Geräusche, meine Brüste wurden mal wieder in die Länge gezogen, und ich fühlte mich zum ersten Mal wie eine Kuh. Wie eine sehr müde noch dazu. Am selben Tag meinte eine Pflegende, die Anweisung der Stillberaterin sei falsch, ich dürfe nicht so viel pumpen. Langsam dämmerte es mir: Stillfreundliches Spital bedeutete, alle haben was zum Thema zu sagen – aber die wenigsten wissen, wovon sie sprechen. In der vierten Nacht sass ich heulend im Bett und versuchte mal wieder, mein hungriges Kind anzulegen. Krankenschwester Nummer 27 hatte Mitleid. Sie schenkte mir etwas ganz Böses: ein Stillhütchen. (Das ist eine Art Brustwarzenverlängerung aus Silikon – nur falls sie noch nie so ein Teil gesehen haben.) Jedenfalls wurde nun alles besser. Endlich konnte mein Kind trinken und holte nach, was es verpasst hatte. Alle zwei Stunden wollte meine kleine Ida an die Brust. Endlich hatte ich ein Stillbaby – aber gleichzeitig diese verdammten Hütchen. Die Stillberaterin guckte säuerlich, als ich ihr bei meinem Entlassungsgespräch erzählte, warum bei uns der «Knoten» geplatzt war. «Das Stillhütchen ist nicht gut», liess sie mich wissen. «Was würden Sie sagen, wenn man Ihnen einen Silikonnippel in den Mund stecken würde?»

Ich wurde mit dem Gefühl, eine Stillerin zweiter Klasse zu sein, aus dem Spital entlassen. Man hatte mich vor Brustentzündungen gewarnt, denn «mit dem Silikonhütchen kann die Brust nicht komplett geleert werden». Sie ahnen, wie die Geschichte weitergeht. Richtig: mit 40 Grad Fieber, Schüttelfrost und einem Busen, der so gross wie der Mars war, nur röter. Meine Grossmutter bekniete mich am Telefon, auf keinen Fall mit der Brustentzündung weiterzustillen. «Du willst doch nicht, dass dein Kind die schlechte Milch trinkt.» Die Stillberaterin, die ich in meiner Not konsultiert hatte, bestand aber genau darauf. Ich glaubte der Dame mit der Ausbildung und stillte weiter – trotz allem. Hätte mir jemand gesagt, dass ich ab sofort andauernd Milchstaus und Entzündungen haben würde, ich hätte augenblicklich abgestillt.

Als meine Kleine vier Wochen alt war, fuhr ich zu meiner Familie. Logischerweise stillte ich Ida auch dort alle zwei Stunden. Meine Grossmutter war entsetzt. Sie beharrte darauf, dass ich das Neugeborene schon jetzt verwöhnen würde. Meine Mutter zuckte mit den Schultern und starrte wie gebannt auf mein T-Shirt, auf dem sich feuchte Flecken gebildet hatten. «Ich kann gar nicht glauben, dass du so viel Milch hast … ich konnte ja nicht stillen, weil aus meinen Brüsten nichts kam. Bei mir wären die Kinder verhungert.»

Um zum Punkt zu kommen: Hätte ich Milchpulver im Schrank gehabt, wäre das mit Sicherheit das Stillende gewesen. Ich habe mich oft gefragt, warum ich dennoch durchgehalten habe. Eigentlich ist die Antwort klar: Der Dank gebührt meiner besten Freundin. Bei ihr hatte ich zwei Jahre zuvor erlebt, wie Stillen sein kann. Sie hatte mich alles sehen lassen, mir alles erklärt, meine vielen Fragen beantwortet. Hier ihre Mantras, vielleicht helfen Sie auch Ihnen weiter:

1. Stille immer, wenn das Kind unruhig ist. Es geht nicht nur um Nahrungsaufnahme. Das Saugen beruhigt, tröstet – und gibt dem Kind Sicherheit.
2. Gucke nicht auf die Uhr und verdränge, dass dein Hintern vom vielen Sitzen immer breiter wird. Junge Babys trinken eben langsam.
3. Okay, da Punkt 2 doch ein wenig beunruhigend ist, könntest du es anders versuchen: Stille so oft wie möglich im Liegen. Irgendwann kannst du deinem Baby sogar im Halbschlaf die Brust geben.
3. Stillen ist niemals schmerzhaft (Ausnahme: Milchstau oder Entzündung).
4. Versuche zu akzeptieren, dass du dich in den ersten Lebensmonaten des Kindes komplett hingeben musst. Kämpfe nicht dagegen an. Die Zeiten, in denen du selbstbestimmt und unabhängig sein wirst, kommen schneller zurück, als du denkst.
5. Du musst die ersten drei Monate einfach nur überleben! Dann wird alles besser.
6. Wenn es mit dem Stillen nicht klappt, ist das kein Anzeichen von persönlichem Versagen. Aber lege dir vorsichtshalber schon mal ein paar knackige Sätze für die Supermütter zurecht, die ihren Kindern niemals den Schoppen geben würden.

Buchtipp:
«Stillen ohne Zwang» von Sibylle Lüpold. ISBN 9783907625590
Kein klassischer Stillratgeber, gut lesbar und voller Informationen, auch interessant für Frauen, die nicht stillen wollten oder nicht stillen konnten.

P.S. Ich vergass zu erwähnen, dass wir damals das Stillhütchen nach ca. drei Monaten weglegen konnten. Von da an ging es ohne weiter. Und bei meiner zweiten Tochter war ich dann so versiert, dass es niemals gebraucht wurde.

Autor: Bettina Leinenbach