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02. November 2015

Der Tod hat nichts Spirituelles oder Religiöses

Schauspieler und Komiker Mike Müller spricht vor der vierten Staffel der SRF-Serie «Der Bestatter» über die abgeschlossenen Dreharbeiten, die Spiritualität des Todes und sein eigenes Begräbnis.

MIke Müller ist bald wieder «Der Bestatter»
MIke Müller ist bald wieder «Der Bestatter» (Bild: SRF)

Mike Müller, uns steht ein morbides Gespräch bevor. Freuen Sie sich?

Durch meine Rolle des Bestatters bin ich es gewohnt, Interviews zum Thema Morbidität zu geben – eigentlich interessiert mich Vitalität viel mehr. Aber im Zusammenhang mit der Serie beschäftige ich mich natürlich mit dem Sterben und versuche, dem Thema spannende Aspekte abzugewinnen.

Der Tod hat für viele Menschen etwas Religiöses oder zumindest Spirituelles. Für Sie auch?

Ich bin Atheist. Darum ist der Tod für mich nicht spirituell und schon gar nicht religiös, sondern das ultimative Schiefgehen des Lebens. Bei einer Bestattung hallt das Dasein über den Tod hinaus nach, deshalb machen wir ihn durch Rituale würdevoll und bringen Verstorbene nicht etwa zur Tierkadaverstelle. Ein guter Bestatter gibt den Angehörigen den Toten zurück.

Können Sie dem ultimativen Schiefgehen des Lebens auch etwas Positives abgewinnen?

Reden wir vom Sterben oder vom Tod? Es ist nicht dasselbe, wenn man bei einem 88-jährigen Uräni – so haben wir unsere Urgrossmutter genannt – merkt, dass es langsam zu Ende geht, oder ein junger Mensch ganz plötzlich aus dem Leben gerissen wird. Aber grundsätzlich ist der Tod immer etwas Schreckliches.

Haben Sie selbst Angst davor?

Nein, ich mache mir auch nicht weiter Gedanken darüber. Ich denke mehr darüber nach, wie unsere Gesellschaft mit dem Tod umgeht. Viele Bestatter stört es, wenn sie bei Hotels den Warenlift nehmen müssen. Bei modernen Alterszentren werden die Verstorbenen im Sarg durch den Hauptausgang getragen – das thematisieren wir in der neuen Staffel.

Wir sollten aufpassen, nicht in den Schulfunk abzudriften.

Ist es Ihnen ein Anliegen, dass die Serie solche Themen aufgreift? Wie gross ist Ihr Einfluss?

Ich spreche mit den Autoren darüber, und sie nehmen es auf oder auch nicht. Die Szene ist auch nicht wirklich ein zentraler Bestandteil dieser Folge ...

... aber sie soll die Zuschauer zum Nachdenken anregen ...

Naja, wir haben keine Message, und wir wollen den Menschen mit dem «Bestatter» auch nicht wirklich etwas beibringen. Wenn man etwas lernen kann, ist das nie schlecht. Aber wir sollten aufpassen, dabei nicht in den Schulfunk abzudriften.

Wenn Sie noch einen einzigen Tag zu leben hätten, was würden Sie tun?

Das ist mir zu spekulativ, weil der Tod grundsätzlich nur sehr schwer zu antizipieren ist. Dennoch bin schon seit Längerem Mitglied bei Exit, da ich es eine sehr gute Organisation finde. Es muss die Möglichkeit geben, sein Leben unter bestimmten Umständen zu beenden. Ausserdem möchte ich nicht, dass meine Angehören diesen Entscheid für mich treffen müssen.

Und aktive Sterbehilfe sorgt bei Bestattern für bessere Planungssicherheit ...

(lacht) So verbreitet ist die Sterbehilfe noch nicht, als dass sie einen Einfluss auf die Arbeit von Bestattern hätte. Darüber hinaus sind das sehr flexible Menschen, die gut improvisieren. Derentwegen muss man sich sicher nicht bei Exit anmelden.

Ich bin schon seit Längerem Mitglied bei Exit.

Als Atheist glauben Sie vermutlich nicht an ein Leben nach dem Tod.

Ich habe keine Ahnung, was nach dem Tod passiert. Aber die Theorie mit dem Leben nach dem Tod hat einzig den Grund, dass Organisationen ihre Macht ausbauen können, indem sie ein entsprechendes Versprechen abgeben. Das finde ich unlauter, und ich wüsste auch nicht, was daran christlich sein sollte – vielmehr ist das unglaublich arrogant.

Viele Menschen entscheiden sich mittlerweile für die Kremation. Sie auch?

Selbstverständlich. Aber ich bin mir bewusst, dass das eine kulturelle Frage ist. Wäre ich in muslimischen oder jüdischen Kreisen grossgeworden, würde ich wohl anders denken. Deshalb ist es auch wichtig, dass Muslime ihre Angehörigen auch in der Schweiz so bestatten können, wie sie möchten (ohne Sarg, Anm. d. Red.) und nicht wie es christliche Politiker vorschreiben.

Während des Studiums arbeiteten Sie auch als Totengräber ...

... darauf werde ich in jedem Interview angesprochen ...

... was nützte diese Erfahrung rückblickend gesehen für ihre Rolle als Bestatter?

Die beiden Berufe haben nichts miteinander zu tun, weshalb mir das leider nichts gebracht hat. Systematisch recherchieren kann man für eine solche Rolle auch gar nicht. Als Vorbereitung habe ich sehr viele Dokumentarfilme geschaut und mit der Zeit auch echte Bestatter kennengelernt.

Die Dreharbeiten für die vierte Staffel sind abgeschlossen. Sind sie wehmütig oder froh?

Ich bin kein wehmütiger Mensch. Und nach vier Monate langem Drehen unter ständigem Zeitdruck bin ich froh, dass wieder ein Richtungswechsel stattfindet.

Muslime sollten ihre Angehörigen auch in der Schweiz so bestatten können, wie sie möchten.

Das Schweizer Fernsehen veröffentlichte die Kosten der Eigenproduktionen. Eine «Bestatter»-Folge kostet 719'000 Franken – die vierte Staffel insgesamt 4,3 Millionen.

Fiktion ist teuer. Aber der «Bestatter» ist trotz Schweizer Löhnen zehn bis zwanzig Prozent günstiger als vergleichbare Serien aus Österreich oder Deutschland. Das gelingt uns auch dank eines vergleichsweise kleinen Teams von nur 28 Menschen ...

Waren Sie froh oder verärgert über die Veröffentlichung der Zahlen?

Diese Transparenz darf von einem öffentlich-rechtlichen Sender verlangt werden. Klar ist: Die politische Legitimation des Service public steht an. Klar ist für mich aber auch, dass zum Service Public Unterhaltung gehört. Da machen die privaten Stationen wenig bis nichts. Dort sind höchstens eingekaufte Unterschichtenformate zu sehen.

Apropos Transparenz: Wie viel verdienen Sie an einer Folge «Bestatter» oder «Giacobbo/Müller»?

Was ich «ziehe» ist meine Privatsache. In Deutschland könnte ich jedenfalls mehr verdienen. Gerade bei den Moderatorenlöhnen ist es kein Geheimnis, dass sie zum Beispiel im Late-Night-Bereich um Faktor 10 bis 15 höher sind. Das macht mir aber nichts aus. Als öffentlich-rechtlicher Sender Gagen von 50'000 bis 80'000 Euro pro Folge zu zahlen, finde ich sowieso unverantwortlich und falsch.

Die sechs neuen Folgen des «Bestatters» werden ab Januar ausgestrahlt. Schalten Sie den Fernseher ein, oder haben Sie ausgerechnet an den Abenden immer etwas vor?

Extra etwas abmachen werde ich nicht. Sich selbst zuschauen, macht aber nicht so viel Spass, weil man eh nur die Fehler sieht. Ich weiss zum Beispiel jetzt schon, in welchen Szenen ich mich aufregen werde.

Die Theorie mit dem Leben nach dem Tod hat einzig den Grund, dass Organisationen ihre Macht ausbauen können.

Gibt es trotzdem einen Fall, auf den Sie sich freuen?

Besonders gelungen ist der «Horizontale Fall». Dort gehen wir zurück nach Morgenthal, ins Dorf der Kommissarin. Beim Dreh hatten wir saugute Locations und die Morgenthaler wurden von sehr tollen Schauspielern verkörpert.

Was passiert denn in diesem Morgenthal?

Dort liegen Hunde begraben ... (lächelt)

Wie wichtig ist schwarzer Humor für Sie?

Humor ist situativ. Sobald also schwarzer Humor zum erkennbaren Prinzip wird, ist er nicht mehr witzig. Die Unvorhersehbarkeit ist wichtig, nicht die Art des Humors.

Haben Sie einen Lieblingswitz?

Heute nicht. Fragen Sie mich morgen wieder.

Autor: Reto Vogt