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16. Juli 2014

Schlammgallen im Ausnahmezustand

Das 38. Open Air St. Gallen brachte drei Tage Sonnenschein und einen Tag Dauerregen. Der Schlamm tat der guten Stimmung keinen Abbruch. Die Highlights: die deutsche Dancehall-Crew «Seeed», Rapper «Casper» und die US-Band «Imagine Dragons».

Sonntag, 19:30 Uhr: «Imagine Dragons» entlassen alle glücklich in die Badewanne

Wenn man nicht mehr stehen mag, dann einfach so.

Nachdem die Truppe «Seeed» alle Open-Air-Besucher mit ihren coolen Dancemoves alt aussehen liess und das Sittertobel eine bunte Party feierte, kam der Dauerregen. Jänu, dachten sich viele und verbrachten die Nacht trotzdem im Zelt. Am Sonntag hielt das Festival noch einige musikalische Leckerbissen bereit. Die Briten «Bastille» trommelten das Sittertobel wieder wach, der Frontmann nahm selbst ein Regenbad in der Menge, bei «Milky Chance» aus Deutschland war das Sternenzelt noch einmal proppenvoll und «Imagine Dragons» sorgten für einige magische Momente. Bei «Radioactive» schaute sogar noch einmal die Sonne vorbei, als würde Petrus die charismatische Band aus Las Vegas ebenfalls abfeiern. Derweil nutzten erfinderische Festivalbesucher den Hang zum Schlammschlitteln auf der Luftmatratze. Die Stimmung war bis zum Ende ausgelassen und so sagen wir danke für die einwandfreie Organisation und diese wunderbaren Tage, St. Gallen! Matsch love!

Samstag, 22:15 Uhr: Petrus hat die Schleusen geöffnet

Sooo, liebe Leute, jetzt Pelerinen montieren, Gummistiefel überstreifen, und dann gehts in den Endspurt des Tages mit «Seeed»!

Samstag, 22 Uhr: Casper kennt die Tricks

Temporäre Gesichtsbemalung ist der Trend am Open Air St. Gallen. In der Slideshow die besten Gesichter! Dazu ein kleiner Fun-Fact: Der deutsche Rapper Casper heisst so, weil er früher so blass war und er seinen Vater an den kleinen Geist Casper erinnerte. Der charmante junge Herr weiss tatsächlich, wie man ein Open-Air-Publikum zum Toben bringt. Erstens klingt seine Stimme wie eine Mischung aus böser Pirat und Kettenraucher (könnte frau also sexy finden), zweitens beweist er Kondition wie ein Gummiball beim Springen, drittens will er zur Abwechslung nicht alle Hände, sondern alle Mittelfinger sehen und viertens schmeichelt er dem Publikum mit Sprüchen wie: "Ihr seid die lautesten Menschen der Welt, kann das sein?" Wenn dann 10000 Leute in die Luft springen, findet Casper das «wun-der-schöön». Punkt für ihn. Tom Odell sang zuvor zwar bezaubernd und betonte, wie sehr er sich freue, wieder zurück in der Schweiz zu sein, bezog das Publikum aber zu wenig ein. Genauso begeistert wie von Casper sind wir von Petrus, der anscheinend keine Lust auf Schlammgallen hat. Gleich kommen übrigens die 11 Freunde, und damit meine ich keine Fussballmannschaft, sondern «Seeed»!

Samstag, 19:45 Uhr: Wer braucht schon Fussball?

Während es zwischen Brasilien und Chile zum Showdown kommt, bringt Songwriter Tom Odell am Klavier ein wenig Melancholie für das Sitterbühne-Publikum. Aber wer braucht schon Fussball, wenn man «Another Love» auf die Ohren bekommt? Das Publikum flirtet, was das Zeug hält, aufgeblasene Kondome fliegen durch die Luft und mich beschäftigen wieder ein paar Fragen: Warum ist der ganze Bereich vor der Sitterbühne voller Federn? Hat da jemand ohne uns eine Kissenschlacht veranstaltet? Aus welchem Material sind Seifenblasen, die nicht zerplatzen (erst, wenn man ganz doll draufspringt)? Wieso fragen die britischen Künstler immer sowas wie «Open Air, do you wanna hear some more?» ins Publikum? Wir sind hier nicht das Open Air an sich! Wir sind St. Gallen!

Samstag, 17:30 Uhr: Sturm? Fehlalarm!

Das mit dem Sturm war übrigens ein Fehlalarm. Irgendjemand (ich vermute Knackeboul) hat die Wolken weggezaubert und jetzt hat es wieder gefühlte 45 Grad. Der Sänger von «Skindred» aus Grossbritannien schreit sich gerade die Seele aus dem Leib, die Hände wippen im Takt und wir finden, es ist Zeit für eine Rucksackschau. Warum? Weil das Rucksäckli das Must-Have am diesjährigen Open Air St. Gallen ist. Viel Spass beim Durchklicken!

Samstag, 15:30 Uhr: Ein Sturm zieht auf

Es ziehen dunkle Wolken auf über dem Sittertobel! Jetzt heisst es Heringe nochmal einschlagen, Planen montieren und Pelerine griffbereit halten. Pünktlich zum Auftritt von Rapper Knackeboul fängt es an zu tröpfeln. Vorläufig gibt es aber Entwarnung: die grosse Sintflut will Petrus sich für später aufbewahren. Knackeboul «macht Beatbox aus der ganzen Lunge» und hat auch Gudrun, sein Loop-Gerät dabei. Die Menge tanzt zum «Happy»-Cover und schwitzt noch einmal eine Runde.

Samstag, 13:30 Uhr: St. Gallen ist erfinderisch

Die St. Galler Bands «DPBO» und «Pedro Lehmann» haben ihren Auftritt schon hinter sich, das Festivalvolk wacht langsam auf. Gerade rockt die Schweizer Band «The Animen» auf der Hauptbühne. Auf dem Gelände gilt einmal wieder: Zeltest du noch oder lebst du schon?

Samstag, 11:15 Uhr: Der Morgen danach

Guten Morgen Sittertobel! Die Nacht war kurz, der Grossteil der Zeltplatz-Bewohner scheint Schlafen für überbewertet zu halten. Man munkelt, im Sittertobel seien Wölfe heimisch: bis Sonnenaufgang tönte Geheul durch die Zeltstadt. Die drei Stündchen im Zelt fanden unter dem Motto «am Hang» statt (an dieser Stelle plädiere ich für einen rutschfesten Schlafsack! Mit Noppen!). Zudem sitzt mir der nächtliche Harlem Shake noch etwas in den Knochen. Aber egal, Zeit für ein Fazit!

Gestern gings schon mal mächtig ab. Erst wollte der Funken beim musikalischen Highlight «The Black Keys» zwar nicht so recht überspringen, doch dann legten die Jungs sich mit «Fever», «Lonely Boy» und anderen Zugaben noch mal richtig ins Zeug und bescherten dem Publikum einige Gänsehautmomente. Gegen Mitternacht fielen ein paar Tropfen vom Himmel, die Regenjacke vorzuholen, lohnte sich aber nicht. Das Handynetz funktionierte dank verstärkter Antenne einwandfrei, nur das Depot-System wurde irgendwann etwas nervig. Hier müsste man sich theoretisch für jede Gabel anstellen, um sich mit Jeton seine zwei Fränkli zurück auf den Bändel zu laden! Was die Besucherzahl angeht: Für mich eher an der oberen Grenze. Anstehen ist Programm und an den Konzerten wird gedrängelt, was das Zeug hält. Auch morgens um 4 Uhr waren noch unzählige Feierfreudige auf dem Gelände unterwegs, das Sternenzelt war bei «Bauuers» Auftritt sogar voller als zu den Spitzenzeiten am Abend. Im Chesterfield-Zelt, wo die Paradiesvögel «Gigolo Romantico» auflegten, war das Motto leider eher «dreistes Drängeln» und Rumschupsen. Wer es etwas gemütlicher mag, dem sei ein Besuch in der M-Budget-Lounge empfohlen. Dort kann man auf Sitzsäcken rumlümmeln und jungen Singtalente zusehen, die ihr Können auf der Bühne unter Beweis stellen. Wie es die Festivalzeitung so treffend formuliert hat: Das Gute liegt noch vor uns! Heute stehen Knackeboul, Tom Odell und «Seeed» auf dem Programm.

Freitag, 22:30 Uhr: Die heisse Phase

Was Ellie Gouldings Bauchfrei-Outfit sollte, sei mal dahingestellt. Sie brachte jedenfalls den Frauenpower auf die Sitterbühne, «The Naked and the Famous» aus Neuseeland doppelten mit tanzbarem Elektropop nach und brachten das Sternenzelt zum Kochen. Was leider auch olfaktorische Quälereien und allerlei schwitzigen Körperkontakt bedeutete. Mittlerweile sind auch die letzten Besucher klebrig, glücklich und der eine oder andere schaut schon leicht glasig. Der Auftritt des amerikanischen Bluesrock-Duos «The Black Keys» bildet für viele das Highlight von heute Abend. Vor der Hauptbühne gibt es kein Durchkommen, die Leuchtstäbchen blinken in der Nacht. Vereinzelte Schlammpfützen deuten bereits an, was in den nächsten Tagen folgt: Schlammgallen! Doch bisher meinte es Petrus wirklich gut mit dem Sittertobel. Die Nacht ist noch lang: um 3:00 morgens tanzen wir alle noch den Harlem Shake von «Baauer»!

Freitag, 19:45 Uhr: Fragen über Fragen

Das Open Air St. Gallen geht in die heisse Phase. Das Gelände ist zum Bersten voll, die Schlangen bei den WCs werden länger. Die Indie-Band «Half Moon Run» aus Kanada kam als Ersatz für George Ezra und überzeugte trotzdem beim Sternenbühnen-Publikum. Auf der Hauptbühne rocken «The Foals» aus Grossbritannien. Mich beschäftigen unterdessen die Fragen, wieso alle mit roter Farbe im Gesicht rumlaufen, was «Math-Rock» genau für eine Musikrichtung ist (Antwort: komplexe, abgehackte Melodien und Dissonanz), wer schon so ausprobierfreudig war und sich einen Choko-Kebab reingezogen hat und wie viele Kinder im Sittertobel bereits gezeugt wurden.

Freitag, 18:00 Uhr: Hip-Hop und Liebe

Für zwei Stunden hat sich das Open Air St. Gallen ganz der Liebe und dem Hip Hop verschrieben: Der Zürcher Rapper Skor wünscht sich «ei Liebi» für St. Gallen, während der Deutsche Prinz Pi rappt, dass er nicht mehr wisse, was Liebe ist. Seifenblasen fliegen durch die Luft, der Himmel ist mittlerweile bedeckt, die Hitze wird erträglich und dank den Trash Heroes bleibt das Gelände schön sauber. Das Cashless-System funktioniert einwandfrei. Schade für die Angestellten: das Trinkgeld geht mehrheitlich vergessen. Und: Man wird hier ziemlich schnell verschwenderisch, wenn man plötzlich sein Portemonnaie am Handgelenk trägt! Das Bändeli sitzt quasi so locker, dass die Stände mit Hüten, Sonnenbrillen, Blumenkränzen und natürlich die Food- und Getränkestände ganz schön Umsatz machen.

Freitag, 15:00 Uhr: Es geht los!

Das Open Air St. Gallen ist in vollem Gange. Gestern rockten «Flogging Molly» aus den USA die Bühne, heute stehen Prinz Pi, Ellie Goulding und «The Black Keys» auf dem Programm. Die meisten Besucher haben den Vormittag für Einkäufe in der Stadt genutzt oder ein Bad in der Sitter genommen. Im Zelt lässt es sich momentan nicht aushalten: Es hat gefühlte 50 Grad Celsius. (Noch) brennt die Sonne vom Himmel, zum Glück wird man hier an jeder Ecke von den Nivea-Girls mit Sonnencrème versorgt oder von anderen Aufmerksamen mit Wasserpistolen bespritzt.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Pascal Mora