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18. Dezember 2013

Michael Steiner: «Der Taifun ist eine nationale Tragödie»

Herr und Frau Schweizer sind mit den Vorbereitungen fürs Weihnachtsfest beschäftigt, der Regisseur Michael Steiner mit der Hilfe für die philippinischen Opfer nach der Taifunkatastrophe. Im Interview spricht er über seine Erlebnisse.

Michael Steiner auf den Philippinen
Michael Steiner auf den Philippinen (Bild: zVg).

Michael Steiner, Sie sind seit Oktober in den Philippinen und leben derzeit im Stadtteil Makati in Manila. Wie geht es Ihnen?

Es geht so. Der vergangene Monat war ein wahnsinniger Stress. Meine Frau Minerva und ich sind seit fünf Wochen pausenlos am Organisieren und pendeln ständig zwischen Manila und Tacloban.

Ihre Frau ist Philippinerin, deren Eltern leben in der vom Taifun zerstörten Stadt Tacloban, wo sie eine Schule führen. Wie geht es den Eltern?

Den Umständen entsprechend gut. Sie hatten das Glück, dass die Flutwelle das Hauptgebäude des JE Mondejar Computer College nicht zerstörte. Doch der Wind riss mit einer Geschwindigkeit von 300 Kilometer pro Stunde ganze Türen und Klimaanlagen aus der Verankerung, Computer flogen durch die Luft. Meine Frau, meine Kinder und ich verfolgten den Taifun von Manila aus, wo es nur stark windete und etwas regnete.

Gab es Opfer in der Familie Ihrer Frau?

Wir hatten Glück im Unglück. Mein Schwager war auf der Insel Leyte vier Tage lang unter einem Baum eingeklemmt, der auf sein Haus gefallen war. Nachbarn hatten ihn befreit. Danach wollte er mit einem Motorrad nach Tacloban fahren, da rannte ein unbeaufsichtigtes Kleinkind auf die Strasse. Nach einer Vollbremsung mit Sturz landete er mit einer schweren Gehirnerschütterung im Spital.

Ein gestrandetes Schiff
Ein gestrandetes Schiff (Bild: zVg).

Wie präsentiert sich die Lage vor Ort?

Es sieht noch nicht viel besser aus als vor vier Wochen, mit Ausnahme der geräumten Strassen. Es gibt noch immer keinen Strom, weil der Taifun die 50 Zentimeter dicken Strommasten aus Beton wie Zündhölzer umgeknickt hatte. Die Uferzone ist Hunderte Meter landeinwärts komplett zerstört. Es wird bestimmt noch Monate dauern, bis der meterhohe Schutt weg ist. Nach und nach können die Menschen wieder Nahrungsmittel und Güter kaufen. Die Uno hat für die Obdachlosen Zeltstädte errichtet. Zur Essensausgabe stehen Tausende von Menschen täglich in der Schlange. Die philippinische Regierung hat aber leider versagt.

Wieso?

Sie schickte anfangs zu wenig Sicherheitskräfte und Nahrungsmittel ins Katastrophengebiet. Deswegen kam es zu Plünderungen. Wegen der unsicheren Lage blieben die Hilfsgüter tagelang am Flughafen in Tacloban stecken. Dann haben philippinische Politiker ihr Gesicht auf Hilfsgüter drucken lassen, um als vermeintliche Wohltäter in Erscheinung zu treten, und so die Lieferung verzögert. Im Vorfeld ist zudem zu wenig von der fast zehn Meter hohen Flutwelle gewarnt worden, obwohl man die Lehren aus «Katrina» hätte ziehen können. Der Taifun ist eine nationale Tragödie.

Wie helfen sich die Einheimischen?

In den ersten Wochen nach der Katastrophe war die Solidarität sehr hoch. Nun steht für viele wieder der eigene Alltag im Vordergrund. In Tacloban helfen sich die Nachbarn aber sehr – mit Geräten, Essen und Informationen, wo man welche Hilfe finden kann. Die Situation ohne Strom und fliessendes Wasser ist schwierig. Täglich werden immer noch Leichen aus dem meterhohen Schutt geborgen. Der ganze Dreck wird von den Menschen aus Tacloban vorwiegend von Hand abgetragen.

Sie unterstützen die Schule Ihrer Schwiegereltern. Was haben Sie bis jetzt erreicht?

Wir sammelten früh Geld, und seit vier Wochen stehen täglich zehn Zimmerleute und Maurer im Einsatz. So sind zwei kleinere Gebäude wieder repariert.

Wie viel Geld haben Sie bis jetzt gesammelt?

Etwas mehr als 80’000 Franken. Nebst den Bauarbeiten konnten wir dank der Hilfe aus der Schweiz Computer kaufen, sodass das Computer College am 6. Januar den Schulbetrieb wieder aufnehmen kann. Von den 1200 eingetragenen Schülern werden aber nur wenige erscheinen, da die Eltern kein Geld mehr für Bildung haben. Die Schule ist eine Stiftung und hat viele Schüler aus einkommensschwachen Familien. Viele Eltern haben ihr ganzes Hab und Gut verloren. Die Hälfte der 45 Lehrkräfte ist obdachlos. Momentan versorgen wir diese mit Baumaterial, damit sie wenigstens ein Dach über dem Kopf errichten können.

Die Hilfe kommt bei den Kindern gut an
Die Hilfe kommt bei den Kindern gut an (Bild: zVg).

Was heisst das für den Schulbetrieb?

Prinzipiell müssen wir für 2014 den gesamten Schulbetrieb finanzieren. Deshalb haben wir unsere Weihnachtsaktion «Each One, Teach One» lanciert. Ein Jahr Kindergarten kostet 300 Franken, die Mittelstufe und die High School 600 und das College 900 Franken. In diesen Beträgen sind alle Kosten inklusive Lehrmittel enthalten.

Wie waren die Reaktionen aus der Schweiz?

Viele gute Herzen und unsere Freunde haben uns unterstützt. Diese Katastrophe mit gegen 10’000 Toten und zwei Millionen Obdachlosen hat ähnliche Ausmasse wie der Tsunami in Thailand. Leider sind die Philippinen bereits nicht mehr im Fokus der Schweizer Medien. Ich gebe dieses Interview vor allem deshalb, um die Menschen darauf aufmerksam zu machen, dass der harte Alltag der Überlebenden nicht in Vergessenheit gerät.

Gibt es auch eine negative Seite der Hilfe?

Ja. Da wurden Güter von Hilfsorganisationen gestohlen und auf dem lokalen Markt verkauft. Das sind jedoch Einzelfälle. Aber es gibt unzählige tragische Geschichten. So ist bekannt, dass die Leichen, die man im Schutt findet, meistens noch Geld auf sich tragen. Für diejenigen, die diese Toten finden, ist dieses Geld eine Starthilfe. Ein anderes Beispiel: Ich traf in den Trümmern einen Mann, der in seiner neuen Behausung aus Wellblech und Plastikfetzen einen neuen Kühlschrank stehen hatte. Er hatte diesen während der Plünderungen geklaut.

Was hat die Katastrophe in Ihnen ausgelöst?

Es ist das schlimmste Ereignis, das ich je mit eigenen Augen gesehen habe. Die Gewalt, mit der die Natur alles zerfetzt hat, macht sprachlos. Die schöne Erkenntnis: Die Überlebenden haben nicht einfach resigniert. Sie helfen einander und zeigen einen unbändigen Willen, ihre Stadt wieder aufzubauen. Sie haben überall ihre Ruinen mit Schriftzügen und Bannern voll gemalt. Darauf steht: «Tindog Tacloban! Steh auf, Tacloban!». Das macht Mut, und wir haben die Hoffnung, dass Ende 2014 die Einheimischen wieder auf eigenen Beinen stehen können. Wir müssen ihnen aber helfen, denn die ersten Schritte im Leben nach der totalen Zerstörung sind die schwierigsten.

Ihre beiden Kinder wohnen ebenfalls in Manila. Wie gestaltet sich der Alltag?

Wenn wir jeweils nach Tacloban reisen, schauen Verwandte nach ihnen. Es ist eine schwierige Zeit, weil uns die Kinder oft nicht sehen. Das schadet dem Familienleben.

Wie lange bleiben Sie im Inselstaat?

(seufzt) Das weiss ich noch nicht. Vergangene Woche habe ich erstmals die Schreibarbeit an zwei Drehbüchern wieder aufnehmen können – zumindest halbtags. Meine Frau wird sich sicher noch länger mit dem Aufbau und der Stiftung der Schule beschäftigen müssen.

Beitrag von 10 vor 10 mit Bildern aus dem Katastrophengebiet.

Spenden bei der Glückskette für die Opfer des Taifuns.

Autor: Reto Wild