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30. Juni 2014

Metallica vs. One Direction

Thrash Metal und Boygroup: zwei Welten ohne Gemeinsamkeiten? Ein Metallica-Fan und ein One-Direction-Groupie zeigen, welche Outfits sie zum Konzert ihrer jeweiligen Lieblingsband tragen.

Valerie Lüthi und C. R.
Valerie Lüthi: «Dieses Zeichen steht für Cupcakes. Harry hat es im Video vorgemacht – seither wird es von Fans nachgeahmt.» – C. R.: «Ursprünglich symbolisieren die zwei hochgestreckten Finger die Hörner des Teufels. Für uns einfach ein starker Gruss.»

Hier die bitterbösen Buben, dort die zuckersüssen Boys: Die Thrash-Metal-Band Metallica und die Boygroup One Direction passen zusammen wie die Faust aufs Auge. Dennoch haben die beiden Bands etwas gemeinsam: Sie treten diesen Freitag in der Schweiz auf und locken scharenweise Fans in die Stadien in Bern beziehungsweise Basel.
Was macht einen Heavy-Metal-Fan aus? Wie kleidet sich ein Boygroup­Groupie? Und gibt es vielleicht doch Berührungspunkte bei diesen auf den ersten Blick so unterschiedlichen Fankulturen?

C. R. (21) aus Wallisellen ZH ist seit seinem zwölften Lebensjahr Metallica-Fan. Er liebt Silber und Leder, Springerstiefel und Röhrenjeans sowie Totenköpfe und Kruzifixe. «Ich mag starke Symbole.» Sein bestes Stück ist seine Lederjacke, die er in stundenlanger Handarbeit mit unzähligen Stickers und Nieten verziert hat. Die meisten Accessoires kauft er an Open Airs oder bei EMP, einem Onlineversandhandel für Rock- und Metalfans.

Ein netter Junge mit Familiensinn und starken Werten

Setzt C. R. seinen bösen Blick auf und macht dazu das an den Hörnern des Teufels angelehnte Heavy-Metal-Zeichen, könnte er einem glatt Angst einjagen. Dabei ist der Fachmann Betriebsunterhalt, der derzeit die Unteroffiziersschule absolviert, ein wirklich netter Junge. Ans Metallica-Konzert nach Basel reist er nicht etwa mit anderen starken Kerlen, sondern mit seinem Mami: «Ich habe sie eingeladen, weil ihr die Kraft in dieser Musik gefällt.» Es erfülle ihn mit Stolz, dass er das mit seiner Mutter teilen könne – «es gibt viele Eltern, die Vorurteile gegen die Metalszene haben.»

Seine Freizeit verbringt C. R. am liebsten im Zürcher Niederdörfli, in der Metalbar Ebrietas: «Die Bar ist mein zweites Zuhause», erzählt er und schwärmt vom Zusammengehörigkeitsgefühl in der Szene: «Wir hören die gleiche Musik und haben ähnliche Werte – Freundschaft, Loyalität, Gradlinigkeit. Wir sind wie eine grosse Familie.» Selbst Unbekannte auf der Strasse würden sich aufgrund der Kleidung gegenseitig als Metalfan erkennen. Das führe immer wieder zu interessanten Begegnungen.

Auch für Boygroupfan Valerie Lüthi (15) ist das Gruppenfeeling wichtig: «Kürzlich war ich an einem Fantreffen. Wir sahen uns alle zum ersten Mal, und es war, als würden wir uns schon ewig kennen», erzählt sie begeistert.
Bei der Sekundarschülerin aus Ostermundigen BE dreht sich seit drei Jahren alles um die fünf Boys der Retortenband One Direction, kurz 1D. Sie besitzt unzählige Fanartikel, die mit den Konterfeis der hübschen Jungs verziert sind. Nippes wie Pins, Bändeli oder Ohrringe kauft sie im Accessoire-Laden Claire’s. Grössere Anschaffungen wie Jacke oder Tasche hat sie an Konzerten erstanden. Oft mit der finanziellen Unterstützung der Eltern oder Paten, die sich nie lange fragen müssen, was sich der Teenager auf den nächsten Geburtstag wünscht.
Wie viele Boygroup-Groupies schwärmt auch Valerie Lüthi für einen bestimmten Jungen. Wuschelkopf und Nesthäckchen Harry Styles (20) ist ihr Favorit: Er gilt als der Charmante.

In ihrer Klasse ist Valerie Lüthi die einzige One-Direction-Anhängerin: «Die anderen Modis haben mich zu Beginn oft hochgenommen. Das war nicht leicht.» Inzwischen würden die jungen Frauen ihre Leidenschaft aber akzeptieren und seien zuweilen sogar interessiert, wenn sie mit einem neuen Fanartikel in die Schule komme.
Die Eltern von Valerie Lüthi stehen der Schwärmerei ihrer Tochter wohlwollend gegenüber. «One Direction ist bei uns von morgens bis abends ein Thema», sagt ihre Mutter und lacht, «aber es ist alles noch im grünen Bereich.» Bedenklich werden würde es erst, falls Valerie untröstlich wäre, wenn einer der Jungs eine neue Freundin hat.

Eine Schwärmerin mit klaren Zukunftsvorstellungen

Valerie Lüthi surft täglich bis zu sechs Stunden im Internet, um News über ihre Jungs zu suchen, zu posten und zu verlinken. Auf der Facebook-Seite One Direction Switzerland Fan Club ist sie ehrenamtlich als Redaktorin tätig. Hierfür musste sie sich bei den Administratoren von Sony Music Switzerland schriftlich bewerben. Englisch ist in der 1D-Welt die Hauptsprache, sowohl bei der Recherche als auch beim Schreiben.

Die Achtklässlerin verbessert durch ihren Eifer nicht nur ihre Englisch- und Social-Media-Kenntnisse, sondern hat dank ihrer Tätigkeit für die Fanseite sogar ein klares Berufsziel: Sie will Interactive Media Designerin werden.

Fazit: Egal ob Heavy Metal oder Boygroup – fanen stiftet Identität und sorgt für Orientierung.

Autor: Andrea Freiermuth

Fotograf: Christian Schnur