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21. November 2016

Meryl Streep über Frauenrechte und Florence Foster Jenkins

Die dreifache «Oscar»-Preisträgerin über die Situation der Frauen nach dem Scheitern Hillary Clintons bei der US-Wahl: «Länder, in denen Frauen wenig Rechte haben, sind eher arm». Dazu beschreibt sie im Gespräch die tragikomische Hauptfigur ihres neuen Films: die New Yorker Society-Lady Florence Foster Jenkins, die in den 1920er- und 1930er-Jahren als «schlechteste Opernsängerin der Welt» für Furore sorgte.

Optimistin Meryl Streep
Meryl Streep über sich: «Ich bin eine Optimistin und glaube immer an das Beste im Menschen.» (Bild: Getty Images)

Meryl Streep, in Ihrem neusten Film «Florence Foster Jenkins» von Regisseur Stephen Frears spielen Sie die New Yorker Society-Dame, die leidenschaftlich gerne Arien sang, aber selten den richtigen Ton traf. Ist es schwierig, falsch zu singen?

Ich habe Gesang studiert und weiss eigentlich, wo die Noten sind. Sie ständig zu verpassen, ist daher schon nicht ganz so einfach. Meine Schauspielkollegin Audra McDonald in «Ricki and the Flash» empfahl mir ihren Gesangslehrer Arthur Levy. Mit ihm habe ich für diesen Film geprobt. Aber wahrscheinlich will er nicht, dass die Leute das wissen (lacht). Er hat mir die Arien richtig beigebracht, so gut ich es konnte. So musste ich während des Filmens nur einen Viertelton darüber, darunter oder drumherum singen. Aber darüber müssen wir jetzt ja nicht reden.

Sie reden nicht gern übers Falschsingen?

Es ist eben wie mit den Akzenten. Wenn ich für einen Akzent gelobt werde, denke ich immer: Der Akzent ist doch nur Teil des Babys. Wenn man ein Baby sieht, sagt man auch nicht: «Oh, was für eine tolle linke Augenbraue! Wie habt ihr die hingekriegt?» Das Singen ist nur ein Teil von Florence, von ihrem Exzess, der sie ausmacht und der sie drei Halsketten tragen lässt, wenn eine durchaus gereicht hätte.

Was finden Sie denn an dieser exzessiven Person so faszinierend, die am Anfang des 20. Jahrhunderts mit ihrem Gesang die New Yorker Society verblüffte?

Sicher nicht nur das falsche Singen! In ihr steckt so viel Menschlichkeit. Da ist so viel Hoffnung, Feuer und Freude. Ich glaube, die Leute mochten sie gerade deswegen. Sie erinnert mich an meine Kinder, die an Weihnachten vor der Familie ein Krippenspiel aufführten – inklusive Geburt. Die Kleinen waren wirklich mit Leib und Seele dabei, und wir Grossen durften ja nicht kichern. Zudem glaube ich, Künstler haben einen besonderen Bezug zu Florence Foster Jenkins.

Inwiefern?

Der Maler Jasper Johns erzählte mir, dass er und Robert Rauschenberg in jungen Jahren oft Florences Platten auflegten. Auch in meinem Theaterunterricht war ihr Name ein Begriff. Platten wurden herumgereicht und an Partys gespielt. Künstler verstehen, was es bedeutet, nach etwas Wunderbarem zu greifen und zu scheitern.

Würden Sie nicht eine Standortbestimmung empfehlen, wenn jemand offensichtlich kein Talent hat?

Ich glaube, im Leben reicht uns unser Los. Jack Nicholson sagte mir einmal, man solle nicht auf das Glück eines anderen spucken. Das ist eine gute Devise, denn es kommt genug Negatives auf einen zu in der Welt. Es ist besser, nach vorn zu schauen und etwas auszuprobieren. Vorwärts ist überhaupt immer besser als rückwärts. Vielleicht schlägt man dann an einer Wand auf, aber das ist okay. Lieber so, als mit 50 Jahren enttäuscht aufzuwachen, weil man es nie probiert hat.

Wie viele Ihrer Co-Stars hatte auch Hugh Grant angeblich grosse Ehrfurcht vor Ihnen.

Gut so! (lacht)

Gibt es auch Leute, die Sie nervös machen?

Sehr viele sogar. Zum Beispiel Musiker, Maler und Politiker – alle, die eine gewisse Aura haben. Aber ich sage nicht, wer, sonst wissen sie es, wenn ich sie mal treffe.

Apropos Leute in der Politik: Sie haben im Wahlkampf Hillary Clinton unterstützt. Haben Sie sich vom Sieg Donald Trumps schon erholt?

Nein, aber wie sang Leonard Cohen, der kürzlich gestorben ist: «In allem hat es einen Riss, und so kommt das Licht hinein.» Weiter möchte ich mich dazu nicht äussern.

Sie setzten sich immer für die Stimme der Frau ein und finanzieren seit vergangenem Jahr einen Workshop für Autorinnen über 40. Wie wichtig wäre es für Sie gewesen, eine Frau als Präsidentin zu haben?

Die Welt kann sicher besser gemanagt werden, wenn endlich mehr Ausgeglichenheit bei den Geschlechtern herrscht. Es ist doch generell so: Länder, in denen Frauen weniger Rechte im öffentlichen Leben haben, sind eher arm und von Unruhen geprägt. Sobald Frauen mehr am wirtschaftlichen Leben beteiligt werden, wird auch die Gesellschaft stabiler. Bis 1920 hatten wir in den USA kein Stimmrecht, in der Schweiz sogar bis 1971 nicht. Schockierend!

Sobald Frauen mehr am wirtschaftlichen Leben beteiligt werden, wird auch die Gesellschaft stabiler.

Glauben Sie, dass Sie über all die Jahre das amerikanische Frauenbild via Film beeinflusst haben?

Das denke ich nicht. Ich hatte das Glück, in Filmen mitzuwirken, die eine besondere ­Bedeutung für ihre Zeit hatten – zum ­Beispiel «Kramer vs. Kramer» (1978). ­Damals liessen sich viel weniger Leute scheiden und wenn, dann war es nicht die Frau, die Mann und Kind zurückliess. In ­diesem Sinn sehe ich mich als Spiegel, was in der Gesellschaft vorgeht. Aber unsere Filmindustrie ist im Gegensatz zum Fernsehen immer noch sehr männerorientiert. Ich sollte nicht die einzige ältere Dame sein, die noch Arbeit in Hollywood findet.

Sie können sich in der heutigen Zeit doch sicher mehr Gehör verschaffen als damals, als Sie noch am Anfang Ihrer Karriere standen?

Das Gehörtwerden hat etwas mit Empathie zu tun. Wir Frauen fühlen eher, was jemand wirklich sagen will. Wir haben ausgefahrene Antennen, um alle Signale einzufangen. Ich glaube, das hält uns manchmal auch zurück. Männer hören nicht in dem Sinn zu. Man muss sich direkt vor sie hinstellen und das Zuhören einfordern. Den Männern geht ­diese Intuition ab – und da verallgemeinere ich jetzt natürlich, was doof ist. Aber ja: ­Vielleicht hören Männer heute etwas besser zu, einfach weil sie müssen.

Männer hören nicht in dem Sinn zu. Man muss sich direkt vor sie hinstellen und das Zuhören einfordern.

Ihr Mann hört offensichtlich gut zu. Seit 38 Jahren sind Sie mit dem Bildhauer Don Gummer verheiratet. Wie haben Sie es geschafft, dass die Ehe Ihre Hollywood-Karriere überstanden hat?

Keine Ahnung. Ich kenne viele Leute, die lange verheiratet sind. Mein Mann war mit 21 verheiratet und liess sich ein Jahr später scheiden. Jeder hat sein Leben. Ich wüsste nicht, was ich für Tipps geben könnte, wie man es macht. Ich hatte einfach das Glück, dass ich einen guten Mann gefunden habe.

Kümmerte sich Ihr Mann um die Kinder, als Sie auf Filmsets waren?

Ja, aber ich hielt es eigentlich so, dass ich nie länger als zwei Wochen weg war. Als ich «Dancing at Lughnasa» drehte, wurden aus zwei Wochen drei, und die vierte stand schon bevor. Ich wurde zum speienden Drachen. Don musste die Kinder zu mir nach Europa hinüberbringen. Das hat mich gelehrt, alle Versprechen in Hollywood vertraglich und unterschrieben festzuhalten. Denn niemand kümmert sich einen Deut, und jeder gute Wille verpufft, wenn es um die Finanzen eines Films geht.

Ihre beiden Töchter Grace und Mamie sind inzwischen erfolgreiche Schauspielerinnen. Kommen sie mit Karriere- und persönlichen Fragen zu Ihnen?

Wir stehen uns als Familienmitglieder sehr nahe. Was das Berufliche betrifft, so reden wir darüber nur, wenn die Kinder das wollen. Ich fange nie damit an. Und was das Intime betrifft: Meine Mädchen haben etwas, das ich nie hatte, nämlich Schwestern. Ich hatte zwei Brüder, die ich sehr liebe. Aber das ist nicht das Gleiche, wenn man zum Beispiel Herzschmerz hat. Ich bin sehr stolz auf alle meine Kinder. Mein Sohn ist Musiker und leitet ein «After-School»-Programm in Los Angeles, und auch die Mädchen arbeiten alle. Ich weiss nicht, auf welchem Kontinent sie gerade sind, aber sie fliegen viel herum. Und mein Mann wurde beauftragt, die neue Skulptur vor der amerikanischen Botschaft in Moskau zu erstellen. Darüber sind wir auch sehr glücklich. Das ist grosses Kino für ihn, sozusagen.

Was das Berufliche betrifft, so rede ich (mit meinen schauspielernden Töchtern) darüber nur, wenn die Kinder das wollen.

Wie ist Meryl Streep zu Hause? Kochen Sie?

Wenn ich arbeite und sehr müde bin, gibt es vielleicht nur noch Flüssiges (lacht). Wir drehten «Florence Foster Jenkins» in London, ich wohnte mit zwei Kolleginnen zusammen. Entweder gab es vorbereitete Gourmetmahlzeiten, oder ich kochte irgendetwas mit Gemüse, und einmal in der Woche gingen wir Fish und Chips essen. Mehr davon wäre eine Todesfalle! Zu Hause habe ich gerade ein tolles Rezept für Meeresfrüchtepasta entdeckt. Mit Tomaten, Kreuzkümmel, Thymian und Salbei. Man muss es lange kochen, dann erhält es einen wirklich interessanten Geschmack.

Sie werden Anfang Januar an den Golden Globes in Beverly Hills für Ihr Lebenswerk ausgezeichnet und sind mit 19 Nominationen die Rekordhalterin bei den Oscars. Wie sehen Sie sich selber als Schauspielerin?

Es gibt immer etwas, das ich ändern würde, aber letztlich will ich einfach einen Menschen verkörpern, nicht mehr und nicht weniger. Jede Rolle ist eine Herausforderung, und ich gehe jeden Film an, als sei es erst der zweite oder dritte – ­obwohl ich schon hundert Jahre in diesem Business arbeite. Vorbereitung ist das eine, aber dann muss man auch mal alles ­ver­gessen und sehen, was einem die ­Kolleginnen und Kollegen geben. Denn die ganze Magie kommt nur im Austausch zu­stande. Ich bin etwas ungeduldig. Ich mag ­Leute, die ­vorwärtsmachen. Lange Set-ups dagegen und all ­dieses langweilige technische Zeugs – all das mag ich nicht. Ich wünschte oft, ich ­hätte für ­gewisse ­Szenen mehr Zeit. Oft passiert der wahre Moment, wenn die Leute mit dem Reden aufgehört haben. Sehr oft wird das dann aber gleich wieder weggeschnitten. Aber was kann ich schon machen?

Fanden Sie sich auch einmal nicht so gut in einem Film?

Ja, gleich nach «Kramer vs. Kramer» drehte ich mit dem gleichen Regisseur, Roger Benton, den Noir-Thriller «Still of the Night». Darin versagte ich. Ich sollte eine geheimnisvolle Frau spielen, von der man nur wissen musste, dass sie schön und geheimnisvoll war. So was hat mich eigentlich nie interessiert, und ich war entsprechend schlecht. Ich musste nur darauf achtgeben, dass mein Haar schön gestreckt blieb. Es war furchtbar langweilig, ein solches Abbild einer Frau zu spielen.

Sie sind inzwischen 67. Wie bleiben Sie fit und voller Energie?

Manchmal lasse ich mich gehen, und manchmal nehme ich mich zusammen und versuche, jeden Tag anderthalb Kilometer zu schwimmen. Dann spüre ich meinen Körper, was ein gutes Gefühl ist. Es ist ein Glück, gesund zu sein, und ich freue mich, solange ich gesund bleibe.

Autor: Marlène von Arx