Archiv
28. Dezember 2015

Diese Menschen haben uns im Jahr 2015 beeindruckt

Sie helfen Bedürftigen, fordern die Mächtigen heraus oder leisten ganz im Stillen Gutes: Menschen, die etwas bewegen. Ein persönlicher Jahresrückblick der Migros-Magazin-Redaktoren. Wer ist Ihre Persönlichkeit des Jahres 2015? Schreiben Sie es uns.

Saïda Keller-Messahli
Saïda Keller-Messahli

Saïda Keller-Messahli

Remo Leupin (51), Produktionschef,
Remo Leupin (51), Produktionschef

«Ja, der Terror hat mit dem Islam und uns Muslimen zu tun», schrieb Saïda Keller-Messahli in der «SonntagsZeitung» nach den Anschlägen in Paris im November. Öffentliche Kritik am Islam – das ist ein Sakrileg für strenggläubige Muslime und für manche Linksdenkende ein Verstoss gegen die Political Correctness.

Die in Tunesien geborene Keller- Messahli schert sich nicht um solche Kategorien. Seit Jahren kämpft die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam, für eine moderne Auslegung des Korans und für die Emanzipation der Musliminnen.

Und sie will noch mehr: weibliche Imame. Frauen könnten Gleichberechtigung in die Moscheen bringen, sich den Jungen anders nähern als Männer, meint die 58-Jährige. Mit solchen Aussagen weckt sie den Zorn mancher Muslime. Sich deswegen wegducken? Das kommt für die couragierte Frau nicht infrage.

Remo Leupin (51), Produktionschef, Stv. Blattmacher

Johanna Gündel
Johanna Gündel

Johanna Gündel

Peter Aeschlimann (38), Redaktor Reportagen
Peter Aeschlimann (38), Redaktor Reportagen

Geld und Geist: Diese Dorfgeschichte könnte der Feder Jeremias Gotthelfs entstammen.

Nur heisst der Ort des Geschehens nicht Liebiwyl, sondern Oberwil-Lieli. In der reichen Aargauer Gemeinde kam es im Herbst zum Showdown zwischen SVP-Gemeindeammann Andreas Glarner und der smarten Sprachstudentin Johanna Gündel. Der frisch gewählte Nationalrat wollte sich mit knapp 300 000 Franken von der Pflicht freikaufen, Flüchtlinge aufzunehmen.

Doch er hatte seine kleinkrämerische Rechnung ohne Johanna von Oberwil gemacht. Sie, die sich im In- und Ausland nicht weiter für ihre Herkunft schämen wollte, setzte sich in der Gemeindeversammlung durch: 176 stimmten für die Bedürftigen, nur 149 für den Kurs des Unternehmers Andreas Glarner. Dass Oberwil- Lieli seither nicht mehr als die kälteste Gemeinde der Schweiz gilt, haben die Bewohner dem Mut der 24-Jährigen zu verdanken. Jeremias Gotthelf würde frohlocken: «Es ist doch schön auf der Welt – wo Liebe ist!»

Peter Aeschlimann (38), Redaktor Reportagen

André Schäppi
André Schäppi

André Schäppi

Yvette Hettinger (50), Redaktorin Reportagen
Yvette Hettinger (50), Redaktorin Reportagen

Wie kann man behinderte Menschen integrieren? Seit Jahren diskutieren Politiker und Verbände, André Schäppi (54) tuts einfach: Seine Firma Sawi beschäftigt vier Handicapierte. Das bedeutet mehr Aufwand und manchmal weniger Gewinn. Doch der Firmeninhaber bezeichnet seine besonderen Mitarbeiter als Bereicherung.

Yvette Hettinger (50), Redaktorin Reportagen

Sennur Sümer
Sennur Sümer

Sennur Sümer

Hans Schneeberger (56), Chefredaktor
Hans Schneeberger (56), Chefredaktor

Sennur Sümer (44) kriegte diesen Sommer die härtere Gangart der Zürcher Polizei zu spüren. Nach einer unbewilligten Flüchtlingsdemonstration wollte die Polizei einen Zug durch die Langstrasse verhindern.

Die dreifache Mutter stellte sich mutig mit erhobenen Händen vor die Polizei und wurde mit Pfefferspray besprüht. Trotzdem sagte sie in einem Interview: «Die Schweiz ist und bleibt das Land, das meine Familie und mich aufgenommen hat und uns ein friedliches Leben ermöglicht.»

Hans Schneeberger (56), Chefredaktor

Rahel und Michael Räber
Rahel und Michael Räber

Rahel und Michael Räber

Daniel Schifferle (61), Verantwortlicher Ressort Leben
Daniel Schifferle (61), Verantwortlicher Ressort Leben

Mitte September in Athen: Für Rahel und Michael Räber aus Münsingen BE ist es der letzte Ferientag. Sie begegnen dem Elend der über die Türkei ankommenden Flüchtlinge, erfahren, dass der Bedarf an Hilfe auf Lesbos besonders gross ist. Täglich kommen Dutzende Boote mit Flüchtlingen an. Spontan entscheiden sie sich, ihre Ferien zu verlängern: Sie tragen auf Lesbos Kinder aus ankommenden Booten, versorgen Flüchtlinge mit Wasser, Nahrungsmitteln, Medizin. Räber und seine Frau sind beispielhaft für die Solidaritätswelle für Flüchtlinge, für die zahlreichen Helfer, die vor Ort anpacken, wo Hilfswerke und staatliche Stellen zu langsam sind.

Daniel Schifferle (61), Verantwortlicher Ressort Leben

Richter Anthony Kennedy
Richter Anthony Kennedy

Richter Anthony Kennedy

Ralf Kaminski (46), Redaktor Reportagen
Ralf Kaminski (46), Redaktor Reportagen

Die USA haben dieses Jahr landesweit die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. Dank Richter Anthony Kennedy, der als Mitglied des Obersten Gerichts die entscheidende Stimme für das 5:4-Urteil lieferte – und dies obwohl er eigentlich offiziell als Konservativer gilt. Mit dem Obersten Gericht in den USA ist es nämlich so: Jene Richter, die von demokratischen Präsidenten ernannt werden, vertreten in der Regel progressive und liberale Ansichten; jene, die von republikanischen Präsidenten ins höchste juristische Gremium des Landes berufen werden, entscheiden normalerweise verlässlich konservativ. Es war Ronald Reagan, der hochverehrte konservative Säulenheilige der republikanischen Partei, der Anthony Kennedy 1988 in den Supreme Court berief. Und ausgerechnet Kennedy, der übrigens mit der berühmten Präsidentenfamilie nicht verwandt ist, schliesst sich nun immer wieder mal seinen liberalen Richterkollegen an.

So auch am 26. Juni 2015. Die Stimme des 79-Jährigen gab den Ausschlag, dass das Oberste Gericht landesweit die Ehe für gleichgeschlechtliche Paare öffnete und damit einen jahrzehntelangen Kulturkampf zugunsten der Schwulen und Lesben beendete. Abgelöst wurde damit auch ein juristischer Flickenteppich, hatten doch zu dem Zeitpunkt 37 von 50 Bundesstaaten gleichgeschlechtliche Ehen erlaubt, während sie vor allem im konservativen Süden und Mittleren Westen verboten waren.

Kennedy war es auch, der den Entscheid begründete: «Keine Verbindung ist stärker als die der Ehe, sie symbolisiert die höchsten Ideale der Liebe, Treue, Hingabe, Aufopferung und Familie. Die Ehe ist ein Grundpfeiler unserer sozialen Ordnung.» Dies gelte für alle Menschen, unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung. Die Freiheit zu heiraten, könne Schwule und Lesben nicht länger verwehrt werden, suchten diese doch nichts anderes als «gleichwertige Würde vor dem Gesetz». Kennedy selbst ist seit 1963 mit einer ehemaligen Lehrerin verheiratet, weiss also, wovon er spricht.

Diese vollumfängliche Anerkennung gleicher Rechte gewähren neben den USA knapp zwei Dutzend weitere Länder der Welt, darunter viele westeuropäische Staaten. Die Schweiz gehört nicht zu ihnen und behandelt Lesben und Schwule weiterhin als Bürger zweiter Klasse. Wie lange noch?

Ralf Kaminski (46), Redaktor Reportagen

Restessbar
Restessbar

Restessbar

Reto Vogt (30), Online-Redaktor
Reto Vogt (30), Online-Redaktor

Mitten in Winterthur steht ein öffentlicher Kühlschrank. Sellerie, Bohnen, Bananen, Peperoni und Mandarinen liegen drin. Wer den dreistelligen Code des Vorhängeschlosses anfragt, kann nehmen, was er oder sie braucht. Gratis. Das ist das Schöne an der Restessbar: Sie steht allen offen – unabhängig von Alter, Herkunft oder Einkommen.

«Vertrauen hui, Polizei spielen pfui» lautet ihr Motto. Das Konzept ist so gut, dass dieses Jahr in Frauenfeld, Kreuzlingen, Luzern und Schaffhausen weitere «Bars» entstanden sind. Auch dort sammeln Freiwillige in Geschäften, bei Händlern oder Bäckereien Nahrungsmittel, die sonst weggeworfen würden. Mitgründerin ist die Winterthurerin Sarah Weibel (29, links). Mich beeindruckt ihr Einsatz gegen den Foodwaste.

Reto Vogt (30), Online-Redaktor

Rico
Rico

Rico

Almut Berger (48), Online-Redaktorin
Almut Berger (48), Online-Redaktorin

Ein Samstag im November, Heimturnier für die Piccolos des Eishockeyclub Illnau-Effretikon. Heimturnier auch für Schiedsrichter Rico Rodi (12). Sein Debüt: Im Herbst erst hat der Sechstklässler den Schirikurs absolviert.

Drei Spiele à 30 Minuten, 8-, 9-,10-jährige Hockeyaner, auf einem Drittel Eisfeld. Jeweils vier Spieler wechseln fliegend und im Minutentakt ein, während der Puck weiter übers Eis gleitet. Hie und da ein verbotener Check, zwischendrin ein Spieler zu viel auf dem Eis: der Schiri pfeift. Die Spielpausen, 15 Minuten, reichen für einmal WC und ein paar Schluck heissen Tees.

Dann, letztes Spiel, die Gäste sind im Hintertreffen. Ein Foul: der Schiri pfeift. Zwei Sekunden später die Sirene: Spielende. Nichtsdestotrotz gibt der Schiri ein Penalty: Daneben! Jubel bei den Siegern, lang die Gesichter bei den Verlierer.

Jetzt geht es schnell: Der Coach der Verlierermannschaft, ein bulliger Mitvierziger, eilt mit grossen Schritten übers Eis. Baut sich vor dem Schiri auf. Rudert mit den Armen. Brüllt. Fuchtelt mit den Händen. Brüllt. Was, geht in der Durchsage des Speakers unter. Der Schiri, trotz seiner Schlittschuhe ein Kopf kleiner, wird zusehends bleicher unter seinem Helm. Ein weiterer Coach eilt herbei, redet auf den Tobenden ein, zieht ihm vom Eis. Der Schiri verschwindet stumm in seiner Umkleidekabine, den Kopf zwischen die mageren Schultern gezogen. In den Mannschaftskabinen wird lauthals gesungen.

Kurz darauf steht Rico Rodi am Ausgang der Eishalle und wartet auf seine Eltern. Spieler um Spieler zieht an ihm vorbei, die Hockeytaschen im Schlepptau: «Gut gemacht, Rico! – Supi, Schiri! – Cool, Rico!». Rico wird zusehends verlegener unter seiner Wollmütze. In einer Woche wird er sein zweites Turnier pfeifen – er freue sich!

PS 1: 1200 Schiedsrichter leiten die jährlich über 10 000 Eishockey-Spiele schweizweit – 700 sind Jugendliche. «No Refs. No Game», heisst es dazu auf der Homepage der Swiss Ice Hockey Federation.

PS 2: Der Coach hat sich nachträglich beim Schiri entschuldigt.

Almut Berger (48), Online-Redaktorin

Jean-Claude Biver
Jean-Claude Biver

Jean-Claude Biver

Michael West (52), Redaktor Migros-Welt
Michael West (52), Redaktor Migros-Welt

Jean-Claude Biver ist nicht zu bremsen: Der Chef der Marken TAG Heuer und Zenith ist so etwas wie das Schwungrad der Schweizer Uhrenindustrie. Das bewies er kürzlich wieder bei einem Auftritt in New York. Mit überbordendem Enthusiasmus präsentierte der 66-Jährige eine edle Smartwatch aus der Schweiz, die der Apple Watch Konkurrenz machen soll. Mich beeindruckt, dass der gebürtige Luxemburger unermüdlich Neues ausprobiert. Als Luxusuhren-Hersteller noch allenfalls Segelregatten und Golfturniere unterstützten, stieg er mit der Marke Hublot in grossem Stil ins Fussball-Sponsoring ein. Und während andere die ewig gleichen Edelzeitmesser bauten, experimentierte er mit Gehäusen aus neuen Werkstoffen und liess sogar kratzfestes Gold entwickeln. Zugleich liebt er die traditionelle Uhrmacherei und glaubt an ihre Zukunft: «Eine bestimmte Technik mag im Augenblick modern sein, doch irgendwann ist sie überholt. Mechanische Uhrmacherei ist jedoch Kunst, und Kunst überdauert.» Ich hoffe, dass Biver der Schweizer Uhrenbranche noch lange erhalten bleibt – sie kann seine Leidenschaft und seine vielen Ideen gut brauchen.

Michael West (52), Redaktor Migros-Welt

Esther Schönmann, Maja Neuenschwander und Daniela Ryf

Reto E. Wild (47), Redaktor Reportagen
Reto E. Wild (47), Redaktor Reportagen

Auf den ersten Blick scheinen die drei Frauen Esther Schönmann (72, Mitte), Maja Neuenschwander (35, oben) und Daniela Ryf (28) keine Gemeinsamkeiten zu haben. Sie sind unterschiedlich alt, Esther Schönmann, die Randständigen in Langenthal BE hilft, ist körperlich angeschlagen. Maja Neuenschwander dagegen hat diesen Herbst in Berlin einen neuen Schweizer Rekord im Marathon aufgestellt und verbesserte ihre eigene Bestleistung um fast drei Minuten. Daniela Ryf gewann nur ein paar Wochen später den legendären Ironman auf Hawaii. Das ist im Triathlon mit einer Goldmedaille an Olympischen Spielen vergleichbar.

Die wirklichen Stärken der so unterschiedlichen Frauen zeigen sich aber gerade in deren Berührungspunkten: Schönmann, die «Heldin des Alltags» von Radio SRF 1, kämpfte gegen die Behörden, um ihre Ideen durchzusetzen. Sie hat wie die beiden Ausdauerathletinnen einen unbändigen Willen. Neuenschwander verzichtete auf den geliebten Kaffee und spulte Woche für Woche bis zu über 200 Trainingskilometer ab, Ryf ist seit 2007 Profi-Triathletin und wendet jeden Tag bis zu sieben Stunden für Schwimmen, Velofahren und Laufen auf.

Alle drei hätten es mit ihren Ausnahmeleistungen verdient, in der Öffentlichkeit mehr wahrgenommen zu werden. Doch Marathon und Triathlon sind Randsportarten und helfende Engel wie Esther Schönmann arbeiten gern im Hintergrund. Die drei Frauen erreichten ihre Ziele dank jahrelanger Planung, Konsequenz, Beharrlichkeit, Entbehrungen und ohne Getöse. Sie sind deshalb meine wahren Heldinnen.

Reto E. Wild (47), Redaktor Reportagen

Lukas Bärfuss
Lukas Bärfuss

Lukas Bärfuss

Anne-Sophie Keller (26), Volontärin Reportagen
Anne-Sophie Keller (26), Volontärin Reportagen

Lukas Bärfuss (43), Autor und letzter Citoyen. Man nannte ihn «Extremist», «Wutschreiber», «Genughaber». Er wurde mit Max Frisch und Friedrich Dürrenmatt verglichen. Und er sorgte für den kontroversesten Artikel des Wahlherbsts. Am 15. Oktober veröffentlichte der Thuner Autor auf faz.de unter dem Titel «Die Schweiz ist des Wahnsinns» einen Gastbeitrag, der Wellen schlug. Auf fünf Seiten grub er eine tiefe Furche in die Gesellschaft.

Was dort zum Vorschein kam, stank Bärfuss gewaltig. Ein «Land von Zwergen» sei die Schweiz. Die Medienlandschaft ohne Rückgrat, die Politik mutlos, die Wirtschaft durch den Einkaufstourismus angeschlagen und die Zivilbevölkerung vor lauter populistischer Parolen verängstigt. Konkrete Verbesserungsvorschläge lieferte Bärfuss keine, Verallgemeinerungen einige. Über diese mit blinder Wut vorgetragenen Verwünschungen liesse sich schwerlich debattieren, schrieb die NZZ am Folgetag. Doch genau das geschah. Von Roger Köppel bis hin zu Pedro Lenz war Bärfuss’ Text das Thema der Stunde. Man kann von Lukas Bärfuss halten, was man will. Doch er hat ein Land bewegt, das eine Debatte über die eigene Identität bitter nötig hat.

Anne-Sophie Keller (26), Volontärin Reportagen

Burkhard Varnholt
Burkhard Varnholt

Burkhard Varnholt

Heidi Bacchilega (48), Projektleiterin Migros-Welt
Heidi Bacchilega (48), Projektleiterin Migros-Welt

Ich bewundere Burkhard Varnholt für sein Engagement für die Kids-of-Africa-Stiftung. Als Gründer und Betreiber eines Waisendorfes in Uganda setzt sich der Topbanker für Kinder ein. Den sportlichen Familienvater trifft man nicht an glamourösen Events, in schnellen Autos oder in einem Haus an der Goldküste, sondern am Rande eines Fussballfelds, auf dem Velo durch Zürich radelnd oder in Uganda, bei einem seiner zahlreichen Besuchen im Waisendorf.

Weder Ebola noch die Eurokrise hielten ihn davon ab. Oft und gerne begleiten ihn dabei seine Ehefrau Salome Grisard und die beiden Söhne. Als Burkhard Varnholt 1999 einen Bettelbrief aus Uganda erhielt, antwortete er mit einem kleinen Scheck, um die darin beschriebene Notlage zu lindern. Aus diesem unerwarteten Kontakt entwickelte sich eine Briefbekanntschaft. Burkhard Varnholt reiste nach Uganda, um sich vor Ort ein Bild zu machen. 2004 gründete er den gemeinnützigen Verein Kids of Africa.

Heidi Bacchilega (48), Projektleiterin Migros-Welt

Rocco Umbescheidt
Rocco Umbescheidt

Rocco Umbescheidt

Anette Wolffram (50), Projektleiterin Migros-Welt
Anette Wolffram (50), Projektleiterin Migros-Welt

Rocco Umbescheidts (40) Motto lautet «Leben heisst handeln». Der «Aargauer des Jahres 2015» ist davon überzeugt, dass jeder mit seinem Handeln die Welt ein wenig besser machen kann. Seit 17 Jahren leistet der Lehrer ehrenamtlich humanitäre Hilfe in Nepal, baut Schulen und Häuser. Bei der Erdbebensoforthilfe im April 2015 koordinierte er Hilfsgüter für 36 000 Menschen.

Anette Wolffram (50), Projektleiterin Migros-Welt

Fred Frohofer
Fred Frohofer

Fred Frohofer

Andrea  Freiermuth (43), Redaktorin Reportagen
Andrea Freiermuth (43), Redaktorin Reportagen

Im vergangenen Jahr traf Fred Frohofer (52) eine mutige Entscheidung: Er kündigte seinen Job in der Medienbranche. Künftig setzt er seine ganze Energie für eine bessere Welt ein. Als Vorstandsmitglied des Vereins Neustart Schweiz engagiert er sich etwa für gemeinschaftliche Nachbarschaften, welche die Vision der 2000-Watt-Gesellschaft übertreffen sollen.

Als Co-Präsident der Baugenossenschaft NeNa 1 in Zürich arbeitet er an der Realisation dieser Utopie.

Um über die Runden zu kommen, hat der ehemalige Redaktor seine Ausgaben massiv gekürzt. Er lebt in einer Einzimmerwohnung, trägt vorzugsweise Secondhand und ernährt sich vegan. Einkünfte erzielt er über Workshops rund um Ökologie.

Andrea Freiermuth (43), Redaktorin Reportagen

Christoph Homberger
Christoph Homberger

Christoph Homberger

Reto Meisser (43), Online-Redaktor
Reto Meisser (43), Online-Redaktor

Christoph Homberger übt als Chorleiter seit Herbst Schweizer Heimatlieder ein: mit Eritreern, Syrern oder Afghanen und einigen unterstützenden Einheimischen. Er will ein Zeichen für die Integration setzen, aber auch auf die prekäre Situation der Flüchtlinge aufmerksam machen. Jeden Montagabend probt der Flüchtlingschor im Zürcher Kirchgemeindesaal Aussersihl. Dirigent Homberger, bekannter Solist in grossen Opernhäusern und Spezialist für deutsches Liedgut, hilft sogar mit, das grösste praktische Hindernis aus dem Weg zu räumen: Die Flüchtlinge könnten sich die An- und Rückreise mit den ÖV nie leisten. Auf der Crowdfounding-Plattform Wemakeit wurden gut 25 000 Franken dafür gesammelt. Mit ein paar Tausend Franken mehr findet das etwas andere Chorkonzert im Frühling statt.

Reto Meisser (43), Online-Redaktor

Angela Merkel
Angela Merkel

Angela Merkel

Doris Oberneder (43), Leiterin Gestaltung und Bild
Doris Oberneder (43), Leiterin Gestaltung und Bild

Wenn von «Flüchtlingen» die Rede ist, geht es vor allem um eines: Kontingente – in ihrer Abstraktheit jedoch unfassbar und damit immer auch fremd. Aber Flüchtlinge sind vor allem Menschen, die Not leiden und unfreiwillig ihre Heimat verlassen, oftmals sogar Traumatisches erlebt haben.

Darauf hat uns Angela Merkel mit Vehemenz hingewiesen. Zugleich hat sie ein Statement gegen die vorherrschende Politik der Bequemlichkeit und Abschottung abgegeben.

Für einmal hat sie den wirtschaftspolitischen Diskurs in einen sozialpolitischen verwandelt, der sich den Menschenrechten und der Nächstenliebe verpflichtet. Mit ihrer «Willkommenspolitik» hat sie an das Gute in uns appelliert und eine Welle der Sympathie mit den Menschen auf der Flucht ausgelöst. Denn wie wollen Flüchtende behandelt werden? Als Menschen unter Menschen.

Doris Oberneder (43), Leiterin Gestaltung und Bild, Creative Director

Jesús Turiño
Jesús Turiño

Jesús Turiño

Thomas Tobler (36), Redaktor Migros-Welt
Thomas Tobler (36), Redaktor Migros-Welt

Jesús Turiño (49) blickt auf die verlassenen Häuserzeilen vor seinem Bürofenster, die nun Meter für Meter niedergerissen werden. Die Allgemeine Baugenossenschaft Luzern (ABL) realisiert an ihrer Stelle einen Neubau mit 250 Wohnungen. Im vergangenen Frühling mussten die letzten Bewohner ihr Zuhause verlassen. Als Leiter Soziales und Genossenschaftskultur bei der ABL stellte Jesús Turiño darauf Künstlern und Selbstdarstellern 60 leere Wohnungen zur Verfügung.

Mehrere Wochen lang konnten sie darin ihre Werke gestalten und während eines viertägigen Abrissfests der Öffentlichkeit präsentieren. «Es war eine spontane Idee. Ich hatte keine Ahnung, wie sich die Sache entwickeln würde.»

Am Ende arbeiteten mehr als 200 Künstler in den Wohnungen. Dazu nutzten Beizer die Wohnungen als provisorisches Restaurant, Musiker spielten darin ihre Konzerte, und das Lokalradio sendete aus dem Keller. Die 80-jährige Siedlung wurde in ihren letzten Tagen zum Treffpunkt der ganzen Stadt. Anstatt – wie so viele – bloss nach mehr kulturellem Freiraum zu rufen, hat Jesús Turiño einen geschaffen. Zumindest für ein paar Tage.

Thomas Tobler (36), Redaktor Migros-Welt

Anja Reschke
Anja Reschke

Anja Reschke

Sabine Lüthi (45), Leiterin Reportagen
Sabine Lüthi (45), Leiterin Reportagen

Anja Reschke (43) zeigte Mut. Die ARD-Moderatorin hat in einem «Tagesthemen»-Kommentar gegen die Ausländerhetze im Internet aufgerufen. «Diese Hassschreiber müssen kapieren, dass diese Gesellschaft das nicht toleriert», sagte sie im August am Bildschirm. Mit einer Vehemenz, wie wir sie hierzulande kaum kennen: «Dagegenhalten, Mund aufmachen. Haltung zeigen, öffentlich an den Pranger stellen.» Sie musste mit einem Shitstorm grösseren Ausmasses umgehen. «Die Antifa-Nigger-Muslim-Zigeunerhure» nannte sie ein Unbekannter. Auf Facebook & Co. schreiben Rassisten Sätze wie «Dreckspack, soll im Meer ersaufen». Nur Nippelfotos werden sofort gelöscht, Hetzkommentare bleiben oft stehen.

Sabine Lüthi (45), Leiterin Reportagen

Bilder: Alessandro Della Bella/Keystone, zVg (6), Paolo Dutto, Bloomberg/Getty Images (2), Stephan Rappo, Trevor Clark/Red Bull Content Pool, SRF/Oscar Alessio, Daniel Winkler, Frédéric MeyerBilder.: PD, Dominik Butzmann/laif/Keystone, Renate Wernli, Sophie Stieger, NDR/Thomas Pritschet

Wer ist Ihre Persönlichkeit des Jahres 2015? Schreiben Sie es uns als Kommentar.