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21. Mai 2012

Melodie des Ostens

Polen strebt vorwärts mit hohem Tempo der Fussballeuropameisterschaft entgegen. Besonders die Hauptstadt Warschau pulsiert. Auf dem Land ist davon aber nichts zu spüren. Die riesigen Wälder und Seen in den Masuren verströmen stattdessen viel Ruhe.

Akkordeonspieler in Warschau: Im Hintergrund thront das neue Fussballstadion in den polnischen Nationalfarben Rot und Weiss.

Polens Highlights: Weitere Touristenziele neben der Hauptstadt Warschau oder den Masuren.

Polen europäisiert sich», sagt der polnische Fremdenführer Marian Fifielski lachend. «Sehen Sie, überall Staus und immer mehr Polen fahren schöne europäische Autos.» Das sei früher, während der kommunistischen Zeit, noch ganz anders gewesen. Polen ist im Aufwind, das wird Reisenden schnell klar. Jahrzehntelange Fremdherrschaft und Unterdrückung durch das Deutsche Reich und die Sowjetunion gehören der Vergangenheit an. Seit der polnischen Wende in den Jahren 1989/90 und dem Beitritt zur EU 2004 streift sich Polen das alte kommunistische Kleid ab: Die Wirtschaft wächst, und das Bestreben, die Rückständigkeit des Landes zu beseitigen, ist gross. Besonders die 1,7-Millionen-Hauptstadt Warschau ist im Bauboom. Neue Geschäftsviertel mit modernen Bauten entstehen. Einst staatliche Gebäude werden verkauft und von Privatpersonen und Firmen renoviert.

Vier neue Stadien für die Europameisterschaft

Die bevorstehende Fussballeuropameisterschaft motiviert zusätzlich. Polen will sich von seiner besten Seite zeigen. Zeigen, dass es westeuropäischem Standard entspricht. Vier neue Fussballstadien wurden gebaut. In Danzig — an der Ostseeküste — steht nun eines in der goldgelben Farbe eines Bernsteins, und von der Warschauer Altstadt eröffnet sich der direkte Blick auf das neue Nationalstadion in den polnischen Farben Rot, Weiss. Zwei weitere stehen in den Städten Posen und Breslau. Die Baumaschinen laufen Tag und Nacht, um die nötige Infrastruktur rund um die Stadien und die Verbindungsstrassen fertigzustellen.

Der Schweizer Koch Kurt Scheller lebt seit 1991 in Warschau. Mitten im Zentrum hat er sich eine kleine Wohnung gekauft. «In Warschau pulsiert das Leben — privat und geschäftlich.» Ständiger Begleiter ist seine Hündin Barri, bereits Schellers vierter Hund. «Wieso ich in Polen hängen geblieben bin, weiss ich gar nicht mehr so genau.» Er streicht mit den Fingern über seinen Schnurrbart. «Aber wegen einer Frau war es bestimmt nicht», sagt er schmunzelnd. Schellers Kinder leben in Deutschland und Finnland, seine Frau ebenfalls.

Als junger Mann reiste Scheller nach seiner Kochlehre in Luzern mehrere Jahre um die Welt. In der Schweiz mochte er nicht bleiben. «Als Koch hast du nie ausgelernt, es gibt immer wieder neue spannende Zutaten», erklärt er die Begeisterung für seinen Beruf. In den vergangenen 20 Jahren bekam er die Gelegenheit, mehrere Restaurants in polnischen Luxushotels zu leiten. «In all den Jahren konnte ich viel bewirken, die polnische Küche beeinflussen. Zudem habe ich zahlreiche junge Köche ausgebildet.»

Mit der Ausnahme von Showkochen an einigen ausgewählten Anlässen hat sich der 59-Jährige nun aber von der Kochbühne in den Luxushotels zurückgezogen und konzentriert sich stattdessen auf seine Kochschule. Dort bringt er mehrmals wöchentlich polnischen Laien in verschiedenen Kursen das Kochen bei. Auch Sushi gehört zu seinem Repertoire. In etwas sonderbar klingendem Polnisch erklärt er seiner Kochklasse, wie sie die perfekte Reisrolle herstellt. «Ich musste nie polnisch sprechen, da ich in der Küche immer einen Assistenten hatte, der meine Befehle an die Brigade weitergab», erklärt Scheller.

Eigene Kochschule in Warschau: Der Schweizer Spitzenkoch Kurt Scheller bringt polnischen Laien das Kochen bei.
Eigene Kochschule in Warschau: Der Schweizer Spitzenkoch Kurt Scheller bringt polnischen Laien das Kochen bei.

Der Schweizer ist ein Original. Seinen auffälligen Schnauzer hat er einem russischen Kellner abgeguckt, und das schwarze Barett kam hinzu, als die Haare weniger wurden. In die Schweiz zurück möchte der Kochprofi nicht. «Polen ist meine Heimat, und ich bin zu alt für etwas Neues», sagt er. In den Masuren im Nordosten Polens, wollte er vor einiger Zeit ein Restaurant im Swiss-Chalet-Stil eröffnen, aber daraus wurde dann doch nichts. Stattdessen macht er regelmässig Ferien in der Region: «Die Landschaft ist wunderschön, und ich habe dort viele Freunde.»

Wo die Masuren genau beginnen, lässt sich nur schwer sagen. Irgendwo dort, wo die Hügel buckliger werden und die Strassen brüchiger. Der dünnbesiedelte Nordosten Polens wird als grüne Lunge bezeichnet. Es gibt dort weder grosse Städte noch Industriezentren. Schier endlose Wälder und gegen 3000 Seen dominieren die Gegend. In zahlreichen Naturparks und Reservaten findet sich eine vielseitige Pflanzen- und Tierwelt.

Tausende Seen und verschlafene Ortschaften in den Masuren

Das Tempo in den Masuren ist anders als in den Städten. Fast schlafend wirken einige der kleinen Dörfer. Holzhäuser und Backsteinbauten dominieren das Bild. Und auf beinahe jedem Dach ist ein mehrere hundert Kilogramm schweres Storchennest zu finden. Polen ist das storchenreichste Land der Welt. Rund 40'000 Paare ziehen ihren Nachwuchs von April bis August im mitteleuropäischen Land auf. Am Luknajno-See lebt zudem Europas grösste Kolonie von Höckerschwänen. Die Unesco hat das Gewässer zum Biosphärenreservat erklärt.

Paradies für Paddler: Die Krutynia-Route gilt als Polens schönste Paddeltour. Sie ist insgesamt 100 Kilometer lang und führt durch 16 Seen in den Masuren.
Paradies für Paddler: Die Krutynia-Route gilt als Polens schönste Paddeltour. Sie ist insgesamt 100 Kilometer lang und führt durch 16 Seen in den Masuren.

Die urtümliche Landschaft eignet sich, für ausgedehnte Wanderungen, Radtouren und Angelausflüge. Lauschige Plätzchen zum Baden finden sich ohne Ende. Auch auf dem Wasserweg können die Masuren entdeckt werden. Die Kajakroute auf dem Fluss Krutynia ist etwa 100 Kilometer lang und durchquert 17 Seen. Die Route wird am besten im Juni oder im September befahren, da in den beiden Monaten dazwischen in Polen Sommerferien sind und der Fluss stark frequentiert ist. Und: Mückenspray nicht vergessen.

REISETIPPS

Goldwasser und Schokoladenzwetschgen

Anreise: Warschau wird von Zürich aus mehrmals täglich angeflogen. Aber auch die Anreise mit dem eigenen Auto ist eine gute Möglichkeit, um das Land zu erkunden.

Mitbringsel: Die Stadt Danzig ist die Hochburg für Bernstein. Dieser sollte aber besser in einer Schmuckgalerie anstatt an einem Marktstand gekauft werden, da die Echtheit sonst nicht gewährleistet ist. Offizielle Bernsteinverkäufer besitzen ein Zertifikat. Fragen Sie im Zweifelsfall danach. Typisch für Polen ist auch der Wodka oder das Goldwasser aus Danzig, ein Gewürzlikör mit Blattgoldflocken. Im kulinarischen Bereich bietet sich zudem beispielsweise die Krakauer Trockenwurst oder die Schokoladenzwetschgen, die «Sliwka w Czekoladzie», an.

Restaurants und Kaffees: In Danzig laden besonders die kleinen Restaurants und Kaffees in der Frauengasse und in der Joppengasse zum Verweilen ein. Feines Brot und Eis finden Reisende im Café Feniks in Olsztyn (Allenstein) oder in der Altstadt von Warschau. Dort gibts auch zahlreiche Gelaterias. Und in Mikołajki (Nikolaiken) gönnt man sich eine Waffel mit Rahm und frischen Blaubeeren.

Essen: Die polnische Küche ist währschaft und von zahlreichen Einflüssen gepägt. Eines ist aber sicher: Die Polen lieben Suppen. Diese gehören fast täglich auf den Tisch. Des Weiteren gehören die Bigos und die Pierogen zu den typischen Gerichten. Bigos ist eine Art Eintopf mit gedünstetem Sauerkraut, Speck und Zwiebeln – ein altpolnisches Jägermahl. Und die Pierogen sind Teigtaschen, die beispielsweise mit Kartoffelquark, Fleisch, Sauerkraut, Pilzen oder dann süss gefüllt werden.

Unterkunft: Besonders idyllisch gelegen und empfehlenswert ist die Pension Sielankowo bei Galkowo www.sielankowo.pl . Von hier aus kann die Gegend mit dem Pferd erkundet werden, am Abend kommen die Gäste in den Genuss von traditionellen polnischen Speisen. Pferdenarren kommen auch bei der Pension Galiny in Gallingen auf ihre Kosten www.palac-galiny.pl . Übernachtet wird in einem aus dem 16. Jahrhundert stammenden Renaissancepalast. Weitere geschichtsträchtige Hotels finden Interessierte unter: www.hhpolska.com . Und für die besonders gehobene Übernachtung inklusive Spa-Erlebnis ist das diesen Frühling neu eröffnete 4-Sterne-Hotel Krasicki in Warminski ein Besuch wert: www.hotelkrasickipl

Herrschaftlich: Pension Galiny in einem alten Renaissancepalast.
Herrschaftlich: Pension Galiny in einem alten Renaissancepalast.
Rustikal: Pension Sielankowo, Ausgangspunkt für lange Ausritte.
Rustikal: Pension Sielankowo, Ausgangspunkt für lange Ausritte.

Autor: Sandra Kohler

Fotograf: Tanja Demarmels