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06. Oktober 2014

Die Töggeli-Queen

Sie ist schnell, routiniert und zäh: Dank dieser Eigenschaften könnte Cindy Moser nächste Woche Weltmeisterin im Tischfussball werden. Im Video zeigt sie ihre besten Tricks.

Fast reglos steht Cindy Moser (28) am Töggelikasten. Nur ihre Hände sind in Bewegung und gleiten langsam von einem Stangengriff zum andern, während ihr Blick den kleinen Ball auf der Spielfläche fixiert. Dann plötzlich eine rasche Bewegung aus dem Handgelenk heraus und ein leiser Knall. Cindy Moser lächelt. Sie hat den Ball versenkt. Wie so oft.

Die zierliche Frau mit den langen Haaren und langen Fingernägeln ist eine der besten Tischfussballerinnen der Welt. 2010 wurde sie mit der Schweizer Nationalmannschaft Weltmeisterin, 2012 Vizechampionne und diesen Juni zum dritten Mal in Folge Schweizer Meisterin. Dutzende weitere Einzel-, Doppel- und Mixed-Titel von regionalen und nationalen Meisterschaften zieren ihren Palmarès. Nächste Woche tritt Moser in Venedig zur Weltmeisterschaft an und greift erneut nach dem Pokal.

Cindy Moser ist eine der wenigen Schweizerinnen, die wettkampfmässig Tischfussball spielen. Ein Mal pro Woche trainiert sie beim Tischfussballclub Zürich.
Cindy Moser ist eine der wenigen Schweizerinnen, die wettkampfmässig Tischfussball spielen. Ein Mal pro Woche trainiert sie beim Tischfussballclub Zürich.

«Ich bin bereit», sagt die junge Frau und wirft ihre Haare zurück, während sie etwas breitbeinig an einem Tisch in Position geht. Es ist Dienstagabend und Cindy Moser absolviert ihr wöchentliches Training im Lokal des Tischfussballclubs Zürich (TFCZ), der sich im Keller einer Druckerei in Zürich-Wipkingen eingerichtet hat. Aus den Lautsprechern erklingt gedämpfte Musik, und fast im Takt dazu macht es von den Fussballtischen leise klack-klack. Gut 20 Spieler stehen konzentriert an den Kästen – abgesehen von Cindy Moser alles Männer. Ihr Sparringpartner ist wie meistens ihr Freund und Trainer Filip Kubiatowicz (30). Die beiden haben sich vor vier Jahren in Frankreich kennengelernt – natürlich an einem Tischfussballturnier.

Normalerweise übt Moser stundenlang einzelne Züge, doch heute stehen ausschliesslich Matches auf dem Programm – ein Spiel nach dem anderen, zweieinhalb Stunden lang. «Die beste Vorbereitung für ein Turnier», sagt Cindy Moser. Technisch kann sie es mit jeder Konkurrentin aufnehmen und körperliche Ausdauer hat sie dank regelmässigen Krafttrainings. Doch Cindy Mosers stärkste Waffe ist ihre Schnelligkeit.

WM heisst vier Tage lang spielen, bis zu zwölf Stunden täglich

Und sie hat viel Routine. Schon als kleines Mädchen stand sie am Töggelikasten, mit ihrer Mutter und deren Bruder, die beide leidenschaftlich, aber nur zum Spass spielten. Mit 20 lernte Moser einen Profi kennen, der sie in die Szene einführte. Seither spielt sie Tischfussball wettkampfmässig. Was sie vom Hobbyspieler unterscheide und fast unschlagbar mache, sei ihre Kämpfernatur, ist Filip Kubiatowicz überzeugt. «Sie beisst sich durch und gibt nie auf», sagt er. «Der Kampfgeist trägt sie, wenn sie körperliche Durchhänger hat.»

Fingerfertig: Cindy Moser am Töggelikasten.
Fingerfertig: Cindy Moser am Töggelikasten.

Und solche können an einer Meisterschaft schon vorkommen. Gespielt wird in Venedig vier Tage lang, von halb zehn Uhr morgens bis Mitternacht. Cindy Moser tritt dort gegen gut 40 Frauen an, zum Einsatz kommt das Modell Robertosport. Dieser Tisch ist etwas niedriger als andere Modelle. Nicht, dass das für die 1,60 Meter grosse Frau ein Vorteil wäre. «Kraft, Grösse, Geschlecht und Alter spielen keine Rolle im Tischfussball», erklärt ihr Coach Kubiatowicz, «mit genügend Training kann jeder gut spielen.» Und seien sich zwei Gegner ebenbürtig, sei der Kopf entscheidend. Genau hier kann Cindy Moser von ihrem Freund am meisten profitieren: «Filip ist ein extrem guter Denker», sagt sie, «er kann mir beibringen, das Gegenüber einzuschätzen und dessen Züge zu antizipieren.»

Mentale Stärke trainiert sie hingegen am besten allein, mit Vorliebe im Auto, auf der Fahrt zur Arbeit nach Schwarzenbach SG, wo sie bei Aldi im Kundendienst arbeitet. «Dann drehe ich die Musik auf, gehe gedanklich verschiedene Züge durch», sagt Moser, «und führe mir alle Siege vor Augen, die ich bereits errungen habe.» Natürlich steht in der Wohnung des Paares in Dietikon ZH auch ein Fussballtisch, an dem sich die beiden regelmässig Kämpfe liefern. Eigentlich würde Cindy Moser am liebsten vom Tischfussball leben, aber bisher hat sich noch kein Sponsor gefunden.

Kurz nach 23 Uhr beendet Moser ihr Training. «Ich freue mich auf Venedig», sagt sie, «ich will gewinnen und weiss, dass das möglich ist.»

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Gerry Nitsch