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15. August 2016

Meister im Wurzelziehen

Pascal Kaul rechnet schneller im Kopf, als andere am Computer Zahlen tippen können. An der Weltmeisterschaft im Kopfrechnen in London misst sich der 53-jährige Versicherungsmathematiker als einziger Schweizer mit den Allerbesten seiner Disziplin.

Pascal Kaul
Die Wurzel von 2352,25? Pascal Kaul weiss es in anderthalb Sekunden: 48,5.

Stundenlang Kopfrechnen, unter Zeitdruck und im Beisein von 20 bis 30 Konkurrenten: Durchschnittlich begabte Menschen würden lieber den Estrich entrümpeln, als sich so einer Situation stellen. Pascal Kaul (53) macht das Spass. Er liebt es, sich mit Quadratwurzeln, Kalender- und Bruchrechnen, Primfaktoren­zerlegung und Zahlensystemen herumzuschlagen und zu sehen, wer am Ende mehr Aufgaben richtig gelöst hat – er oder die ­anderen Kopfrechner, die allesamt zu den schnellsten der Welt gehören.

Vor zwei Jahren ging Kaul als zweitbester der Kategorie Wurzelrechnen aus der WM in Dresden (D) hervor. Er musste sich nur von einer 13-jährigen Inderin geschlagen geben. Kommende Woche will er es wieder wissen, dann tritt er als einziger Schweizer in London an der Mind Sports Olympiad an, wie sich die Weltmeisterschaft im Kopfrechnen nennt. Am 23. August gibts ein sogenanntes Blitzturnier, in denen es vier Mal 100 Aufgaben in je 25 Minuten zu lösen gilt, plus tags darauf dreieinhalb Stunden lang Kopfrechnen, 250 Aufgaben aus 15 Bereichen. «Eine schöne Herausforderung», wie Kaul sagt.

Nächste Station ist Bielefeld (D), wo sich Kaul im September in einzelnen Disziplinen jeweils zehnminütigen Aufgabenblöcken stellt. Und so ist er jetzt am Üben, wann immer sich ein paar freie Minuten ergeben. Er lernt etwa Quadrat- und Kubikzahlen auswendig, um sie im Wettkampf schneller radizieren zu können. Die Wurzel von 2352,25?
Kaul weiss es innerhalb von anderthalb Sekunden: 48,5. Bei den Kubikwurzeln wirds auch für ihn etwas schwieriger, das sind die Zahlen mit der kleinen Drei rechts oben. Bis zur achten Wurzel gehen die Aufgaben an der WM. Da gilt es zum Beispiel herauszufinden, welche Zahl man ­siebenmal mit sich selber multipliziert hat, um 78'125 zu bekommen. In diesem Fall ist das Ergebnis 5 (hoch 7).

Für diese Operationen lernt Pascal Kaul möglichst viele Logarithmen aus­wendig, zum Beispiel den Zehnerlogarithmus von 1000 gleich 3 – denn 10 hoch 3 gleich 1000. Das hilft beim Wurzelziehen, etwa wenn es heisst: 4,5 hoch welche Zahl ergibt 168'151? Es ist 8.

Bereits als Vierjähriger ein Toprechner

Unzählige solcher Kennzahlen quetscht Pascal Kaul allein fürs Wurzelrechnen in seinen Kopf. Hinzu kommen Kennziffern für andere Rechenoperationen sowie das Repetieren von Additionen, Multiplikationen oder Kalenderrechnen. Zwei Stunden pro Tag trainiert Pascal Kaul zurzeit, oft allein zu Hause, aber auch unterwegs im Zug und im Bus: «Wenn ich sowieso dasitzen muss, kann ich auch die Zeit nutzen», sagt er.

Schon der kleine Pascal hat gut und gerne gerechnet und als Vierjähriger die ersten Quadratwurzeln gezogen. Mathematiklehrer war mal ein mögliches Berufsziel, er wurde dann aber von einer Versicherungsgesellschaft angeheuert, natürlich im Rechnungswesen. Dort kann er Summen schneller errechnen, als andere die Zahlen in den Computer eintippen. Mehr Lohn oder kürzere Arbeitstage gibts deswegen nicht. Dafür hat der Schnellrechner Vorteile im Privatleben. Etwa beim Jassen, wo er sich Karten gut merken und blitzschnell einschätzen kann, was Trumpf werden soll. Kaufan­gebote, Fremdwährungspreise, ­Wirtschaftskennzahlen – das alles kann er fix ­vergleichen, einschätzen, analyiseren.

Unlogische Regeln nerven

«Es ist eine Begabung», sagt Kaul achselzuckend, «eine etwas einseitige.» Technisch sei er denkbar untalentiert, und Geometrie kapiere er nicht. Seine Frau, von Beruf Hochbauzeichnerin, sei deshalb eine optimale Ergänzung. Das Schlimmste aber sei das Schönschreiben. In der Schule konnten seine Gspänli nicht mal in Mathe von ihm abschreiben, weil er so unleserlich krakelte. «Dafür bin ich sprachlich nicht ganz untalentiert.»

Grundsätzlich ist er allem zugetan, was logisch aufgebaut ist. Darum befasst er sich in der Freizeit gerne mit Auslegungen von alten Schriften, dem ersten Buch Mose etwa, «da gehts ja auch oft um Zahlen». Umgekehrt ärgern ihn unlogische Regeln: Gesetze, die keinen Sinn machen und andere Willkür. Oder Klaubereien um Beträge, über die zu streiten sich nicht lohnt – was allerdings meist niemand so schnell erkennt wie er.

Die Schnelligkeit seines Gehirns hilft dem mehrfachen Schweizer Badminton-Meister auch im Sport und umgekehrt. «Körperliche Gesundheit macht auch das Hirn fit», ist er überzeugt. Und er will noch fitter werden, weshalb er ständig nach neuen Techniken sucht. Das höhere Wurzelrechnen etwa hat er sich erst vor zwei Jahren für die WM so richtig angeeignet.
Ebenfalls eine neuere Herausforderung ist das Multiplizieren von drei- mit fünfstelligen Zahlen. Also feilt Kaul hier noch an effizienten Methoden. Wenn die sitzen, rechnet er sich für London gute Chancen aus. 

Autor: Yvette Hettinger

Fotograf: Dan Cermak