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19. September 2016

Meister der Beats

Schweizer Drummer wie Julian Sartorius, Samuel Rohrer und Fabian Egger haben international einen ausgezeichneten Ruf. Grund dafür sind hervorragende Jazzschulen, einflussreiche Vorbilder wie Jojo Mayer – und die Basler Fasnacht. Drei Porträts mit Video-Hörproben.

Julian Sartorius
Julian Sartorius startete seine Drummer-Karriere als Zweijähriger auf einer Basler-Läckerli-Trommel.

Jojo Mayer ( das Interview vom 19. September 2016 ) beeinflusst ganze Generationen von Schlagzeugern – weltweit, speziell aber in der Schweiz. Julian Sartorius, Samuel Rohrer und Fabian Egger etwa. Sie sind alle selbst international erfolgreich, und doch sehr verschieden.

Die Schweiz machte eben noch Sommerferien, die Agenda von JULIAN SARTORIUS aber war in dieser Zeit proppenvoll. Nach Auftritten in England und Deutschland reiste er nach Frankreich und Spanien, von dort zurück nach Bern, seinem Zuhause. Nach drei Tagen sass er erneut im Zug. «Ich muss selbst aufpassen, dass ich den Überblick nicht verliere», sagt der gefeierte Schlagzeuger.

Ein Blick in die Liste seiner Auftritte verrät: Es ist alles noch viel komplizierter. Denn Julian Sartorius spielt mal mit diesem Sänger, dann mit jener Theatergruppe – es sind un­zählige Namen von Künstlerinnen und Künstlern, mit denen er innert weniger Wochen auf der Bühne steht. Respektive sitzt. Denn obwohl der 35-Jährige seine Stöcke immer dabei hat und auch im Liegen und Gehen Orte und Materialien sieht, deren Klang zu untersuchen ihn reizt: Auf der Bühne hat er zumeist ein mehr oder weniger klassisches Drumset um sich herum: Trommel, Hi-Hat, Becken, Snare.

Julian Sartorius ist ein Forscher und Klangzeichner. Einer, der sich über kleine Dinge riesig freuen kann. Zwei Jahre tourte er mit Sophie Hunger durch die Welt, dabei merkte er, dass ihn dieses Tourleben nicht glücklich macht. Dass ihm wohler ist, wenn er spielen kann, richtig spielen: tüfteln, Abwegiges ausprobieren.

Dass hier einer am Werk ist, der die grenzenlose Neugier und Spielfreude mit ihm teilt, ist auch Schlagzeuger-Legende Jojo Mayer zu Ohren gekommen, der selbst beinahe pausenlos in aller Welt unterwegs ist. Der Respekt ist gegenseitig. Julian Sartorius erzählt: «Ich war etwa 17 Jahre alt, als ich Jojo Mayer im kleinen Café Mokka in Thun erstmals live sah. Er hatte ge­rade angefangen, diese Drum’n’Bass-Beats zu spielen. Das war ein unglaubliches Erlebnis. Und es motivierte mich extrem.»

Sein erstes Mal absichtlich auf eine Trommel gehauen hat der Berner als Zweijähriger, «jemand schenkte mir eine Basler-Läckerli-Trommel, und darauf spielte ich dann immerzu. Mit fünf durfte ich schliesslich Unterricht nehmen.»

Dass ausgerechnet eine Guetsliverpackung in Form einer Basler Trommel am Anfang eines Drummer-Werdegangs steht, hat fast schon etwas Märchenhaftes. Denn viele sehen im Einfluss der Basler Tambouren den Grund dafür, weshalb sich in der Schweiz so viele Talente emportrommeln. So oder so hält Sartorius die Schweiz für einen guten Nährboden für Schlagzeuger: «Es gibt hier fantastische Lehrer, die an Jazzschulen ihr Können weitergeben – zu meiner Zeit waren es Pierre Favre, Norbert Pfammater und Fabian Kuratli in Luzern und Billy Brooks in der Jazzschule Bern.»

Ausschnitt 1 und Ausschnitt 2 aus der Beat Diary
Youtube-Porträtfilm über den Drummer

Musikalische Vorbilder und grosse Auftritte

Von Billy Brooks schwärmt auch der bereits 2003 nach Berlin ausgewanderte Berner Schlagzeugprofi SAMUEL ROHRER, der selbst bei ihm Student war. Brooks sagte mir damals: «Spiel, so viel du kannst, sodass du die Miete bezahlen und in Ruhe üben kannst – alles andere ist unwichtig.»

Rohrer merkt an, heute gehe es in seiner Arbeit nicht mehr so sehr um Quantität, vielmehr um das Erarbeiten der eigenen Musik, aber der Amerikaner habe seit den 70er-Jahren ihn und viele junge Schlagzeuger hierzulande geprägt. Er vermutet, dass diese jetzt «wiederum ihr erlerntes Können, diese erlebte ungestüme Energie und Radikalität, direkt an ihre Schüler weitergeben. Ich bin mir sicher, dass Brooks sehr viel zur ausgeprägten Schlagzeugkultur in der Schweiz beigetragen hat».
Den 39-Jährigen führen seine Auftritte regelmässig in andere europäische Länder und in die USA. Dort spielte er kürzlich unter anderem mit der amerikanischen Performance-Künstlerin und Musikerin Laurie Anderson zusammen.

2012 gründete Samuel Rohrer mit «arjunamusic records» ein eigenes Plattenlabel, das auch Plattform für elektronische und improvisierte Musik ist. «Das macht mich unabhängig und hilft mir, meine eigene Musik immer klarer zu definieren.» Wie Jojo Mayer ist Rohrer mit Eltern aufgewachsen, die zu Hause ständig Jazzmusik hörten und ihn an Konzerte mitnahmen.

Und wie Mayer bewegt sich Rohrer musikalisch in einer Nische, in der man sich vielleicht nur dann so richtig zu Hause fühlen kann, wenn man als Kind schon in diese Klänge hineingewachsen ist. Samuel Rohrer hat am renommierten Berklee College of Music in Boston studiert. Die Musikjournalisten überschlagen sich in kreativen Wortschöpfungen, wenn sie ihn beschreiben. So wurde er schon als «Groove-Poet», «Energie-Zerstäuber», «undogmatischer Nonkonformist» und «fein ziselierender Perkussionist» bezeichnet. An Jojo Mayer beeindruckt Rohrer nebst dem ungestümen Schlagzeugspiel vor allem auch dessen Kompromisslosigkeit. Nicht unbedingt eine gutschweizerische Eigenschaft.

Doch nicht alle schweizerischen Tugenden sprechen gegen eine Karriere als Drummer. So ortet Rohrer in einer «gewissen Erdung», die die Schweizer auszeichne, eine Grundvoraussetzung dafür, ein guter Schlagzeuger zu werden. In seinen Worten: «Ich empfinde das Schlagzeug im Allgemeinen als ein sehr geerdetes Instrument, das durch genügend Bodenhaftung die Musik dazu bringen kann, abzuheben. Vielleicht führt diese hier verbreitete Erdung zu dem gewissen Etwas, das die Musik am Ende ausmacht. Aber mit wenigen Ausnahmen wie Jojo Mayer stechen wir Schweizer Schlagzeuger international gesehen nicht übermässig heraus. Die Deutschen, die Franzosen, die Skandinavier – sie alle haben auch sehr viele gute und gefragte Schlagzeuger.»

Berlin-Konzertmitschnitt von AMBIQ (mit Samuel Rohrer) und Special Guest Ricardo Villalobos

AMBIQ mit Samuel Rohrer (nicht im Bild) spielen Introspective Kitchen

Eine musikalische Revolution herbeiführen

Der Jüngste der drei, FABIAN EGGER (25) aus Rüthi im Rheintal, findet sogar, dass die Bedingungen in der Schweiz nicht ideal seien, um ein guter Schlagzeuger zu werden. Er sagt: «Die Bildungsinstitutionen für Musik sind total überaltert. Es braucht dort eine junge, berufserfahrene Gruppe von Leuten, die das Zepter in die Hand nimmt und wortwörtlich eine musikalische Revo­lution herbeiführt.» Das wird er mit dem Profi-Gitarristen Slädu – beide arbeiten mit dem einstigen DSDS-­Gewinner Luca Hänni zusammen – vielleicht gleich selbst an die Hand nehmen, wie er sagt.

Das überaus gesunde Selbstbewusstsein, das er auch als Grundvoraussetzung sieht, um ein guter Schlagzeuger zu werden, hat Fabian Egger bis nach Los Angeles geführt. Dort spielt er mit kommerziell erfolgreichen Künstlern wie Big Sean, Zedd und aktuell mit der Sängerin Grace aus Australien sowie mit Zara Larsson aus Schweden zusammen. Nicht selten tritt er in Fernsehstudios oder grösseren Hallen auf, irgendwo in den USA oder in England. Im Vergleich zu den Musikern, die er dort kennenlernt, hält er sich und andere Schweizer allgemein für ziemlich bodenständig, «was uns wohl den einen und anderen Punkt einbringt».

Was Fabian Egger gar nicht gern hört, sind Aussagen wie «du hast einfach Glück gehabt!». Er sagt: «Wer mir nahesteht, weiss, dass der Weg auch beschwerlich war. Wenn ich zurückschaue, fühlt es sich an, als sei ich mit Sack und Pack zu Fuss von der Schweiz nach L.A. gewandert.»

Die Bereitschaft, hart zu arbeiten, zeichnet die Drummer aus, unabhängig von den musikalischen Sparten, in denen sie sich bewegen. Was Julian Sartorius, Samuel Rohrer, Fabian Egger und Jojo Mayer zudem verbindet, ist die Bedeutung, die sie Neugier und Offenheit beimessen.

Jojo Mayer sagt: «Mut, Neugierde und Empathie sind die grundsätzlichen Werte, die es braucht, um interessante Musik zu machen.» Und Samuel Rohrer drückt es so aus: «Es gibt keine bestimmte Regel, um ein guter Schlagzeuger zu werden. Voraussetzung sind aber gute Ohren und absolute Hingabe, die Liebe zur Musik, Offenheit und immer wieder endlose Neugier.»

Fabian Egger in einer «Grace»-Aufnahme im iheartRadio Theater von L.A.


Autor: Esther Banz

Fotograf: Jan von Holleben