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09. Januar 2017

Meine Zahnzwischenräume

Doch Zahnseide?
Doch Zahnseide? Oh Schreck ... (Bild: Getty Images)

Glaube nie einer Studie, die du nicht selber gefälscht hast. So lautet eine weitverbreitete Meinung. Denn: Wer garantiert uns, dass die Daten auf seriöse Art erhoben wurden? Dass die Teilnehmenden nicht manipuliert, ja gar geschmiert wurden? Spätestens seit August 2016 wissen wir: niemand. In diesem Monat hat man nämlich herausgefunden, dass die Resultate sehr vieler Studien zum Thema Zahnseide unzuverlässig waren. Der Zahnseideflop war in allen Zeitungen zu lesen und sorgte gehörig für Furore.

Anne-Sophie Keller
Anne-Sophie Keller (27)

30 Jahre lang haben uns Zahnärzte eingetrichtert, im Kampf gegen Plaque und Karies helfe bloss das tägliche «Fädele». Die Studien dazu wurden jedoch lediglich über zwei Wochen, mit nur wenigen Teilnehmern oder nach einmaliger Zahnseidebenutzung durchgeführt. Oder sie wurden von den Zahnseideherstellern selbst in Auftrag gegeben und bezahlt.

Wirklich interessiert hat mich diese Nachricht zunächst nicht. Meine Zahnärztin ist nämlich eine Verfechterin von Zahnzwischenraumbürstchen. Diese sollen viel effektiver sein, predigt sie mir seit Jahren. Folglich gehöre ich nicht zu den Zahnseideidioten, die sich über Jahrzehnte veräppeln liessen.

Unlängst musste ich zur Jahreskontrolle. Da riet mir meine Zahnärztin doch mit Nachdruck zu Zahnseide. Ich verliess die Praxis mit Misstrauen, vielen offenen Fragen und einem nigelnagelneuen Päckchen Zahnseide.

Was ich daraus gelernt habe? Kapitalismus, Lobbyismus und Korruption machen auch vor meinen Zahnzwischenräumen nicht halt. 

Autor: Anne-Sophie Keller