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05. September 2016

Meine Wäsche gehört mir

Dreckige Wäsche
Dreckige Wäsche: Nicht nur etwas, das erledigt werden muss?

«Keine Lust zu waschen?», fragt mich ein Werbeplakat im Tram. «Holt, wäscht und bringt deine Wäsche innerhalb von zwei Tagen», lautet das Versprechen eines Waschservices. Kostenpunkt: 26 Franken pro Wäschesack, zuzüglich Bügelkosten. «Unserer Meinung nach ist das Leben zu kurz, um es mit Dingen zu verbringen, die wenig Spass machen», steht im Kleingedruckten. Waschen sei ein notwendiges Übel. «Geniesse deine Zeit in sauberer Kleidung – verschwende sie nicht mit schmutziger Wäsche.»

Bänz Friedli (51)
Bänz Friedli (51)

Das ist sauber getextet. Aber blanker Unsinn. Mir jedenfalls machen die notwendigen Alltäglichkeiten Spass, sie gehören zum Leben. Tippe ich nun diese Kolumne in den Laptop, hat dies für mich keinen grösseren Wert als das Schrubben der WC-Schüssel mittels Mikrofaserhandschuh. Was ich sogar … Moment! Bin gleich wieder da … während des Schreibens tue. (Keine Bange: Ich habe die Hände danach gewaschen.)
Die Tätigkeiten bedingen einander, sie sind Teil eines grossen Ganzen. «Am kreativsten bin ich, wenn ich bügle», sagte der grosse Choreograf George Balanchine. Also delegierte er diese Arbeit nicht. Ihm wären sonst die besten Ideen für seine Ballette nicht eingefallen.

Der ausgelagerte Haushalt – offenbar ein neues Geschäftsmodell. Ich werde mit Saubermachangeboten zugemüllt. Am Freitag liegt in unserem mit «Bitte keine Werbung!» beschrifteten Briefkasten die Werbung einer Firma, die mir das Recyceln abnehmen will. Ich könnte alles in denselben Sack stecken, sie würden es abholen und gegen gutes Geld nach Karton, PET, Metall und Glas trennen. Schon tags darauf erneut ein Flugblatt: Ein «Butler-Service» verheisst, ich könne «mehr aus meinem Tag machen» und mir schlicht alles abnehmen lassen: Einkauf, Pflanzengiessen, Pakete-zur-Post-Bringen …

Gewiss bin ich froh, dass ein Waschtag nicht mehr so mühselig ist wie zu Grossmutters Zeiten. Und ja, ich putze die Fenster allzu selten. Dennoch befremdet mich die Idee, sich für die alltägliche «Büez» zu schade zu sein. Der Berufstätigkeit alles unterzuordnen und demnach die Hausarbeit geringzuschätzen, ist die Kankheit unserer Zeit. Mir würde etwas fehlen. Das Badezimmer polieren bedeutet Psychohygiene. Im Ernst! Das äussere Säubern reinigt auch innerlich. Der tägliche Gang zum Postschalter tut gut. Und warum sollte es vergeudete Zeit sein, einen Schwatz mit der Italienerin von der chemischen Reinigung zu halten?
Noch ehe man mir auch noch das Zähneputzen, Schlafen und Pinkeln abnehmen will, weil das «notwendige Übel» seien, sage ich: Nein, danke! Kein Bedarf.


Bänz Friedli live: 5. bis 9. September, St. Gallen, Kellerbühne


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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli