Archiv
13. Februar 2012

«Meine Fantasie ist silikon- und dopingfrei»

Catalin Dorian Florescu hat 2011 den renommierten Schweizer Buchpreis gewonnen. Der Zürcher Schriftsteller über seinen Aufenthalt in New York, sein Verhältnis zu Amerika und seine grenzenlose Fantasie.

Catalin Dorian Florescu zieht es für zwei Monate von Zürichs Westen in den Osten der USA.

Catalin Dorian Florescu, Sie werden öfters als Wunderkind bezeichnet. Schreiben aber gilt als Handwerk. Wo haben Sie es gelernt?

Nirgends. Es ist mein Naturell, üppig zu beschreiben, was in meiner Fantasie passiert. Darum hatten in der Vergangenheit manche Rezensenten Mühe mit mir. Weil sie gelernt haben, dass Literatur eine Wissenschaft ist und keine Seele hat. Die sezieren einen Text, und dadurch stirbt er. Meine Fantasie ist davon unbeeinflusst, also quasi silikon- und dopingfrei. Denn Kunst hat eine Seele, einen Atem — und so versuche ich auch zu schreiben.

Viele Menschen glauben, schreiben zu können. Wann merkten Sie, dass Sie es tatsächlich können?

Ich schreibe, seit ich 18 Jahre alt bin, wurde aber erst mit 32 mit meinem ersten Roman «Wunderzeit» entdeckt. Spätestens dann, durch das Lob, musste ich feststellen, dass das, was ich jahrelang gemacht hatte, offenbar Sinn ergab. Man muss seinem Talent folgen, diesem inneren Drang — aber auch ehrlich sich selber gegenüber sein. Es ist wie bei jeder Kunst, man muss sich fragen, ob es reicht für ein professionelles Niveau — oder ob man es als Hobby betreibt und seine Werke einmal im Jahr seinen Freunden zeigt, was auch wichtig und wunderbar sein kann.

Catalin Dorian Florescu hat 2011 den renommierten Schweizer Buchpreis gewonnen.
Catalin Dorian Florescu hat 2011 den renommierten Schweizer Buchpreis gewonnen.

Sie sind studierter Psychologe. Analysieren Sie Ihre Romanfiguren, wenn Sie sie kreieren?

Mehrheitlich nein. Man ist schlecht beraten, das zu tun. Der Text wird künstlich. Ein guter Text entwickelt sich während des Schreibens. Man muss immer wieder in ihn hineinhorchen. Ich folge ihm, und er folgt mir. Es ist wie Tango-Tanzen. Will man ihm eine psychologische Theorie verpassen, ist man blind für seine Möglichkeiten.

Haben Sie Geschichten und Charaktere von Anfang an detailliert im Kopf?

Das ist von Buch zu Buch unterschiedlich. In der Regel habe ich bedeutsame Szenen und einzelne Geschichten im Kopf. Aber noch keine stringente, logische Entwicklung. Beim Roman «Jacob beschliesst zu lieben» hatte ich nur die Vorstellung eines liebenswürdigen Jungen und eines tyrannischen, aber charmanten Vaters. Nach und nach, während meiner Recherchen vor Ort, kam der grosse geschichtliche Zusammenhang über die Emigrationswelle von West- nach Osteuropa nach dem Dreissigjährigen Krieg im 17. Jahrhundert dazu, bis zur kommunistischen Machtübernahme im letzten Jahrhundert.

Letzten November wurden Sie mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. Spüren Sie nun den Druck, sich mit dem nächsten Werk keinen Flop erlauben zu dürfen?

Einen Druck nicht, aber ein Bewusstsein, dass es besser wäre, wenn das neue Buch gelingt. Ich war vor dem Preis kein Unbekannter und hatte nie diese Blockade, wie sie bei manchen Schriftstellern auftritt. Ich blieb immer im Fluss, folgte meinen Themen und Bildern und war nie gross von Selbstzweifeln geplagt. Wichtig ist, darauf zu vertrauen, dass man den richtigen Moment erwischt, um mit Recherchieren aufzuhören und mit Schreiben anzufangen.

Für Ihr nächstes Buch recherchieren Sie zwei Monate in New York. Wovon wird es handeln?

Ich bin vorsichtig mit Auskunft geben, denn ich bin nicht sicher, ob tatsächlich etwas daraus wird. Diese Geschichte beschäftigt mich zwar seit fünf Jahren, aber ich stehe noch absolut am Anfang. Es kann sein, dass ich ein weiteres Jahr recherchiere, es kann aber auch sein, dass ich im August die Maschinerie anlasse — und dann geht es relativ schnell.

Sie scheinen aber eine sehr konkrete Vorstellung der Story zu haben.

Als ich vor fünf Jahren für den Roman «Zaira» in Washington D.C. recherchierte, traf ich den möglichen Protagonisten. Er kam auf mich zu in der grössten Bibliothek der Welt, der Library of Congress. In einem Saal schaute ich mir eine Ausstellung über Bob Hope an, einen der grössten Entertainer der amerikanischen Unterhaltungsindustrie. Dort traf ich diese sehr exzentrische Figur namens Sony. Er ist irischer Abstammung, hat blaue Augen und trug einen Seemannshut auf dem Kopf. Er ist jovial, die Welt erobernd mit seinem Lachen und seinen Augen. Er erzählte mir, er kenne Bob Hope. Ich merkte schnell, dass er ein grosses amerikanisches Kind ist. Er glaubt an das Gute und dass er sein Leben in etwas Gutes verwandeln kann.

«Es kann sein, dass ich im August die Maschinerie anlasse - dann geht es schnell.»

Er lebt den amerikanischen Traum?

Er verkörpert das Gegenteil des europäischen Prinzips, bei dem man auch mal jammert und sich in Frage stellt. Andererseits verdrängt Sony viel, redet vieles schön. Er lebt nach dem Credo, wonach alles möglich ist, man muss es nur wollen. Er imitiert in Kellertheatern grosse, legendäre Komiker und verweigert sich seit Jahrzehnten der Einsicht, dass er selber ein kleiner Entertainer geblieben ist. Einer, der es nicht nach oben geschafft hat. Sony gefiel mir als Person und als Charakter. In einer Welt, die so rational und abgebrüht ist, ist er auf seine Art unverbraucht. Er steht für ein Amerika, das an Visionen glaubt.

Ihre Protagonisten stammten bisher immer aus Osteuropa.

Zuerst wollte ich Sonys Geschichte mit der Tragödie um Nine Eleven konfrontieren, nach der man sich fragen musste, wie man noch lachen kann und Visionen haben für die Zukunft. Inzwischen will ich etwas anderes schreiben. Ich lernte einen der drei Offiziere kennen, die 1989 den rumänischen Diktator Ceausescu erschossen hatten. Seine Geschichte möchte ich mit jener des Amerikaners Sony verbinden: den Sturz der Diktatur dem Einsturz der Twin Towers gegenüberstellen. Bei beidem geht es um Gewaltakte: hier die Erschiessung eines Menschen im Namen irgendeiner Freiheit und da der Massenmord im Namen irgendeiner Gerechtigkeit. Ich will mich keiner Ideologie verschreiben, und ich will nicht, dass die Handlung nur in New York spielt. Im Mai fahre ich darum für mehrere Wochen ins Donaudelta, das zwischen Rumänien und der Ukraine liegt.

Zunächst aber verbringen Sie zwei Monate in New York. Was tun Sie dort den ganzen Tag?

Ich werde mir die einzelnen Viertel ansehen. Jedes zwei, drei Tage lang. Dafür habe ich mir extra eine neue, warme Jacke gekauft. Ich möchte möglichst viel zu Fuss erkunden, so weit es halt geht. Mal schauen, wie alles funktioniert. Ich werde auch den Ground Zero besuchen und versuchen, Nine Eleven besser zu verstehen. Darum spreche ich mit Zeugen, mit New Yorkern, die es erlebt haben.

Was für ein Verhältnis haben Sie zu Amerika und zu den Amerikanern?

Ein gespaltenes! Sie perfektionierten den Kapitalismus zu einer Maschinerie, die Individualität tötet, auch wenn sie das Gegenteil vorgibt. Das kritisiere ich. Sie schufen die Illusion der absoluten Freiheit, in der jeder werden kann, was er will, wenn er es nur wirklich will. Um das zu erreichen, muss sich jeder bereithalten und jederzeit bereit sein, alles zu tun. Ja, aber das geht nicht. Sonst fällst du irgendwann tot um, hast einen Herzinfarkt. Und irgendwann hast du es halt eben nicht geschafft. Weil sie es schaffen wollen, leben New Yorker atemlos. Sie sind bekannt dafür, dass sie nie Zeit haben und Freundschaften für eine Art oberflächliches Networking halten. Also ich bin höchst skeptisch gegenüber dieser Stadt. In meinem Buch aber will ich ein New York zeigen, dass nicht diesem Klischee entspricht: eines von unten. Das New York eines Menschen, der es eben nicht geschafft hat.

Jedem, der es schafft, stehen zwangsläufig Hunderte gegenüber, die es nicht schaffen.

Die wenigsten schaffen es. Dafür entstehen dann um die wenigen, die es geschafft haben, jene Mythen, welche die Masse antreiben. Das ist sozusagen der Trick des Systems, die Karotte vor der Nase des Esels. Damit begründen wir auch den entfesselten Kapitalismus, den wir ein Stück weit auch bei uns in der Schweiz haben: Mach etwas aus dir! Streng dich an! Wenn du das Ziel nicht erreichst, liegt es nicht am System, sondern an dir!

Wie kann man sich dagegen wehren?

Wir können gegen uns selbst keine Massenrevolution starten. Wir sind ja selber schuld, wenn wir es nicht erreichen. Aber man kann sich wehren, indem man sich selbst treu bleibt, authentisch. Andererseits liebe ich Amerika dafür, dass Hundertausende seiner Söhne in zwei Weltkriegen für Europa gestorben sind. Auch in Ex-Jugoslawien mussten die Amerikaner eingreifen, weil die Europäer nicht dazu fähig waren. Das wiederum entspricht dem Geist des New Yorkers Sony: Go for it! Mach es! Pack es an! Amerika hat auch wunderbar positive Seiten, man denke nur an Jazzmusik, Hollywood-Filme, Landschaften — ich möchte dieses Land nicht missen. Aber ich bin skeptisch gegenüber einigen seiner Leistungen, deren Folgen wir spüren. Die globale Krise entstand in den USA — und wir alle leiden an dieser Gier.

Autor: Ruth Brüderlin