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14. September 2015

Meine, deine, ihre Schweiz

Wahlplakat
Bänz Friedli sieht jedes Wahlplakat.

Manchmal muss man zwei Mal hinschauen. Ist das auch ein Wahlplakat? Eine Ständerätin aus dem Aargau prangt unter der Losung «Meine Schweiz» an jeder zweiten Wand … Aber sie tut es auftrags einer bunten Illustrierten. Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, all die Aushänge im Wahlherbst zu ignorieren. Früher ging das recht gut. Aber seit ich eine Brille habe, sehe ich die Phrasen schärfer, als mir lieb ist. «Frei sein!» wollen sie und «unabhängig» und «sozial», «für Frauenpower» legen sie sich ins Zeug, «für weniger Regulierungen» und für … «meine Schweiz».

Bänz Friedli (50)
Bänz Friedli (50) sieht jedes Wahlplakat.

Falsch, nein, das ist ja eben die Reklame der Illustrierten. Die wirbt im Weltformat mit traumhaften Natursujets: ein alt Bundesrat in hehrer Bergwelt; ein Weltcupstar an einem stillen See; ein Schlagerschätzchen samt Hund auf freiem Feld; und, eben, eine Ständerätin im weiten Tal. Rundherum stets nur Grün und Natur und blauer Himmel. Hier wird ein Land suggeriert, das es nicht gibt. Die Wahrheit wäre eine zersiedelte Landschaft, eine Agglo, die sich als breites Band von Genf bis Rorschach zieht und in der die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung wohnt.
Dass «Meine Schweiz» mit besagter Ständerätin nun mitten unter den Politikerfloskeln hängt, belustigt mich. Denn im Grunde ist dies sogar ideale Wahlwerbung: eine Botschaft, die niemandem wehtut; ein Bild des Landes, viel zu schön, um wahr zu sein. Denn das ist ja das Ärgerliche an der Politik: dass sie alles viel einfacher darstellt, als es in Wahrheit ist. Wollen wir wirklich nur «frei sein!» und «unabhängig!», während alle anderen europäischen Länder sich gemeinsam daran machen, Flüchtlinge aufzunehmen, wie die Not und die Menschlichkeit es gebieten?

Gelingt es Ihnen auch immer schlechter, jene schlimmen Bilder von Ihrem beschützten Alltag fernzuhalten? Wir planen Herbstferien, am Strand vielleicht gar (und wir haben sie ja auch verdient!) – da kommt uns das Bild des toten Jungen in die Quere, der in Bodrum in der Brandung liegt, und wir schämen uns leise für unseren Luxus. Wir haben genug zu essen – und können je länger, desto weniger verdrängen, dass es anderen, unverschuldet, mies geht; dass unser Wohlstand auch auf deren Elend gründet.
Ein Dilemma, das der grosse Mani Matter vor Jahrzehnten schon so trefflich auf die Formel brachte: «Dene, wos guet geit, giengs besser, giengs dene besser, wos weniger guet geit – was aber nid geit, ohni dass ’s dene weniger guet geit, wos guet geit.» Man möchte ja helfen, aber … Würden Sie eine syrische Familie bei sich zu Hause aufnehmen? Oder doch lieber bei der Schwiegermutter einquartieren? (Die hat schliesslich Platz.) Oder sähen Sie die Flüchtlinge am liebsten in der Zivilschutzanlage im Bühl draussen? Dort stören die niemanden …

Ist das wirklich nur meine Schweiz? Die meisten Volksvertreterinnen und -vertreter sind noch immer plakativ: Die einen sind etwas gar arglos, die anderen wollen unsere Grenzen noch dichter machen. Weil ein Wahlherbst nicht die Zeit für Zwischentöne ist. Aber leider ist das alles komplizierter, als sie uns vormachen. Verdammt viel komplizierter.

Bänz Friedli live: 16. 9. Dübendorf ZH, 18. 9. Engelburg SG, 19. 9. Pfäffikon ZH, 21. 9. Luzern.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli