Archiv
07. Mai 2012

Mein Zuhause ist mein Büro

Am 10. Mai ist Home Office Day. Ziel der Initianten ist es, zu zeigen, dass sich die Arbeit von zu Hause aus lohnt. Das Migros-Magazin stellt drei regelmässige Heimwerker vor.

Marc Weder in seinem idyllischen Home Office im Prättigau. Die Söhne Andri (vorne) 
und Tias wissen von klein auf, dass sie den Papi nur stören dürfen, wenn er es erlaubt.


Wer seine Arbeit auch daheim erledigen kann, ist zufriedener und arbeitet erst noch effizienter. Arbeiten auch Sie zu Hause? Schicken Sie uns ein Bild und erfahren Sie, worauf man beim Einrichten des Home Office achten sollte.

Die Büroarbeitsplätze der Angestellten unterscheiden sich in den meisten Firmen stark, selbst wenn die Grundausstattung mit einem Computer, etwas Ablagefläche, einem Korpus, einigen Ordnern und Unterlagen identisch ist. Noch viel mehr gilt dies für daheim eingerichtete Arbeitsorte: Die einen mögen es nüchtern, bei anderen dominieren Fotos von Kindern, Partnern oder Reisen. Und dann gibts noch jene, bei denen privates und geschäftliches Material in purem Chaos koexistiert.
ICH ARBEITE DAHEIM: Sind Sie mindestens einen Tag pro Woche zu Hause erwerbstätig? Sieht Ihr Home Office chaotisch aus, oder ist es stets aufgeräumt? Wird es von Hobbys, Ferien- oder Familienbildern dominiert oder sieht sonst unverwechselbar aus?
Senden Sie uns ein Bild Ihres Büros mit Ihrem Namen und Wohnort.

«HIER ARBEITE ICH ZU HAUSE»: Die eingesandten Heimbüro-Bilder im Überblick.

WAS DIE KONZENTRATION FÖRDERT: Die sechs Tipps mit Detailinfos für Home-Office-Anfänger und die vier unterschiedlichen Büro-Typen.

DIE PORTRÄTS
Klar, ein Strassenbauarbeiter oder ein Flight Attendant können nicht zu Hause arbeiten. Viele andere schon. Darauf macht der nationale Home Office Day am 10. Mai aufmerksam. An diesem Tag sollen Angestellte wenn immer möglich ihre Arbeit von zu Hause aus erledigen. Mehr noch: Die Initianten plädieren für regelmässige «Heimarbeitstage» und schätzen, dass dies für elf Prozent der Beschäftigten durchaus machbar wäre. Eine ungewohnte Lösung. Doch sie bringt Vorteile, für alle Seiten. Darüber sind sich Firmen, die den Anlass unterstützen, einig: Die Angestellten verbringen mehr Zeit bei der Familie und können sich besser konzentrieren, weil sie weniger Stress und Lärm haben. Die Arbeitgeber haben zufriedenere Mitarbeiter, weniger krankheits-bedingte Abwesenheiten und schlankere Infrastrukturen. Sogar Gesellschaft und Umwelt profitieren, weil sich Pendlerverkehr und CO2-Belastung reduzieren.

Marc Weder, Microsoft:

Finger auf den Mund heisst: nicht stören!

Keiner kann kontrollieren, ob einer, der am Schreibtisch sitzt, tatsächlich arbeitet oder im Hinterkopf die grossen Ferien plant. Marc Weder (39) hat seine besten Ideen oft unter der Dusche. Oder auf dem Velo. Seine Geistesblitze hält er auf dem Handy fest und verarbeitet sie später auf seinem Laptop. Der steht am Firmensitz in Wallisellen, am Küchentisch zu Hause in Nänikon ZH oder aber — wenn die Umsetzung einer Idee besonders viel Konzentration und Zeit erfordert — abseits jeglicher Zivilisation im Prättigau. «Meistens sind Montag und Freitag für mich Home-Office-Tage», sagt Weder. Montags treibt er über Mittag ausgiebig Sport, und da ist es sinnvoll, am Nachmittag gleich zu Hause weiterzuarbeiten. Das erspart den Arbeitsweg. Der Familienvater ist Geschäftsbereichsleiter Produktivitätslösungen beim Softwaregiganten Microsoft und verantwortlich für das Marketing von Kommunikationsprodukten wie Office oder Exchange. «Die Zeit, die andere mit Pendeln verplempern, bin ich produktiv», sagt er. Freitags werden in seiner Abteilung meist Pendenzen erledigt. «Das kann ich auch zu Hause, und sollte doch eine kurze Sitzung nötig sein, schalten wir uns per Videokonferenz zu. Das geht sogar vom Maiensäss aus.»

Seit fünf Jahren arbeitet Weder regelmässig dezentral und schätzt die Vorteile: «Man hat mehr Ruhe, kann sein kreatives Potenzial besser ausschöpfen und erst noch mit der Familie zu Mittag essen. Das ist genial, denn ich möchte mehr sein als nur der Wochenendpapi.» Mehr Zeit als ein hastiger Lunch in der Kantine kostet das nicht, ist aber gesünder und erlaubt ihm, viel vom ganz normalen Alltag seiner Kinder mitzubekommen.

Seinen beiden Söhnen Andri (7) und Tias (5) erklärte er von klein an, dass sie den Papi nicht stören dürfen. Nur dann könne er bei ihnen zu Hause sein. «Das haben sie verstanden. Manchmal öffnen sie die Tür ein Spältchen, schauen rein, und dann gebe ich entsprechende Zeichen: Finger auf den Mund heisst: nicht stören! Wenn ich sie reinwinke, dürfen sie mir schnell etwas zeigen oder erzählen.»

Bei seinem Arbeitgeber musste Weder keine Überzeugungsarbeit leisten. Microsoft ist Initiantin des nationalen Home Office Day und setzt seit Jahren auf Vertrauen statt Kontrolle. Das Ergebnis muss stimmen. Auch bei Marc Weders fünf Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. «Die müssen viel arbeiten und viel liefern. Also sollen sie an dem Ort arbeiten, wo sie am produktivsten sind.» Ob das am frühen Morgen im Büro oder abends nach dem Krimi am Küchentisch ist, spielt dabei keine Rolle. Die Kehrseite der Medaille: Man muss sich abgrenzen, gegenüber Familie und Freunden, wenn man arbeiten will, und gegenüber Störungen vom Geschäftshandy, wenn Zeit für die Familie auf dem Programm steht. «Aber das», sagt Marc Weder, «das kann man lernen.»

Nathalie Maibach, Swisscom:

Wenn es viel zu tun gibt, ist Anziehen nicht relevant

Am Mittwoch kann es schon mal vorkommen, dass Nathalie Maibach (41) im Pyjama an der Konferenz teilnimmt. Die Kollegen nehmen daran keinen Anstoss. Sie sind nur per Telefon zugeschaltet. «Vor allem wenn es viel zu tun gibt, ist Anziehen nicht relevant.»

Seit 13 Jahren arbeitet die Bernerin als Kommunikationsmanagerin im Bereich Privatkunden für den grössten Schweizer Telekommunikationsanbieter. Auf gut Deutsch: Sie und ihr Team produzieren TV-Spots, Inserate und Broschüren. Seit 2004 tut Maibach das regelmässig von zu Hause aus. «Damals trennte ich mich von meinem Partner, und die Kinder waren noch zu klein, um an fünf Tagen pro Woche fremdbetreut zu werden.» Heute haben sich der neunjährige Sohn Tate und die zwölfjährige Tochter Luna daran gewöhnt, dass Mami zwar zu Hause ist, aber auch im Hochsommer frühestens ab vier Uhr für ein Stündchen mit ins Schwimmbad kommt. «Ich kann nicht garantieren, dass ich von morgens acht Uhr bis fünf Uhr nachmittags arbeite», sagt sie. «Es gibt tagsüber grössere Pausen, etwa wenn die Kinder zum Mittagessen heimkommen.» Dafür setzt sie sich um sieben Uhr vom Zmorgetisch direkt an den Schreibtisch und legt los. Und wenn es sein muss, nach dem Abendessen nochmals. «Diese Flexibilität ist das Schöne an der Arbeit zu Hause.»

Werbeprofi Nathalie Maibach ist Spezialistin für Multitasking: Sie arbeitet am Stubentisch und überwacht gleichzeitig die Hausaufgaben von Tochter Luna und Sohn Tate (links). Trotzdem kann sie sich dort besser auf Texte konzentrieren als an ihrem normalen Arbeitsplatz (rechts).
Werbeprofi Nathalie Maibach ist Spezialistin für Multitasking: Sie arbeitet am Stubentisch und überwacht gleichzeitig die Hausaufgaben von Tochter Luna und Sohn Tate.
Trotzdem kann sie sich dort besser auf Texte konzentrieren als an ihrem normalen Arbeitsplatz (im Bild).
Trotzdem kann sie sich dort besser auf Texte konzentrieren als an ihrem normalen Arbeitsplatz (im Bild).

Von den rund 16'000 Swisscom-Mitarbeitern hat die grosse Mehrheit die Möglichkeit, einen Teil des Arbeitspensums zu Hause — oder wo immer sie wollen — zu erledigen. Das benötigte Material ist minim und wird zur Verfügung gestellt: Laptop, Handy, Internetanschluss. Heimarbeit folgt oft einem anderen Rhythmus, ist aber nicht weniger effizient, stellte Swisscom fest. Im Gegenteil. Viele Störfaktoren fallen weg. «Interessanterweise klingelt mein Handy sehr viel seltener, wenn ich zu Hause arbeite, als wenn ich im Büro bin», sagt Nathalie Maibach. Sie weiss auch, wieso: «Ich erledige mehr per Mail. Im Büro greife ich selber viel öfter zum Telefon.»

Besonders wenn sie Texte oder Konzepte schreiben muss, schätzt sie die ruhige Atmosphäre. Sie arbeitet auch zu Hause, wenn sie oder eines der Kinder mal krank ist. «Ich kann eh nicht still liegen und gehöre zur Gattung Mensch mit Ameisen zwischen den Pobacken», sagt sie und lacht schallend. «Als Alleinerziehende bin ich es sowieso gewohnt, mit zehn Armen zwanzig Dinge gleichzeitig zu erledigen. Das ist alles kein Problem.» Mittlerweile seien wir in einer Welt angekommen, in der man sich physisch gar nicht mehr bewegen müsste, sagt sie. Ist Heimarbeit also das Modell der Zukunft? «Bhüet mi Gott dervo! Das hoffe ich nicht, sonst verkümmern wir alle», sagt Nathalie Maibach. «Wenn es so weit kommt, haben wir gar kein Herz und gar keine sozialen Kontakte mehr. Das wäre nicht gut.» Ein Tag sei grandios, fünf Tage wären eine Katastrophe. Sie braucht das Team, den direkten Kontakt und den Austausch: «Ich bin auch nur so gut, wie ich bin, dank meiner Kollegen und des Teams. Alleine würde ich das nicht hinbekommen.» Nebst dem sozialen Kontakt torpediert die Arbeit zu Hause noch etwas: die Fitness. Normalerweise radelt Nathalie Maibach zwanzig Minuten mit dem Velo zum Arbeitsort. Ausser es regnet. Dann nimmt sie sowieso den Bus.

Ruedi Hilber, Generali Versicherungen:

Ich habe mir fixe Bürozeiten verordnet.

Es liegt in der Natur der Sache, dass ein Schadeninspektor oft unterwegs ist. Ruedi Hilber (49) bearbeitet Auto- und Töffunfälle, bei denen Menschen zu Schaden kamen — oft haben die Opfer ein Schleudertrauma davongetragen. Hilber spricht mit den Verletzten, trifft sich mit Anwälten und Vertretern von Sozialversicherungen wie Suva oder IV. «Da spielt es keine Rolle, ob ich den administrativen Teil in meinem Home Office erledige oder am Schreibtisch in einer unserer Agenturen.»

In seiner Maisonettewohnung in Wil SG hat er gleich einen ganzen Raum professionell ausgerüstet. Auf Kosten seines Arbeitgebers, der Versicherungsgesellschaft Generali. Seit drei Jahren dient dieses Heimbüro Ruedi Hilber an vier Tagen pro Woche als Basis. Statt täglich zu pendeln, sitzt er schon um halb acht am Schreibtisch. Dienstschluss ist gegen sechs Uhr. «Diese fixen Bürozeiten habe ich mir selber verordnet», sagt Hilber. «So wissen alle, wann ich telefonisch erreichbar bin, und ich weiss, wann Feierabend ist.» Man müsse klare Grenzen ziehen und Disziplin sei in jeder Hinsicht Voraussetzung: «Bei schönem Wetter geht man also nicht einfach joggen oder mäht schnell den Rasen.» Dafür kann er mit seiner Lebenspartnerin gemeinsam in der heimischen Küche zu Mittag essen. Zweimal pro Woche setzt sich auch sein 17-jähriger Sohn dazu, der nicht im Haushalt lebt. Ein schöner Ausgleich, denn Heimarbeiter kommen bei den sozialen Kontakten zu kurz.

Schadeninspektor Ruedi Hilber hat in seinem Zuhause in Wil SG gleich einen ganzen Raum als Büro zur Verfügung. Selbst für die zehnjährige Cocker-Spaniel-Hündin Aisha findet sich genug Platz.
Schadeninspektor Ruedi Hilber hat in seinem Zuhause in Wil SG gleich einen ganzen Raum als Büro zur Verfügung. Selbst für die zehnjährige Cocker-Spaniel-Hündin Aisha findet sich genug Platz.
Im Gegensatz zur Miniarbeitsecke am Firmensitz in Adliswil ZH.
Im Gegensatz zur Miniarbeitsecke am Firmensitz in Adliswil ZH.

Den persönlichen Austausch mit Arbeitskollegen holt Hilber dienstags nach. Dann arbeitet er am Firmenstandort in Adliswil ZH. «Ich habe dort ein Pult, das in meiner Abwesenheit als Sortier- und Ablageplatz genutzt wird oder als Arbeitsplatz für Aushilfen.» Drei Angestellte sowie ein Praktikant arbeiten permanent in dem kleinen Büro. Kein Problem, denn wenn es jemandem zu eng wird, kann er sich selbst tageweise auslagern.

Hilber findet dafür nur lobende Worte: «Zu Hause kann ich mich viel besser konzentrieren als in einem Büro voller Menschen, die ebenfalls telefonieren oder diskutieren.» Er schätzt das grosse Vertrauen, das ihm sein Arbeitgeber entgegenbringt. Denn niemand kontrolliert, ob er nicht doch auf dem Hometrainer sitzt. «Das käme früher oder später sowieso aus», sagt Ruedi Hilber, «weil dann die Dossiers liegen blieben.»

Autor: Ruth Brüderlin

Fotograf: Ueli Christoffel