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09. September 2013

Mein Schlampentag

Man ist als Hausmann im Grunde ein geborenes Waschweib. Laut Duden ist dies ein «geschwätziger, klatschsüchtiger Mensch», in seinem Ursprung aber gewiss nichts Schlechtes: Am Dorfbrunnen, im Waschhaus, am Bach trafen sich die Frauen — Hausmänner gabs noch keine — zur Wäsche, tauschten sich über Neues aus, und bestimmt war auch manch Nichtigkeit darunter, manch Boshaftigkeit. Nur war das Geschwätz, kaum gesagt, ja schon hinuntergespült, deshalb stelle ich mir das Ritual als etwas Reinigendes vor. Und ich mag sie auch heute noch, die Plauderei zwischen Migros-Kasse und Veloständer, den Schwatz mit einer Nachbarin in der Waschküche, seis nur, um zu hören, dass ihr Sohn vom Start ins neue Quartal genauso geschafft ist wie meiner. «Und hast du gewusst, Maria, dass …?» Kein Zweifel, ich bin ein Wöschwiib.

Schade bloss, dass sich ein Gewäsch, das früher von einer zur anderen, vielleicht zu einer dritten ging, heute sekundenschnell im Land verbreitet, um den Erdball gar. Denn eine aufgeblasene Nichtigkeit ist noch immer eine Nichtigkeit. Herr Schawinski trägt jetzt Bart? Rihanna hat ein neues Tattoo an der Füdlibacke? Ex-Miss Soundso verlegt ihren Wohnsitz mal wieder (und zwar wieder mal endgültig und, wie gehabt, «ihrem Sohn zuliebe») von New York zurück in die Schweiz? Oder umgekehrt? Egal. Wir wollen es nicht wissen. Nein und nochmals nein, wir wollen nicht wissen, welche Affären die Ex-Frau des Starfussballers (die einzig dafür bekannt ist, dass sie die Ex-Frau des Starfussballers ist) laut ihrer ehedem besten Freundin gehabt hat, als sie, die Ex-Frau, noch mit dem Starfussballer zusammen war. Und dass selbige ehemals beste Freundin inzwischen selber mit besagtem Fussballer … Nein. Wir! wollen!! es!!! nicht!!!! wissen!!!!! Noch ein Wort zu Sylvie van der Vaart, und ich drehe durch.

Hei mers wöue wüsse?

Arme Jugend, die täglich eine Flut solchen Gewäschs über sich ergehen lassen muss, denk ich mir. Im Web, am Radio, per WhatsApp, in der Gratiszeitung. Kommt dann aber Anna Luna mit dem Abendblättchen nach Hause und wirft es mit den Worten «Hei mers wöue wüsse?» zum Altpapier, merke ich: Sie ist geschult im Umgang mit überflüssigen News, und sie hat Gescheiteres zu tun, als sich darüber aufzuhalten.

Vier Stapel Altpapier.
«Hei mers wöue wüsse?»

Mittags kommt, seit Hans an der neuen Schule ist, bei uns an manchen Tagen kein Kind mehr heim. Meine Zeit wird länger, und als ich — ob der neuen Freiheit etwas ratlos — vor dem Quartier-Tearoom in der Sonne sitze, wendet eine Bekannte rassig ihr BMW-Cabrio. Sie steigt aus, wir plaudern, und sie rät: «Muesch halt mal en Schlampetag iilegge!» Schlampentag? Nie gehört. Ich mache mich kundig, und eine Freundin, nennen wir sie Ursula, klärt mich per Mail auf: «Endlich mal süsses Nichtstun ohne schlechtes Gewissen! DVD gucken mitten am Tag, laut die Lieblingsmusik aufdrehen und dazu tanzen, im Stehen direkt vor dem Kühlschrank essen, bis am Nachmittag in den Schlafklamotten rumgammeln, Comics lesen, im Internet Blödsinn zusammensurfen, Ferien googeln, sich am Hintern kratzen und dabei aus dem Fenster spähen …» Ich habs ausprobiert. Voll schlampig, zum Zmittag im Pyjama eine Scheibe Brot mit Mayonnaise, Pearl Jam auf Volllautstärke und dazu eines dieser ganz billigen Waschweiberheftchen. Aber, Hilfe, da ist sie schon wieder, auf Seite 7, die Sylvie van der Vaa… aaaaaaargh!

Bänz Friedli live: 22. 9. Säriswil BE, 23. 9. Luzern, Migros-Klubschule.

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli