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05. Dezember 2016

«Mein Stuhl sind meine Beine»

Mit zehn Jahren hat Alexandra Helbling zum ersten Mal ein Rennrollstuhlfahren gesehen. Von dieser Sekunde an gab es für sie – selbst im Rollstuhl – nichts anderes mehr als diesen Sport.

Der helle Saal wirkt durch die hohen Decken gewaltig. Er ist klinisch sauber. Gelassen sitzt Alexandra Helbling an einem runden Tisch des Paraplegiker-Zentrums in Nottwil. Sie ist seit ihrem sechsten Lebensjahr querschnittsgelähmt. Ein Autounfall war der Grund. Heute trainiert die 22-Jährige täglich für ihre Passion, daneben macht sie die Sportler-KV-Ausbildung. Begeistert präsentiert sie ihre Ausrüstung von den Hartschalen-Handschuhen bis hin zum massangefertigten Rennrollstuhl. Für die KV-Abschlussprüfung musste sie das Training ein wenig zurückstellen. «Ich merke es sofort an meinen Leistungen, wenn ich weniger trainiere», sagt die junge Frau. Sie vermutete bereits, dass es deswegen für die diesjährigen Paralympics in Rio de Janeiro nicht ausreichen werde. Motiviert fügt sie hinzu: «Es gibt ja noch die Spiele in Tokio 2020.»

Alexandra Helbling
Alexandra Helbling

Im Herbst 2004 verbrachte Helbling ihre Ferien im Tessin. «Ich sah plötzlich etwas die Leichtathletikbahn entlangrasen.» Anfangs hatte sie nicht erkannt, was für Fahrzeuge mit nur drei Rädern ihre Runden drehten. Fasziniert von der Geschwindigkeit hielt die damals Zehnjährige am Sportplatz an. Bei näherer Betrachtung erkannte sie, dass es Rollstühle waren. In dieser Sekunde wusste sie: «Das will ich auch machen.» Von da an gab es für sie kein anderes Gesprächsthema mehr.

Abendessen im Bundeshaus

Die Eltern wollten ihr trotz der körperlichen Einschränkungen eine möglichst normale Kindheit ermöglichen. «Mein Vater und meine Mutter haben sich dafür eingesetzt, dass ich auf eine reguläre Schule gehen konnte», sagt Helbling. Besonders gerne erinnert sie sich an ihr allererstes Rennen. Das hatte sie im Alter von 11 Jahren bei einem Rennrollstuhltreffen mit Marcel Hug, dem viermaligen Behindertensportler des Jahres. In einer Turnhalle gaben sich die beiden ein nicht allzu ernstes Wettrennen. Danach war ihre Entscheidung für diesen Sport endgültig besiegelt.
Heute gilt die in Nottwil wohnhafte Athletin als Schweizer Medaillenhoffnung in ihrer Disziplin. 2012 lud die damalige Bundespräsidentin Eveline Widmer-Schlumpf die Schweizer Paralympic-Sportler zum Abendessen ins Bundeshaus ein. Unter ihnen die damals 18-jährige Alexandra Helbling. 2014 erhielt sie den Swiss Paralympic Newcomer Award, und im Juni gewann sie bei der IPC-Leichtathletik Europameisterschaft im italienischen Grosseto zwei Bronzemedaillen.

Sie würde nicht mehr laufen wollen

Die knappe Freizeit geniesst Alexandra mit den Liedern des belgischen Sängers Stromae. Beim Training darf die Musik schon mal härter werden. Dann dröhnt der amerikanische Rocker Marilyn Manson aus ihren Kopfhörern. Seine Songs spornen die zielstrebige Frau an, ihren Geschwindigkeitsrekord von 37 km/h zu übertreffen.
Nach dem Lehrabschluss möchte sich Helbling ein ganzes Jahr nur auf die Leichtathletik konzentrieren. Ihr Ziel ist es, Profisportlerin zu werden, was bislang für Behindertensportler in der Schweiz nicht umsetzbar war. Trotzdem hadert sie nicht mit ihrem Schicksal: Wenn es jetzt eine Möglichkeit gäbe, die sie laufen lassen würde, würde ich sie nicht ergreifen. «Mein Stuhl sind meine Beine», sagt sie. Ihr Lächeln lässt vergessen, dass sie im Rollstuhl sitzt.

Autor: Jessica Black

Fotograf: Jessica Black