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29. September 2014

Mein Nachbar, der Flüchtling

In einem Zürcher Villenviertel wohnen seit einem halben Jahr Flüchtlingsfamilien aus Ostafrika. Die SVP Zürich zeigte sich empört, die Anwohner reagierten mit einer Solidaritäts-Welle.

Claudia Bott (rechts) und Ursula Kohlbacher in der Asylunterkunft im Gespräch mit Ines aus Kamerun.
Claudia Bott (rechts) und Ursula Kohlbacher in der Asylunterkunft im Gespräch mit Ines aus Kamerun.

Von der Asylstrasse her dröhnt ein Presslufthammer. Strassenarbeiter fluchen auf Portugiesisch, ein Putzwagen wälzt seine Bürsten in rhythmischen Kreisen den Zürichberg hinauf. Für e suubers Züri. Neben Villen, Neubauten, Minis Cooper und schwarz-matten BMWs steht ein Mehrfamilienhaus, das Anfang des Jahres in der Limmatstadt zu reden gab: die Sonnenbergstrasse Nummer 19. Die Klingelschilder lassen den Grund dafür erahnen. Hier wohnen Yusuf, Dawud und Hassan, über Frau Müller und Herr Rosenthal kleben Plastiketiketten mit exotisch klingenden Familiennamen. Aus dem ehemaligen Wohnhaus wurde ein Heim für ostafrikanische Flüchtlinge.

Toplage: Das efeubewachsene Flüchtlingshaus an der Sonnenbergstrasse.
Toplage: Das efeubewachsene Flüchtlingshaus an der Sonnenbergstrasse.

Das Haus gehört einer Zürcher Immobilienagentur, Ende 2016 ist ein Neubau geplant. Dieser war ursprünglich früher angesetzt, den Mietern wurde gekündigt. Nun hat man sich entschlossen, mit der Renovation abzuwarten und bot das Gebäude der AOZ (Asylorganisation Zürich) zur Zwischennutzung an. Heute wohnen rund 80 Personen im Haus, die meisten kommen aus Eritrea, Syrien oder Afghanistan.

Zwei Drittel von ihnen haben eine Flüchtlingsanerkennung (B) oder eine vorläufige Aufnahme (F). Noch rund ein Drittel der Hausbewohner ist in einem laufenden Verfahren. Laut Angaben der AOZ bewohnen hauptsächlich Familien das Haus. Die Erwachsenen mit wenig oder ohne Familienaufgaben besuchen einen Deutschkurs oder gehen einer Beschäftigung nach, die Kinder besuchen einen Kindergarten oder eine Schule.

Der SVP-Gemeinderat empörte sich über diese exklusive Lage

«Asyl mit Seesicht» titelte der «Blick», von einem «neuen Asylheim am noblen Zürichberg» war die Rede. Ein Augenschein vor Ort zeigt: Die Aussicht vom Haus Nummer 19 mag zwar eine der besseren der Stadt sein, um eine prunkvolle Villa handelt es sich aber nicht. Die Aussenwand hat ihre besten Jahre hinter sich, Efeu rankt die graubraune Fassade empor, das Dach weist erste Risse auf und die Rollläden könnten einen Anstrich vertragen.

«Dank der Flüchtline ist das Quartier hier endlich belebter.» Alex, Thien und Gaby Brogli freuen sich über ihre neuen Nachbarn.
«Dank der Flüchtline ist das Quartier hier endlich belebter.» Alex, Thien und Gaby Brogli freuen sich über ihre neuen Nachbarn.

SVP-Gemeinderat Urs Fehr empörte sich trotzdem über die exklusive Wohnlage: «Asylbewerber gehören nicht auf den Zürichberg!», sagt er. Die Platzierung von Asylbewerbern in einer Stadt und noch dazu an dieser Lage sei kreuzverkehrt. Für die Flüchtlinge würden falsche Anreize geschaffen, wenn sie plötzlich an exklusiver Lage mit reichen Nachbarn und Seesicht wohnen. «Man muss kein Hellseher sein, um zu wissen, dass das eine Sogwirkung erzeugt.» Urs Fehr startete «im Namen der Bevölkerung von Zürich Hottingen» eine Petition gegen die Unterkunft.

500 Leute aus den Gebieten Zürich, Aargau und Solothurn unterschrieben die Forderung. Fehr setzte einen drauf und forderte die Absetzung des Quartierpräsidenten. Dieser Antrag blieb chancenlos. Martin Schmassmann, parteiunabhängiger Präsident des Quartiervereins Hottingen, sagt heute: «Die Kreispartei 7 und 8 der SVP hat mit der Unterschriftensammlung und dem Angriff auf mich kläglich Schiffbruch erlitten.» Für Schmassmann ist das ein Zeichen für ein offenes Quartier, das sich durch populistische, fremdenfeindliche Parolen und das Schüren von Angst nicht beeinflussen lässt.

«Von Leuten aus anderen Ländern kann man viel lernen»

Wie offen das Quartier tatsächlich ist, zeigt sich am Beispiel von Ursula Kohlbacher (75) und Claudia Bott (67), die ein paar Strassen weiter weg wohnen. In der Zeitung haben sie vom Einzug der Flüchtlinge gelesen und sich spontan bereit erklärt, die Bewohner im Alltag zu unterstützen. Ursula Kohlbacher ist pensionierte Juristin und bot den Flüchtlingen Rechtsberatung und Deutschunterricht an. Da wollte auch ihre Nachbarin Claudia Bott mitmachen und meldete sich bei der AOZ.

«Wir haben keine Berührungsängste.» Chantal Shields mit ihrem Sohn Ryan.
«Wir haben keine Berührungsängste.» Chantal Shields mit ihrem Sohn Ryan.

Nun gehen die engagierten Frauen im Haus an der Sonnenbergstrasse ein und aus, trinken mit den Bewohnern Tee und unterhalten sich auf Deutsch. Heute zum Beispiel mit Ines (27) aus Kamerun. In ihrem kleinen Wohnzimmer sitzen die drei Frauen zusammen, während ihre beiden Zwillingsmädchen (2) scheu die Szenerie beobachten.

Ines lebt seit zweieinhalb Jahren in der Schweiz. In ihrer neuen Bleibe gefällt es ihr. Sie hat im Vergleich zum Durchgangszentrum, wo sie vorher gewohnt hat, sogar eine eigene Kochnische. Ines arbeitet in der Kantine eines Altersheims und spricht gut Deutsch. «Die Bewohner im Haus sind sehr selbständig, aber Konversation auf Deutsch zu machen, gefällt ihnen», erzählt Ursula Kohlbacher. Warum sich die Frauen freiwillig engagieren? «Ich will mich einbringen. Von Leuten aus anderen Ländern kann man viel lernen», sagt Claudia Bott.

Zu den engagierten Frauen im Quartier gehört auch Enid Kopper (68). Bereits im Mai hat sie eine Aktion gestartet und für die Bewohner an der Sonnenbergstrasse 19 Möbel und Kleidungsstücke zusammengetragen. Auch heute besucht sie das Wohnhaus regelmässig und erkundigt sich, was die Bewohner und Bewohnerinnen benötigen. Gerade hat sie für eine Frau Inlineskates organisiert. Für sie ist die Nachbarschaftshilfe selbstverständlich: «Jeder verdient ein Gefühl des Willkommenseins.» Das findet auch Familie Brogli. Das Lehrerpaar Alex (57) und Gaby Brogli (66) wohnt seit 22 Jahren an der Sonnenbergstrasse. Sohn Thien (20) beeindruckt die Aufregung um die Asylunterkunft nicht. «Ich rauche jeden Abend auf der Terrasse. Das Einzige, was ich bemerke, sind andere Jugendliche, die Bierflaschen rumschmeissen.»

Auch die Neuzuzüger sind offen für die Nachbarn aus Ostafrika

Zwei junge Flüchtlinge haben Thien Brogli kürzlich sogar geholfen, schwere Einkaufstaschen von der Tramhaltestelle zum Haus zu schleppen. «Und sie sagen auch anständig Grüezi, was man von vielen Anwohnern nicht behaupten kann.» Seine Mutter sagt: «Ich bin so froh, dass durch die Flüchtlinge dieses Quartier endlich belebter ist.»

Seit ein paar Monaten stehen neben dem Haus Nummer 19 auch Neubauten. Was dachten die Neuzuzüger, als sie erfuhren, dass sie neben eine Asylunterkunft ziehen? «Das macht für mich keinen Unterschied», sagt Chantal Shields (32). Sie wohnt mit ihrem Sohn Ryan (6) und ihrem Partner direkt neben dem Efeuhaus und hat die Wohnung nur bekommen, weil jemand aus dem Vertrag ausgestiegen ist, als er vom «Asylheim» erfahren hat. Dass die Person Angst vor Lärm hatte, kann Chantal Shields nicht verstehen: «Ich bin für alles offen.»

Dorothee Felix wohnt seit 70 Jahren an der Sonnenbergstrasse. Sie fragt sich, ob der Standort für die Flüchtlinge richtig ist.
Dorothee Felix wohnt seit 70 Jahren an der Sonnenbergstrasse. Sie fragt sich, ob der Standort für die Flüchtlinge richtig ist.

Die Einzige, die sich beschwert, ist Dorothee Felix (84), die seit 70 Jahren an der Sonnenbergstrasse wohnt. Sie bemängelt «die miserable Kommunikation der AOZ». Erst am Tag des Einzugs der Flüchtlinge lag bei ihr ein Flyer im Briefkasten. Sauer aufgestossen ist ihr auch, dass die vorherigen Mieter aus ihren Wohnungen mussten. Dann gibt sie zu Bedenken: «Ich weiss nicht, ob es psychologisch geschickt war, die Flüchtlinge, die schon genug gelitten haben, neben gut angezogenen Menschen und schicken Autos zu platzieren. So fühlen sie sich vielleicht ausgeschlossen.»

Für solche Aussagen hat Ursula Kohlbacher kein Verständnis: «Diese Leute waren an Leib und Leben bedroht und sind jetzt nur froh über eine Bleibe.» Im Treppenhaus wird sie von einem Bewohner aus Afghanistan angesprochen, der Hilfe bei einer Bewerbung braucht. «Klar, rufen Sie mich an!», sagt Ursula Kohlbacher, schüttelt ihm die Hand und ruft eine Verabschiedung auf Persisch hinterher.

Die Fakten zum Asylwesen

Klicken Sie hier , um die Infografik von den Seiten 18 und 19 aus dem Migros-Magazin vom 29. September 2014 zu öffnen.

Autor: Silja Kornacher

Fotograf: Pascal Mora