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01. Februar 2016

Mein Jahr als Au-Pair

Zähmung einer Widerspenstigen: Wie mir eine fremde Familie ihre vier Kinder anvertraute und ich dabei lernte, Verantwortung zu übernehmen.

Zähmung einer Widerspenstigen
«Meine» Kinder Sébastien, Ludovic, Jocelyn und Ludmilla.

Man kann nicht sagen, dass ich ein einfacher Teenager war. Also beschlossen ich und meine Mutter nach der obligatorischen Schulzeit einstimmig, dass uns beiden etwas Distanz wohl guttun würde. Zudem hatte ich es mit der Berufswahl und dem Erwachsenwerden nicht gerade eilig. Schliesslich entschied ich mich, ein Au-pair-Jahr in Genf zu verbringen.

Im Sommer 2005 überquerte ich als 15-Jährige voller Vorfreude auf die neue Freiheit den Röstigraben, um im schicken Genfer Ort Cologny als «jeune fille au pair» zu arbeiten. Die Kinder der Gastfamilie waren damals fünf, sieben, zehn und zwölf Jahre alt und unglaublich gut erzogen. Und vom internationalen Genf war ich als Thuner Meitschi von Anfang an begeistert: Ich hatte den Lottosechser gezogen!

Alltag in Cologny
Mittags ass ich zusammen mit den Kindern, ihren Freunden und der Gastmutter Marie-Laure, die teilweise von zu Hause aus arbeitete. Meine Arbeit begann meistens am Nachmittag. Ich brachte die Kinder zur Schule und sorgte mit den Eltern dafür, dass der Freizeitplan, bestehend aus Fussball, Ballett, Musikunterricht und Solfège, der Tonlehre, eingehalten wurde. Danach erledigte ich kleinere Haushaltsaufgaben und bereitete das Abend­essen zu – teilweise regelrechte Festschmäuse aus der «Elle Cuisine». Meine Aufgaben empfand ich nie wirklich als Arbeit. Ich war keine Angestellte, sondern ein Teil der Familie und ihres Alltags. Diese Regelmässigkeit tat mir, dem damals rotzigen Teenager, wahnsinnig gut.

An vier Tagen pro Woche besuchte ich morgens die Didac-Schule, um mein Französisch auf Vordermann zu bringen, weitere Schulfächer zu repetieren und meine Au-pair-Freundinnen zu treffen. Die Ausgehzeit begrenzten meine Mutter und die Gastfamilie auf 23 Uhr. Fernab von der mütterlichen Autorität konnte ich endlich frei sein. Meine Gasteltern waren jedoch streng genug, um mich meine Freiheiten nicht zu sehr ausreizen zu lassen – der Widerspenstigen Zähmung war in vollem Gang.

Was übrig blieb
Ich lernte, Verantwortung zu übernehmen. Nicht nur für vier Kinder und tägliche Mahlzeiten, sondern auch für mich selbst. In die Romandie zurückgezogen hat es mich immer wieder: als Journalistin nach Lausanne oder öfter als Besucherin nach Genf. Die Seepromenade und das internationale Flair begeistern mich jedes Mal. Der Kontakt zur Familie hingegen ist wie bei den meisten Au-pairs irgendwann abgeflacht.

Im vergangenen Jahr, zehn Jahre später, war ich zufälligerweise in der Gegend und entschloss mich zu einem spontanen Besuch. Als der Zweitälteste die Tür öffnete, erkannte er mich erst nicht. Doch bei Ludmilla, dem einzigen Mädchen in der Familie, war der Fall klar: «Maman, c’est­ la jeune fille!», rief sie. Drinnen sah noch ­alles gleich aus: Ich kannte jede Ecke des Hauses und jede Narbe der Kinder. Doch nicht nur die Familie steht mir immer noch nahe: Mit zwei meiner Au-pair-Freundinnen von damals plane ich derzeit meine nächsten Sommerferien.

Autor: Anne-Sophie Keller