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17. September 2012

Mein Höllenritt

Bänz Friedli will hoch hinaus.

«Der letzte Film, der mir Tränen in die Augen trieb …», hatte ich unlängst auszufüllen; man kennt diese Art Fragebogen. «Ehrlich gesagt, es war der Zeichentrickfilm ‹Happy Feet 2›, exakt in der Szene, in der Pink das Lied ‹Bridge of Light› zu singen anhebt», trug ich ein. «Und meine grosse Sorge ist, dass unsere Kinder, wenn ‹Happy Feet 3› rauskommt, dem Kinderfilmalter entwachsen sein werden. Wer begleitet mich rührseligen Kindskopf dann ins Kino?»

Lunapark
«Kinder sind eine prima Ausrede.»

Kinder sind eine prima Ausrede. Einen Hamburger im Hurtigimbiss? «Klar komme ich mit, euch zuliebe!» (Gelogen: Vati mag den Junkfood selber fürs Leben gern.) «Und wollt ihr nachher noch bowlen gehen?» Gastieren die Young Boys im Letzigrund, argumentiere ich: «Es wäre doch toll für Anna Luna, sie sähe ihr YB wieder mal live …» Dabei will ich selber hin. «Jetzt stell mal diese Musik leiser!», befehle ich und bin heimlich froh, dass Hans – weil er mich gar nicht gehört hat – die Toten Hosen so brutal laut laufen lässt, dass ich in der Küche prächtig mitgrölen kann: «An Tagen wie diesen …» Alles Unerwachsene, das man gerne tut, lässt sich den Kindern unterschieben. Sei es nur, nach dem Abendessen noch eine Runde «Activity» zu spielen, das Spiel, in dem man einen Begriff zeichnen, umschreiben oder pantomimisch darstellen muss – und die Teampartner müssen ihn erraten. Klasse, wie Hans letzte Woche ein Tandem mimte! Nein, wirklich: Kinder sind der beste Vorwand, um den Kitschbruder, die Heulsuse und überhaupt das Kind im Manne auszuleben.

Kinder sind eine prima Ausrede.

Solang sie klein sind. Werden die Kindereien dann anspruchsvoller, wirds anstrengend für Väter, die jeden Seich mitmachen, stets mithalten wollen. Ich werde hier nicht im Altweibersommer aufwärmen, welch Mühsal es mir bereitete, im fortgeschrittenen Alter noch snowboarden zu lernen. Und die Tochter ein-, zweimal wöchentlich zum Vitaparcours zu begleiten, geht ja noch. (Einzig bei den Klimmzügen sah ich gestern alt aus; geschaffte Anzahl: null.) Aber das Knabenschiessen trieb mir wahrlich Tränen in die Augen, und es waren nicht solche der Rührung. Früher entschieden sich unsere Kinder an dieser Chilbi ja stets fürs Ponyreiten, fürs Rösslispiel mit den schönen Holzfiguren und das hübsch nostalgische Kettenkarusell. Ich begleitete sie noch so gern. Aber diesmal waren die Horrorbahnen dran. Und ich sage Ihnen: H-o-r-r-o-r! Fragen Sie mich nicht, welcher Teufel mich ritt, den «Schisshas» im Manne zu überwinden und mich neben Hans auf die Monstermaschine zu setzen, deren Hebearm einen 25 Meter weit in die Luft emporschleudert, einen gewaltig durchrüttelt – und dafür bezahlt man auch noch Geld! –, und auf dem Kulminationspunkt harrt er mehrere Sekunden aus, dass einem die Haare zu Berge stehen. Nur stehen sie einem dann eben zu Tale, weil man ja kopfüber hängt, hoch über der Erde … Spieltrieb? Nein, das war falscher männlicher Ehrgeiz. Noch nach Tagen tut mir alles weh, und die Augen fühlen sich an, als wollten sie herausspringen.

Als der Höllenritt überstanden war, klatschten Hans und ich uns ab, beteuerten, es sei «mega geil» gewesen, und ich glaube, wir haben beide geflunkert. Das nächste Wochenende nehmen wirs ruhiger: Filmabend en famille. Ich habe «Happy Feet 2» auf DVD gekauft. Aber ob die Kinder den noch mal schauen mögen?

Bänz Friedli live: 20.9., Ehrendingen AG; 21.9., Klosters GR

Bänz Friedli (47) lebt mit seiner Frau und den beiden Kindern in Zürich.

Die Hausmann-Hörkolumne , gelesen von Bänz Friedli (MP3)

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Autor: Bänz Friedli

Fotograf: Bänz Friedli