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15. April 2013

«Mein Gehirn merkt sich nur, was mich fasziniert»

Yves Walker hat das Asperger-Syndrom. Soziale Kontakte zu knüpfen und sich in andere Menschen zu versetzen, fällt ihm schwer. Doch Asperger haben nicht nur Schwächen. Ihr logisches Denken ist hochgradig ausgebildet. Eine Gabe, die man fördern sollte.

Yves Walker
Yves fotografiert gern und sammelt alte und neuere Kameras. Familienhund Speedy 
ist ein beliebtes Fotosujet.
Cassidy Schaffhauser
Cassidy Schaffhauser

Zusatzinfos Asperger in der Arbeitswelt

Die Aspergerbetroffene Cassidy Schaffhauser erzählt, wie sie mit dem Syndrom in der Arbeitswelt zurechtkommt, was sie an ihrer Arbeit im Lehrbetrieb Asperger Informatik schätzt und was nicht. Zum Artikel

Yves Walker (13) möchte Problemlöser werden. Nicht weniger und nicht mehr. Auf seiner Berufswunschliste standen auch schon Archäologe, Bauer, Chemiker oder Er- finder. «Sicher möchte ich einmal nicht in einem Büro arbeiten oder Politiker sein», führt er weiter aus. Anpacken würde er das AKW-Problem: «Sonnen- und Windenergie sind viel wirtschaftlicher», sagt er bestimmt.

Marianne Walker merkte früh, dass ihr Sohn anders ist, doch es vergingen viele Jahre bis zur Diagnose «Asperger».
Marianne Walker merkte früh, dass ihr Sohn anders ist, doch es vergingen viele Jahre bis zur Diagnose «Asperger».

Auf den ersten Blick scheint es eigenartig, dass Yves sich als Problemlöser sieht, begleiteten doch viele eigene Probleme sein bisheriges Leben. Mutter Marianne Walker hatte schon früh gemerkt, dass ihr Sohn anders ist. «Mit zwei konnte er perfekt sprechen, aber spielen wollte er mit niemandem. Mit vier verkündete er, er gehe weder in den Kindergarten noch in die Schule», erzählt sie.

Zu Hause hatte er Wutanfälle, schrie viel. Später, als er gegen seinen Willen Hausaufgaben machen sollte, flogen Bleistifte, Füller, Gummis und Stühle durch die Küche. «Ich hasse die Schule», sagt er auch heute. «Lieber bin ich zu Hause und erfinde etwas.» Yves’ Zimmer ist denn auch Tüftlerwerkstatt und Museum in einem. Er sammelt Kameras, Versteinerungen und Autos, baut Dampfmaschinen zusammen, bastelt nachmittagelang.

Zweimal wurde Yves schulpsychologisch abgeklärt und als normal befunden, auch bei der Intelligenz. Er war beim Psychiater, beim Kinesiologen und in der Hypnose. Niemand konnte Marianne Walker sagen, was mit ihrem Sohn los ist. Als sie schliesslich Tony Attwoods Buch «Das Asperger-Syndrom» las, meinte sie, Yves Biografie zu lesen. Über die Asperger-Hilfe Nordwestschweiz fand sie den Kinder- und Jugendpsychiater Thomas Girsberger, der die Diagnose im April 2012 bestätigte.

Das Asperger-Syndrom (AS) gehört zu den autistischen Störungen. Nach engen wissenschaftlichen Kriterien sind 0,7 Prozent der Bevölkerung oder etwa 50 000 Menschen von Autismus betroffen. Alle autistischen Störungen treten beim männlichen Teil der Bevölkerung deutlich häufiger auf.

Menschen mit Asperger-Syndrom sind wegen ihres hochgradig logisch-rationalen Denkens besonders oft in Berufen anzutreffen, in denen schnelles, fehlerfreies, detailorientiertes Arbeiten im Vordergrund steht, wie etwa in der Informatik oder der Buchhaltung.

Yves erhält mittlerweile pro Woche vier Förderlektionen bei einer Heilpädagogin und ist in Mathematik wegen ungenügender Leistungen von der Notengebung befreit. Darüber ist er froh: «Noten motivieren mich nicht», sagt er. «Mein Gehirn ist darauf ausgelegt, sich nur zu merken, was mich fasziniert.» In eine Privatschule will er nicht. «Ich möchte meine Kollegen nicht verlieren, denn es fällt mir schwer, Freunde zu finden. Ich bin sehr scheu Fremden gegenüber.» Für Kinder wie Yves ist eine Schule, in der individualisiertes Lernen möglich ist, hilfreich.

«Ihnen kommt entgegen, wenn sie mehrere Wochen an einem möglichst selbst gewählten Projekt arbeiten können», erklärt Thomas Girsberger, der sich seit Jahren dafür einsetzt, das Verständnis für die Besonderheiten der Asperger-Betroffenen zu fördern. Sinnvoller als mathematische Formeln sei beispielsweise zu üben, wie das eigene Verhalten auf andere wirke. «Die wichtigste Massnahme ist jedoch die Beratung der nächsten Bezugspersonen», so der Liestaler Psychiater. «Das verständnisvolle Umfeld ist die halbe Miete.»

Auch Medikamente sind manch- mal nötig. Denn Depressionen und Angststörungen kommen bei Asperger- Betroffenen gehäuft vor. Im angelsächsischen Raum wird derzeit das «Wunderhormon» Oxytocin bei Personen mit Autismus und Asperger klinisch erprobt. Möglich also, dass es in ein paar Jahren ein Medikament gibt, das die widerspenstigen «Aspis», wie sie sich selbst auch nennen, zu umgänglicheren Menschen macht. In Internetforen reagieren Betroffene allerdings mit Skepsis: «Gesellschaftsfähig zu sein, heisst, seine Individualität aufzugeben, um der Herde zu folgen», ist zu lesen. Ob das erstrebenswert ist, kann nur individuell beantwortet werden.

Autor: Veronica Bonilla Gurzeler

Fotograf: Annette Boutellier